»O das ist zu weit!«
»Nein, nein, Sahib! Bitte, schieße!« drängten sie alle.
Ich stellte das Klappvisier meiner Büchse auf 400 Meter, zielte und drückte ab, und von Fels zu Fels stürzte die arme Ziege unter der wahnsinnigen Aufregung der sich um mich drängenden Menge. Sie rollte weiter, bis sie an das Strauch- und Buschwerk kam, wo ihr Fall sich verlangsamte. Endlich blieb der zierliche Körper an einem größern Baume hängen.
Äxte wurden sofort herbeigeschafft und zwei große Bäume eiligst abgeästet und gefällt. Es sollte eine Brücke über das kalte, reißende Wasser des Kali geschlagen werden. Ein Baum wurde hinübergeworfen; seine Spitze reichte gerade bis zu einem Felsen auf dem andern Ufer. Tiefstes Schweigen herrschte, als ein Kuli hinüberbalancierte. Er hatte fast das jenseitige Ufer erreicht, als der Baumstamm plötzlich krachte und brach, und der arme Teufel schreiend im Wasser lag, sich mit den Fingern krampfhaft an einen Ast des Baumes krallend. Ein Kuli eilte zu Hilfe, aber da die Strömung den Baum hin und her warf, wurde auch er ins Wasser geschleudert. Erst nach Augenblicken ängstlicher Spannung gelang es, unter großen Anstrengungen die beiden Leute zu retten.
Der Weg bis Lahmari, unserm nächsten Lagerplatze, führte an hübschen Wasserfällen vorbei durch eine so reizende Landschaft, daß wir die Beschwerden des Kletterns auf dem mühsamen Wege ganz vergaßen.
In frühern Zeiten ging der Weg über den höchsten Teil des Abhanges, und ein guter Fußgänger brauchte einen ganzen Tag, um von einer Quelle zur andern zu gelangen; daher der Name »wasserlos«.
In Lahmari endet der Nerpani.
Bald erwartet ein unfreiwilliges Sturzbad den Vorübergehenden und durchnäßt ihn bis auf die Haut, wenn er nicht mit wasserdichtem Mantel und mit Regenschirm versehen ist. Ein dichter Sprühregen fällt auf einer Strecke von einigen dreißig oder vierzig Meter aus großer Höhe herab. Der Weg ist hier sehr schmal und schlüpfrig, so daß man nur langsam vorwärts kommt.
Wenn auch nicht ebener, so wird der Weg von hier aus für den geübten Fußgänger doch besser. Er ist weniger felsig und hat nicht die ermüdenden Stufen.
Zu unserer Rechten liegt hoch oben am Felsenhange das malerische Dorf Buddi (2830 Meter) mit seinen zwei- und dreistöckigen Häusern. Unter und über ihm sieht man den Weg in großen Zickzacklinien zur Höhe des Tschai-Lek oder Tschetopasses hinaufführen.