Einige der von den Lamas an britischen Untertanen verübten Scheußlichkeiten sind empörend, und für die Engländer, die in diese Gegenden kommen, ist es ebenso betrübend wie erbitternd, denken zu müssen, daß die Schwäche unserer Beamten in Kumaon solche Greuel erlaubt hat und noch erlaubt.
Die Beamten sind in der Tat so machtlos, daß der Jong Pen von Taklakot in Tibet alljährlich seine Emissäre »mit Genehmigung der britischen Regierung« herüberschickt, um von britischen Untertanen, die auf britischem Boden leben, Grundsteuer einzuziehen. Der Peschkar treibt diese Steuern ein und übergibt sie in Garbyang den Tibetern. Die Schokas müssen diesen Tribut und daneben noch andere Steuern und Handelszölle bezahlen, die von den Tibetern unrechtmäßigerweise gefordert werden, und aus Furcht tun sie es auch. Unter den nichtigsten Vorwänden nehmen die Tibeter britische Untertanen auf britischem Gebiet fest, martern sie, legen ihnen unbarmherzige Geldbußen auf und konfiszieren ihr Eigentum.
Zur Zeit meines Aufenthalts konnte man in Garbyang und andern Dörfern britische Untertanen, Schokas, sehen, die von den tibetischen Behörden verstümmelt worden waren.
Selbst Dr. H. Wilson, der in Gungi, einen Tagemarsch hinter Garbyang, eine Apotheke errichtet hatte, war kürzlich mit Konfiskation und noch Schlimmerm bedroht worden, wenn er sich nicht sofort den Forderungen der Tibeter füge. Er weigerte sich, es zu tun, und berichtete darüber an die Regierung, indem er sich auf seine gute Flinte und seine zahlreichen Diener verließ. Sein fester Entschluß, sich nicht einschüchtern zu lassen, scheint ihm zeitweilig Sicherheit verschafft zu haben, denn die Tibeter sind, wenn sie sich einem ihnen gewachsenen Gegner gegenüber fühlen, ebenso feige, wie sie grausam sind.
Ich führe hier ein empörendes Beispiel an, das sich 1896 zugetragen hat.
Ein Schokahändler, unzweifelhaft britischer Untertan, war, wie es bei seinesgleichen Sitte ist, über die Grenze gegangen, um während des Sommers seine Waren auf dem tibetischen Markte abzusetzen. Er geriet mit einem andern Schoka, ebenfalls einem britischen Untertan, in Streit.
Wohl wissend, daß der erstgenannte wohlhabend war, benutzten die tibetischen Behörden diesen Vorwand, um ihn festzunehmen und ihm eine übermäßige Geldbuße aufzuerlegen. Daneben diktierten sie ihm noch die weitere Strafe von 200 Peitschenhieben, die ihm auf Befehl des Jong Pen appliziert werden sollten. Der Schoka verwahrte sich dagegen, indem er sich darauf berief, daß er kein Unrecht begangen habe und daß sie kein Recht hätten, ihn als britischen Untertan so ungerecht zu bestrafen.
Der Jong Pen ließ die Strafe vollziehen und gab seinen Leuten noch den Befehl, dem unglücklichen Gefangenen die Hände abzuschneiden. Er wurde zwei Soldaten überantwortet, die mit der Vollziehung des Urteils betraut wurden. Sie führten ihn nun nach dem Orte der Strafvollstreckung.
Der Schoka war sehr kräftig gebaut und besaß einen unbezähmbaren Mut; obgleich halbtot und mit Wunden bedeckt, überwand er seine beiden feigen Wächter und entfloh. Augenblicklich wurde Lärm geschlagen und eine große Reiterschar ausgesandt, um ihn einzufangen. Sie erreichten ihn auch, feuerten aus nächster Nähe und trafen ihn, so daß ihm die Kniescheibe zerschmettert wurde. Er wurde umringt, zu Boden geworfen, erbarmungslos geschlagen, und zuletzt zermalmten sie jeden seiner Finger einzeln zwischen zwei schweren Steinen. In diesem Zustande wurde er vor die Lamas geschleppt, um schließlich enthauptet zu werden!
Der britische stellvertretende Kommissar in Almora erhielt Kenntnis von diesem Vorfall, und nachdem er sich über die Wahrheit desselben vergewissert hatte, berichtete er darüber an die Regierung und riet dringend zu einem sofortigen Vorgehen gegen die Tibeter, um sie für diese und andere Grausamkeiten, die beständig an unserer Grenze stattfanden, zu bestrafen. Obgleich es unwiderleglich bewiesen war, daß das Opfer ein britischer Untertan war, tat die indische Regierung keinerlei Schritte!