In demselben Jahr 1896 wurde Leutnant Gaussen, der auf einem Jagdausfluge den Versuch machte, über den Lippupaß nach Tibet zu kommen, von tibetischen Soldaten umringt und samt seiner Dienerschaft schwer mißhandelt. Der britische Offizier erhielt eine Wunde an der Stirn, und einer seiner Diener, der sich heldenmütig benahm, wurde so grausam behandelt, daß er, wie ich höre, noch heute, zwei Jahre nach jenem Vorfall, invalid ist.
Mr. J. Larkin, Steuereinnehmer in Almora, wurde damals nach der Grenze geschickt. Man hätte keinen bessern Mann aussenden können.
Fest, gerecht, unverdrossen, war er unter den Schokas beliebt und sehr geachtet. Er ließ sich ihre Beschwerden und Leiden erzählen und übte Gerechtigkeit, wo es möglich war. Er verweigerte niemand Gehör und wurde während seines vorübergehenden Aufenthalts mit dem Lande, dem Volke und allem, was vorging, wohlbekannt. Die armen Schokas fühlten sich sehr erleichtert, da sie dachten, daß den tibetischen Mißbräuchen endlich ein Ende gemacht werden würde. Sie täuschten sich auch nicht, wenigstens für eine Zeitlang.
Der Jong Pen von Taklakot wurde aufgefordert, sich wegen seiner zahlreichen Missetaten zu verantworten. Er verweigerte eine Zusammenkunft. Mr. Larkin, ein Engländer von gutem altem Schlag, ließ ihm über die Grenze sagen, daß er keinen Spaß verstehe und daß er zu kommen habe, worauf der Jong Pen mit seinen Offizieren und Lamas über den schneebedeckten Lippupaß kam. Vor Furcht zitternd und sich bis auf den Boden neigend, betraten die Tibeter mit kriechender Unterwürfigkeit das Zelt unserer britischen Abgesandten.
Die Beschreibung dieser Zusammenkunft, die mir von einem Schoka gegeben wurde, der als Dolmetscher dabei gewesen war, ist amüsant und merkwürdig und gibt ein Bild von der Wankelmütigkeit und Heuchelei der Tibeter. Mit der Feigheit seiner Gäste wohlbekannt, erlangte Mr. Larkin schließlich nicht nur Abhilfe in allen Punkten, sondern hielt auch dem Jong Pen und seinen Offizieren eine strenge Strafpredigt. Der Erfolg der Zusammenkunft war der, daß der Einziehung der Grundsteuer ein Ende gemacht und die Handhabung des tibetischen Gesetzes auf unserer Seite der Grenze aufhörte.
Mr. Larkins Aufenthalt in Bhot wurde aber durch dringenden Befehl zu sofortiger Rückkehr nach Almora abgebrochen.
Im folgenden Jahre, dem Jahre meines Besuches, 1897, zerstörte der stellvertretende Kommissar vieles von dem, was der vor ihm tätig gewesene Beamte erreicht hatte. Der Jong Pen weigerte sich, einer an ihn ergangenen Aufforderung zu folgen, und schickte Abgesandte an seiner Statt. Die weitere Folge ist, daß jetzt die Schokas den Tibetern die Grundsteuer wieder zahlen.
Ich habe diese Tatsachen erwähnt, weil sie typisch sind, und um zu zeigen, wie es kam, daß die Eingeborenen, die nie irgendwelchen Schutz von unserer Regierung gehabt haben, trotz des verführerischen Lohnes, den ich ihnen anbot, nicht zu bewegen waren, den Gefahren von Tibet Trotz zu bieten. Ich, der ich später durch die Verräterei von Schokas so viel zu leiden hatte, bin der erste, ihnen zu verzeihen und sie nicht zu tadeln.
Obgleich sie dem Namen nach unsere Untertanen sind, sind doch die Tibeter ihre eigentlichen Herrscher, und wir tun nichts, um sie gegen die Anmaßungen und Quälereien der Eindringlinge zu schützen. Wie können wir da erwarten, daß sie uns treu sein sollen? Und kann nicht dieses Mißtrauen, das durch unsere Schwäche genährt wird, eines Tages noch zu einer furchtbaren Gefahr werden, wenn wir einmal gezwungen sein sollten, unsere Grenzen gegen einen mächtigern Feind zu schützen, als es die Tibeter sind? Die Schokas sind von Natur nicht verräterisch, aber sie sind gezwungen, zu betrügen, um ihr Leben und ihre Heimstätten zu bewahren. Richtig behandelt, würden diese ehrlichen, sanften, gutmütigen Gebirgsbewohner sicher loyale und zuverlässige Untertanen Ihrer Majestät werden.