»Es ist mir lieber, wenn er seinen Rücken schüttelt als den meinen«, sagte ich scherzend.

»Oder meinen«, fügte der Doktor zur größten Verwunderung unserer geängstigten Besucher bei.

»Wohin ist es gegangen?« wiederholten ungeduldig die Schokas.

Ich zeigte nach Nordnordost, und sie seufzten erleichtert auf. Es mußte nach der andern Seite des Himalaja gegangen sein.

Nach den Vorstellungen der Schokas lebt im Innern der Erde ein böser Geist in Gestalt eines riesenhaften Wurmes in einem Zustande der Erstarrung. Das einem Erdbeben vorangehende Rollen ist nichts anderes als der schwere Atem des Ungetüms vor seinem Erwachen, der wirkliche Stoß dagegen wird dadurch veranlaßt, daß das Tier sich dehnt und reckt. Völlig erwacht, schnellt der schlangenähnliche Dämon empor, bricht sich in irgendeiner Richtung Bahn und zwingt dadurch die Erde, an seinem unterirdischen Wege entlang zu erbeben. Bei diesem gewaltsamen Vorgehen richtet er großen Schaden an Besitz und Leben an, der Furcht und des Schreckens nicht zu gedenken, die Mensch und Tier bei der Vorstellung empfinden, daß der launenhafte Geist eines schönen Tages vielleicht gerade unter die Stelle der Erdkruste zurückkehren könnte, auf der sie selbst stehen. Es muß überraschen, daß die Schokas neben ihren Ansichten über den Ursprung des Erdbebens sich der Tatsache wohlbewußt sind, daß ein Erdbeben stets eine bestimmte Richtung verfolgt. Auch werden die gewöhnlichen Symptome der Annäherung eines heftigen Bebens, wie die Depression in der Atmosphäre, die sie einem fieberhaften Zustande des Riesenwurmes zuschreiben, von ihnen ohne weiteres erkannt.

Als ich einige Monate später in die zivilisierte Welt zurückkehrte, hörte ich, daß an jenem Tage in ganz Indien ein heftiger Erdstoß bemerkt worden war, der namentlich in Kalkutta beträchtlichen Schaden angerichtet hatte. –

Eines Tages machte ich einen Spaziergang auf der öden Straße vor dem Dorfe. Ich war etwa zwei Kilometer von dem bewohnten Teile entfernt, als drei Männer, die mir rasch entgegengekommen waren, plötzlich vor mir stillstanden. Sie waren mit stumpfen Schwertern bewaffnet, die sie ungeschickt schwangen, wobei sie so laut sie konnten und in sichtlicher Aufregung: »Rupiya, Rupiya! Rupien, Rupien!« riefen.

Ich eilte rasch an den Räubern vorbei und setzte dann ruhig meinen Spaziergang fort. Als sie mich abgehen sahen, rannten sie eilig auf Garbyang zu, und ich dachte nicht weiter an das Erlebnis. Bei meiner Rückkehr in das Dorf jedoch kam eine Menge Schokas zu mir, um mir zu melden, daß mein Geld angekommen sei und daß die eingeschüchterten Boten, die nicht wagten, zum zweitenmal in meine Nähe zu kommen, sich in das Haus des Dr. Wilson begeben hätten. Dort fand ich einen Peon und zwei Tschaprassis, die drei Männer, denen ich auf meinem Spaziergang begegnet war. Sie hatten mir etwa 1800 Rupien gebracht, fast die ganze Summe in Zwei- und Vierannastücken (1 Anna = 1/16 Rupie = 8,4 Pfennig), die ich mir von meinem Bankier in Almora hatte kommen lassen und an deren Last die drei Mann zu tragen gehabt hatten!

Nach einer einfachen Verständigung mit diesen drei sehr friedlichen »Straßenräubern« wurde das Geld in mein Zimmer gebracht. Ein großer Teil der Nacht verging damit, die winzigen Münzen nachzuzählen und in Rollen zu je zehn Rupien zu verpacken. –

Gerade unterhalb Garbyang befanden sich im Kali, und zwar in der Mitte des Flußbettes, unter einer Masse anderer Steine zwei große Felsblöcke. Diese wurden von den Schokas beständig beobachtet, da sie wissen, daß die Pässe offen sind, wenn die beiden Felsblöcke gänzlich unter Wasser stehen. Der Lippupaß, der niedrigste von allen, kann übrigens fast das ganze Jahr hindurch passiert werden, wenn auch zum Teil mit Schwierigkeiten.