Ich hatte während meines Aufenthalts in Garbyang nie das Glück, dies zu sehen; aber der Wasserstand des Flusses stieg täglich, und die langweilige Zeit des Wartens wurde durch viele lästige und auch durch einige unangenehme Ereignisse unterbrochen.

Nachdem der Jong Pen von Taklakot in Tibet einmal von meinen Plänen Kenntnis erhalten hatte, ließ er sich beständig über meine Bewegungen unterrichten. Seine Spione gingen täglich mit ausführlichen Berichten über mich hin und her, was mir regelmäßig von meinen Freunden vertraulich mitgeteilt wurde.

Einer jener Kundschafter, ein kräftiger Tibeter, der unverschämter war als die andern, war so dreist, in mein Zimmer zu kommen und mich in heftigem Tone anzureden. Zuerst behandelte ich ihn freundlich; aber er wurde immer frecher und sagte mir in Gegenwart mehrerer erschrockener Schokas, vor denen er sich brüsten wollte, daß der britische Boden, auf dem ich stehe, tibetisches Eigentum sei. Die Briten, sagte er, seien Eindringlinge und hier nur geduldet. Er erklärte die Engländer für Feiglinge, die Furcht hätten vor den Tibetern, obwohl diese die Schokas bedrückten.

Dies war denn doch zu viel für mich, und es wäre wohl auch unklug gewesen, es ohne Erwiderung hingehen zu lassen. So packte ich ihn denn bei seinem Zopf und versetzte ihm eine Anzahl kräftiger Schläge ins Gesicht. Als ich ihn losließ, warf er sich heulend zu Boden und flehte um Verzeihung. Um ihm meine Autorität ein für allemal einzuschärfen, ließ ich ihn vor den versammelten Schokas meine Schuhe mit der Zunge belecken. Darauf wollte er sich davonschleichen, aber ich ergriff ihn nochmals beim Zopfe und stieß ihn die Stufen hinab, die er unaufgefordert zu betreten gewagt hatte.

Tschanden Sing sonnte sich eben zufällig am Fuße der Treppe und stürzte sich, als er den verhaßten Fremdling eine so schimpfliche Verabschiedung erhalten sah, wie eine Katze auf ihn. Er hatte gehört, wie ich sagte: »Ye admi bura irab! Das ist ein schlechter Kerl!« Das war genug für ihn, und ehe noch der Tibeter wieder auf den Füßen stand, bedeckte ihm mein Träger das eckige Gesicht schon mit einem wahren Hagel von Schlägen. In der Erregung des Augenblicks begann Tschanden Sing, der sich wie ein Held vorkam, auf seinen geängstigten Gegner sogar mit großen Steinen loszugehen, und zuletzt ergriff er ihn beim Zopfe und zog ihn daran rings um den Hof, bis ich dazwischentrat und diesem zu weit gehenden Sport ein Ende machte.

Neuntes Kapitel.
Aus dem Leben der Schokas.

Eine Einrichtung der Schokas, die bei einem primitiven Volke überraschend, aber meiner Ansicht nach außerordentlich verständig und nützlich ist, ist das Rambang, ein Versammlungsort oder Klub, wo Mädchen und junge Männer nachts zusammenkommen, um sich gegenseitig näher kennenzulernen, ehe sie eine Ehe eingehen. Jedes Dorf besitzt eine oder mehrere Anstalten dieser Art, die unterschiedslos von allen wohlhabenden Leuten gefördert und als eine solide Basis für die Schließung von Ehen anerkannt werden. Die Rambanghäuser stehen entweder im Dorfe selbst oder auf halbem Wege zwischen zwei Dörfern, so daß die jungen Mädchen des einen in freundschaftliche Beziehungen zu den jungen Männern des andern treten können und umgekehrt.

In Begleitung von Schokas besuchte ich viele dieser Häuser. Rings um ein großes Feuer in der Mitte des Raumes saßen die jungen Burschen und Mädchen paarweise beieinander, Wolle spinnend und lustig plaudernd. Alles ging vollkommen anständig zu. In den ersten Morgenstunden schienen sie sentimentaler zu werden und fingen an, ohne Instrumentalbegleitung Lieder zu singen, wobei das Anschwellen und Senken der Stimmen unheimlich und schauerlich klang.

Die Schokas besitzen sanfte, klangvolle Stimmen, und die Töne, die sie hervorbringen, sind nicht etwa nur ein fortgesetztes aus der Kehle kommendes Geräusch, sondern, wenn ich so sagen darf, ein Hervorzittern von Eindrücken, die aus dem Herzen dringen und durch die Stimme andern mitgeteilt werden. Ist der Charakter der Schokamusik auch rein orientalisch, so ist sie dem Ohre des Abendländers doch wohltuend, nicht etwa, weil sie schnelle Übergänge, Schnörkel oder irgendwelche kunstvolle Technik besäße, sondern weil sie den Eindruck von wahrem Gefühl macht.

Die Rezitative, die von einem jungen Manne und einem Mädchen gesungen wurden, gefielen mir am besten. Alle ihre Gesänge sind klagend; sie enthalten Modulationen, die einen geheimnisvollen Reiz haben. Die Schokas singen nur, wenn die Stimmung sie dazu treibt, nie mit der Absicht, andere zu erfreuen. Ihre Liebeslieder beginnen gewöhnlich mit einem sentimentalen Rezitativ und gehen dann in Gesang über mit häufigem Wechsel aus einer Tonart in die andere. Der Takt ist unregelmäßig, und obgleich gewisse rhythmische Eigentümlichkeiten beständig wiederkehren, so gibt doch jeder Sänger allem, was er singt, ein so starkes persönliches Gepräge, daß er daraus fast eine individuelle Komposition macht. Wenn man Schokas zum ersten Male singen hört, möchte man glauben, jeder Sänger improvisiere, aber bei genauerer Beobachtung wird man finden, daß musikalische Phrasen, gewisse Lieblingspassagen und Modulationen nicht nur im einzelnen Liede, sondern in allen Gesängen wiederkehren. Sie scheinen alle auf dieselbe klagende Melodie begründet zu sein, die wahrscheinlich sehr alt ist, aber der verschiedene Takt, in dem sie vorgetragen wird, und die Eigenheiten des Sängers geben ihr einen besondern Charakter. Eine kennzeichnende Eigenschaft der Schokagesänge ist wie bei so vielen andern orientalischen Melodien die, daß sie keinen eigentlichen Abschluß haben, und das verdarb sie für meine Ohren. Während die Schokas singen, heben sie den Zipfel ihres weißen Schals oder Gewandes auf und halten ihn an die Seite des Kopfes.