»Tut nichts, wir müssen gehen. Vorwärts!« Damit stellte ich mich an die Spitze des lautlosen Zuges.
Wir gingen ungefähr zwei Kilometer. Wieder ein anderes Dilemma. Katschi und Dola schliefen noch fest, die andern, von der Anstrengung des Tragens ermüdet und angegriffen, wünschten zurückzukehren. Der Himmel war jetzt über und über bewölkt, und es fing an zu regnen.
Ich fühlte, daß es nutzlos gewesen wäre, auf meinem Willen zu bestehen. Nachdem ich dafür gesorgt hatte, daß die beiden betrunkenen Geschöpfe unter einem Schuppen platt auf den Boden gelegt und gut zugedeckt wurden, kehrte ich nach Garbyang zurück, mit der Absicht, kurz vor Sonnenaufgang, wenn die Trunkenbolde wahrscheinlich imstande sein würden, allein zu gehen, von neuem aufzubrechen.
Um 4 Uhr morgens, ehe die Sonne aufging, brach ich von neuem in größter Eile auf. Ich ging schnell nach der Stelle, wo ich die beiden Betrunkenen gelassen hatte. Sie waren verschwunden.
Der Weg war schlecht und gefährlich; er führte hart an Abgründen hin und war kaum breit genug, um darauf stehen zu können. Wir kamen an eine Stelle, wo der schmale Pfad aufhörte. Vor uns war ein Felsen, der senkrecht wie eine Mauer zum Kali abfiel. Das hier abtropfende Wasser des schmelzenden Schnees, von welchem auf dem Gipfel des Berges eine dicke Schicht zu liegen schien, hatte die Oberfläche des Felsens allmählich ganz glatt gemacht. Auf der andern Seite setzte sich der schmale Pfad wieder fort.
Dieser und andern gefahrvollen Stellen ist es zuzuschreiben, daß diese Route auch von den Eingeborenen nur sehr selten benutzt wird. Der übliche Weg liegt auf dem jenseitigen Ufer des Kali, in dem Gebiete von Nepal. Trotzdem besitzen einige Schokas auf diesem Ufer des Flusses kleine Landparzellen, und sie waren es, die in frühern Jahren ein Auskunftsmittel erdacht haben, um das Hindernis, vor dem ich jetzt stand, zu überwinden.
Indem sie einen Mann an Stricken hinunterließen, gelang es ihnen, zwei parallele Reihen von kleinen Höhlungen in dem Felsen anzubringen, von denen die obere 1,8 Meter über der untern war. Die Löcher wurden in Zwischenräumen von etwa 1 Meter längs jeder Linie angebracht; an den obern sollte man sich mit den Händen halten, die untern sollten die Füße stützen; keins dieser Löcher war tiefer als ein paar Zentimeter.
Der Übergang war zu jeder Zeit gefährlich, gerade damals aber fast unmöglich, weil der leichte Regen, der sich eingestellt, den Felsen glatt und schlüpfrig wie Glas gemacht hatte. Aber es mußte gewagt werden, um jeden Preis. Mit der Miene erheuchelter Sicherheit zog ich daher meine Stiefel aus und ging voran.
Ich konnte mich nicht umsehen, denn ich hing mit dem Körper an der Wand, mit Zehen und Fingern nach Halt tastend. Die Höhlungen waren so flach, daß das Vorwärtskommen mühsam und gefährlich war. Wenn ich mit den Zehen des rechten Fußes in einem Loche festzustehen schien, ließ ich den rechten Arm am Felsen entlang gleiten, bis die Finger einen festen Griff in der Höhlung erlangt hatten, welche direkt über der lag, in der die Zehen waren. Dann mußte der ganze Körper von links nach rechts geschoben werden, wodurch der linke Fuß und die linke Hand nahe an die rechten gebracht wurden, indem so die Last des Körpers auf die linke Seite übertragen wurde, um den rechten Fuß und Arm für die nächste Vorwärtsbewegung freizumachen. So manövrierte ich weiter, bis ich die andere Seite erreichte und auf dem schmalen Pfade anlangte, der selbst nur etwa 15 Zentimeter breit war.
Nachdem Tschanden Sing meine und seine Schuhe über die Schultern gebunden hatte, unternahm er barfuß dasselbe Wagnis. Wenngleich ohne persönliche Gefahr für mich, waren die Augenblicke, während er mit von Kälte und Furcht halb gelähmten Zehen und Fingern nach dem Wege tastete, ebenso aufregend für mich wie die vorhergegangenen. Aber auch er kam sicher und heil hinüber, und das übrige war verhältnismäßig leicht.