Jetzt war es an der Zeit, nach Spuren von Katschi und Dola zu forschen, die uns vorangegangen zu sein schienen. Ich war froh, als ich etwas weiter frische Fußspuren, ohne Zweifel die der beiden Schokas, fand. Der Weg führte auf und ab, fast immer an steilen Abhängen entlang, und war überall gefährlich schmal, hier und da gab es kleine Strecken auf wackeligen Balken. An einer Stelle zwang uns die zerklüftete Wand, zur höchsten Spitze des Felsens emporzusteigen und auf allen vieren über eine Art Brücke zu kriechen, die aus Baumästen gemacht und in einem Winkel von 60 Grad über einen Abgrund von über hundert Meter Tiefe gespannt ist.
Ich fand einen weißen Wollfaden über dieses primitive Bauwerk gelegt, was ein Gebrauch der Schokas zu sein scheint, wenn einer ihrer Verwandten oder Freunde fern vom Heimatdorfe den Tod findet. Sie glauben, daß die Seele während der dunkeln Nacht wandert und nach dem Geburtsorte des Verstorbenen zurückkehrt, wobei diese weißen Fäden an gefährlichen Stellen, die der Pfad kreuzt, den Weg zeigen.
Nachdem wir den Pfad mehr als einmal verloren hatten, befanden wir uns unten am Ufer des Kali und waren gezwungen, mehr als hundert Meter über Sand und Geröll emporzuklimmen, nur, um den Pfad wiederzugewinnen.
Endlich kamen wir in Nabi an. Dort fand ich meine Lasten in gutem Zustand, die auf dem bessern Wege auf der nepalesischen Seite, bevor die Tibeter die Tschongurbrücke zerstört hatten, herübergebracht worden waren. Auch Katschi und Dola, die sich von ihrem Rausch erholt hatten, fand ich hier. Vielleicht um ihr schlechtes Benehmen wieder gut zu machen und wahrscheinlich, um mich dasselbe übersehen oder vergessen zu lassen, hatten sie, wie es schien, die Eingeborenen veranlaßt, mich mit besonderer Herzlichkeit zu bewillkommnen. Ich wurde unter Aufwand großer Gastfreundschaft aufgefordert, die Nacht in ihrem Dorfe zuzubringen.
Mit einiger Feierlichkeit wurde ich zu einer primitiven Leiter mit sehr roh hergestellten Stufen geführt und mit Hilfe von oben und unten auf ein flaches Lehmdach hinaufgeschoben. Hier war ein Zelt aufgeschlagen, dessen Boden als Lager für mich mit Matten und Decken belegt war. Kaum hatte ich mich niedergelassen, als eine Schar von Männern, Frauen und Kindern ankam, die Schalen mit einem reichen Mahle von Reis, Fleisch, Balab (gekochte Buchweizenblätter), saurer und süßer Milch, geröstetem Korn mit Zucker, Tschapatis, Süßigkeiten, einheimischem Wein und Branntwein trugen.
Während des Mahls wurde Tee verschiedener Art serviert. Da war chinesischer und indischer Tee, Tee mit und ohne Zucker gekocht, Tee mit Milch und Tee mit Butter und Salz, heller und dunkler Tee, süßer und bitterer Tee – wirklich, es war so viel Tee, daß ich, so sehr ich ihm sonst ergeben bin, in diesem Augenblick doch wünschte, daß kein Teeblatt jemals gepflückt worden wäre!
Ich untersuchte eine junge Frau, die sich einen Rückenwirbel schlimm verletzt und teilweise gebrochen hatte, als Dr. Wilson plötzlich auftauchte und dem armen Geschöpf die geringe Erleichterung verschaffte, die in ihrem Zustande möglich war und die sie von mir vergebens erhofft hatte. Neben dem Vergnügen, das mir seine Gesellschaft bot, war er mir noch aus andern Gründen willkommen. Er hatte sich angeboten, meine Expedition einige Tagemärsche nach Tibet hinein zu begleiten, und ich war froh, ihn bei mir zu haben.
Wir drangen sobald als möglich auf dem Wege zwischen Nabi und Kuti vor. Die Reise war ganz ereignislos. Die Schneebrücken und Schneefelder, die so hinderlich waren, als ich zuerst diesen Weg ging, waren geschmolzen und gänzlich verschwunden. Selbst in Nabi trug sich wenig zu. Nur den folgenden Zwischenfall muß ich erwähnen, weil er als Illustration für das seltsame Mißtrauen und die Abneigung dienen kann, die ich überall gegen meinen photographischen Apparat vorfand.
Ich war im Begriff, den Ort zu verlassen, als eine hübsche Frau, die ich vorher nicht bemerkt hatte, mich unter hysterischem Schluchzen anredete; sie war mir unverständlich, aber sie machte deutlich den Eindruck des Leidens.
»Du hast mein Kind getötet, und jetzt wirst du meinen Mann töten«, klagte sie, als sie imstande war, zu sprechen. Es fiel mir ein, daß ich bei meinem frühern Aufenthalt in Nabi eine Momentaufnahme von einem Kinde genommen, das oben auf einer Last saß, welche die Frau auf dem Rücken durch mein Lager trug und die ich, als sie sich beklagte, in der gewöhnlichen Weise, mit einem Geldstück, beruhigt hatte. Sie hatte ihre Last nach Kuti gebracht, wo sie sich vielleicht mit ihrem Erlöse gütlich getan hatte, und auf dem Rückwege war sie mit ihrem Kinde nicht weit von jener Stelle, wo ich meine fast tragische Rutschpartie gehabt hatte, ausgeglitten und, weniger glücklich als ich, in den reißenden Strom gefallen. Sie vermochte sich an den Felsen anzuklammern und wurde schließlich gerettet; aber das Kind war von Fels zu Fels gerissen worden und unter einem Schneetunnel verschwunden.