Ein so großes Gefolge wie meine dreißig Mann zu haben, schien die Gefahr zu vergrößern. So beschloß ich, daß nur drei oder vier mich begleiten sollten. Allein zu gehen, war unausführbar wegen der Schwierigkeit, hinreichende Nahrungsmittel zu tragen, sonst würde ich es bei weitem vorgezogen haben. Indessen beschloß ich, im schlimmsten Fall diese letztere Art zu reisen zu versuchen und zu sehen, ob ich auf gut Glück von den Tibetern etwas zu essen erhalten würde.

Alle Lasten wurden fertig gemacht. Kleidungsstücke und Luxusartikel, Leckerbissen unter den Nahrungsmitteln und Extrasachen wurden zurückgelassen, um Platz für meine wissenschaftlichen Instrumente zu schaffen. Jedes Pfund mehr an Gewicht, das ich der Wissenschaft widmete, bedeutete ein Pfund weniger an Nahrung für den Weg nach Lhasa. Was nicht absolut notwendig war, mußte zurückbleiben.

Zwei tibetische Spione kamen nachmittags zum Lager, wie gewöhnlich als Bettler verkleidet. Sie baten um Essen und forderten es sogar. Ihr Benehmen war unerträglich frech. Es war zu viel für uns. Bijesing, der Johari, und Rubso, der christliche Koch, waren die ersten, die sich mit ihnen in einen offenen Kampf einließen. Sie pufften und stießen sie, trieben sie eine steile, zu einem Flusse führende Schlucht hinab, dann warfen sie, von andern aus dem Lager unterstützt, die Tibeter mit Steinen. Die unglücklichen Eindringlinge, außerstande, schnell durch den reißenden Strom zu waten, empfingen den verdienten Lohn. Dieses kleine Scharmützel ergötzte das Lager, aber viele der in meinen Diensten stehenden Schokas und Hunyas waren noch vor Schrecken ganz außer sich. Es genügte, daß einer von ihnen einen Tibeter sah, um sogleich vor Schrecken zusammenzusinken.

Die für meine Flucht bestimmte Stunde war 9 Uhr abends. Durch das Versprechen einer guten Belohnung waren fünf Leute bewogen worden, mir zu folgen.

Zur bestimmten Stunde war jedoch keiner von ihnen erschienen. Ich ging auf die Suche nach ihnen. Der eine hatte sich absichtlich die Füße verletzt und war marschunfähig. Ein anderer gab vor, im Sterben zu liegen. Die übrigen weigerten sich entschieden, zu kommen. Vor Furcht und Kälte zitterten sie.

»Töte uns, Sahib, wenn du willst,« flehten sie mich an, »aber wir folgen dir nicht.«

Um 3 Uhr morgens hatten sich alle Versuche, auch nur einen Mann zum Tragen einer Last zu bekommen, als nichtig erwiesen. Ich mußte den Gedanken an den Abmarsch aufgeben.

Meine Aussichten wurden trüber als je. Wieder ein Marsch zurück nach dem kalten und öden Passe, auf dem ich nach Tibet gekommen war!

»Sie sind niedergeschlagen, Landor«, bemerkte der Doktor.

Ich gab es zu. Ich hatte gewünscht, um jeden Preis vorzudringen, und nur aus Rücksicht auf meinen guten, liebenswürdigen Freund, den Doktor, hatte ich widerwillig darauf verzichtet, mir meinen Weg mit Gewalt zu bahnen. Mein Blut kochte. Ich fieberte. Die Feigheit meiner Leute machte sie mir unsäglich verächtlich. Ich konnte es jetzt nicht ertragen, sie zu sehen; ihr Benehmen war empörend.