Am ersten Tag ritt ich von Naini-Tal nach Almora.

Almora (1680 Meter über dem Meer) ist die letzte Bergstation nach der Grenze zu, wo europäische oder vielmehr angloindische Gesellschaft zu finden ist. Ich machte es für einige Tage zu meinem Hauptquartier. Es war meine Absicht, einige zuverlässige Bergbewohner, vielleicht Gurkhas, als Begleiter zu mieten. Vergebens wandte ich mich zu diesem Zweck an den Kommandeur des 3. Gurkharegiments, das hier in Garnison liegt, legte in aller Form Briefe, Empfehlungsschreiben und Dokumente der höchsten Autoritäten und Institute Englands vor und erklärte ausführlich den wissenschaftlichen Zweck meiner Reise nach Tibet.

Die obersten Behörden schienen für Unterhandlungen zugänglich, wenn ich mehrere Monate warten wollte. Dies hätte aber ein Verzögern meiner Reise um ein ganzes Jahr zur Folge gehabt, da gegen Ende des Sommers die nach Tibet führenden Pässe ungangbar werden. So beschloß ich, den Marsch ohne die Gurkhas anzutreten.

Ein günstiger Zufall ließ mich in Almora mit einem Herrn J. Larkin zusammentreffen, der sich mir sehr gefällig erwies und mir viele nützliche Auskünfte gab über die Wege auf der britischen Seite der tibetischen Grenze, über die beste Art zu reisen usw. Er selbst war im vergangenen Jahre bis nahe an die Grenze gereist und wußte in diesem Teile von Kumaon besser Bescheid als irgendein anderer Angloinder der Provinz. In der Tat ist Mr. Larkin, mit Ausnahme des obersten Regierungsbeamten von Kumaon, Oberst Grigg, der einzige Beamte, der überhaupt einige Kenntnis des von der Regierung der Nordwestprovinzen jetzt so vernachlässigten nordöstlichen Teiles von Kumaon besitzt.

Mein treuer Begleiter Tschanden Sing.

Schwer lastete auf meinem Gemüt die Frage der Erlangung von mutigen, ehrlichen, elastischen und gesunden Trägern, die gegen guten Lohn und gelegentliche Geschenke bereit sein würden, sich den vielen Unbequemlichkeiten, Entbehrungen und Gefahren auszusetzen, die meine Reise im Gefolge haben würde. Sowohl in Naini-Tal als auch hier boten sich mir Dutzende von Trägern, und Schikaris (Jägern) an. Alle wiesen sie »Zeugnisse« auf über gutes Betragen, tadellose Ehrlichkeit, Gutmütigkeit, Arbeitswilligkeit, mit unbegrenztem Lob aller erdenklichen Tugenden, die ein guter Diener besitzen soll. Jedes Zeugnis war regelrecht geziert mit der Unterschrift eines Generals, eines Hauptmanns, eines Gouverneurs oder sonst einer angesehenen Persönlichkeit. Aber jeder Träger eines derartigen Attestes schien von denen, die er durch seine Dienste so begeistert und beglückt hatte, jämmerlich vernachlässigt worden zu sein, denn unfehlbar begann er mit der Bitte um ein Darlehn von einigen Rupien, um Stiefel und Decken kaufen und für den Unterhalt einer Frau mit oder ohne Familie, die er zurücklassen würde, sorgen zu können.

Ich entschied mich dahin, daß meine Mittel mir nicht erlaubten, »die teuern Hinterbliebenen« der zwei oder drei Dutzend Kulis, die ich brauchen würde, zu unterhalten, und fügte mich darein, abzuwarten, ob ich nicht Leute finden würde, die mir auf meinem Wege folgen würden, ohne mir die Verbindlichkeit aufzuhalsen, die ganze Bevölkerung, die ich zurückließ, zu ernähren. Nur eine Ausnahme machte ich.

Eines schönen Tages saß ich in meinem Zimmer im Dak Bungalow, dem Rasthause, als ein seltsames Geschöpf eintrat und mich begrüßend seine Dienste anbot.

»Wo sind deine Zeugnisse?« fragte ich.