Es war für mich notwendig, durch das Tal im Osten zu gehen, da wir uns damit viel Mühe und Zeit ersparen konnten, obgleich Gefahr bestand, Tibetern zu begegnen, besonders Räuberbanden. Wir mußten vorsichtig vorwärts gehen, da meine Schokas vor diesen Leuten große Angst zu haben schienen. Wir waren noch nicht ein Kilometer über das wellige Terrain gegangen, und ich war eben hinter meinen Leuten stehengeblieben, um mit dem Kompaß einige Peilungen zu machen, als meine Träger sich plötzlich platt auf den Boden warfen und, auf Händen und Füßen kriechend, anfingen, sich rückwärts zu bewegen.

»Dakoit! Dakoit! Räuber! Räuber!« flüsterten meine Leute, als ich ihnen näherkam.

Es war zu spät. Wir waren gesehen worden, und eine Anzahl mit Luntenflinten und Schwertern bewaffneter Dakoit kam schnell auf uns los. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß das Schlimmste in solchen Fällen das Fortlaufen ist; denn nichts ermutigt einen Menschen mehr als zu sehen, daß sein Gegner Furcht vor ihm hat. Deshalb lud ich meinen Mannlicher, und mein Träger tat dasselbe mit seinem Henry-Martini. Ich gab den Schokas Befehl, neben ihren Lasten niederzukauern und sich nicht vom Platze zu rühren. Wir zwei gingen langsam der schnell näherkommenden Bande entgegen, die jetzt kaum hundert Meter von uns entfernt war. Ich schrie ihnen zu stillzustehen, und Tschanden Sing machte ihnen Zeichen, daß sie zurückgehen sollten. Aber sie nahmen von unsern Warnungen keine Notiz und kamen nur um so schneller auf uns los. Ohne Zweifel dachten sie, wir seien nur Schokahändler, und erwarteten nach ihrer Erfahrung, leichte Beute zu finden. Sie schickten sich an, über uns herzufallen, sobald sie uns nahe genug sein würden, und teilten sich mit der augenscheinlichen Absicht, uns von allen Seiten einzuschließen.

»Duschu! Duschu! Geht zurück!« rief ich ihnen ärgerlich zu, indem ich meine Flinte an die Schulter hob und ruhig auf den Anführer zielte. Tschanden Sing folgte meinem Beispiel und legte auf einen andern an. Dies schien eine heilsame Wirkung auf sie zu haben; sie machten sofort einen komischen Salaam und rissen dann aus. Tschanden Sing und ich verfolgten sie eine Strecke weit, um sie uns ordentlich aus dem Wege zu bringen. Von einem kleinen Hügel, auf dem wir eine gute Ausschau hatten, bemerkten wir, daß in der Nähe eine Anzahl von Genossen waren und dazu ungefähr 3000 Schafe, wahrscheinlich ihre letzte Beute. Wir machten ihnen Zeichen, daß sie uns aus dem Wege gehen sollten, und schließlich zogen sie, ihre Beute vor sich hertreibend, eiligst in der von mir angedeuteten Richtung ab.

Als sie weit genug von uns waren und meine Schokas, die ihre letzte Stunde schon nahe geglaubt, sich von ihrem Schrecken wieder erholt hatten, setzten wir unsere Wanderung fort und betraten das schmale Tal zwischen den Hügelzügen. Daß wir jetzt in einer vielbesuchten Gegend waren, konnte man an den zahlreichen Lagerplätzen längs des Baches sehen. Aber unser Abenteuer vom Morgen hatte unsern Mut gehoben, und wir zogen fröhlich weiter. Ein etwas steiler Aufstieg brachte uns auf ein Plateau von 5000 Meter Höhe, von dem wir eine schöne Aussicht hatten über den schneebedeckten Höhenzug, der von Osten nach Westen vom Mangschanberge bis zum Lippupaß läuft.

Auf dem tiefern Teile des Plateaus und dann am Flußlaufe entlang führte ein Weg von Gyanema nach Taklakot über Kardam und Dagmar und ein selten begangener Pfad nach Mangschan. Der Rand des Plateaus lag 4810 Meter hoch, der Fluß 170 Meter tiefer.

Lamakloster in Tucker.

Es war für uns eine sehr gefährliche Stelle, da es ohne Zweifel den Tibetern jetzt schon wohlbekannt sein mußte, daß ich entkommen und auf dem Wege nach ihrem Lande war. Ich wußte, daß Soldaten und Spione alle Wege bewachen und überall nach uns suchen mußten. Diese Verkehrsstraße, die mehr begangen war als die andern, war deshalb um so unsicherer, und wir mußten große Vorsicht anwenden, um eine Entdeckung zu vermeiden.