Meine zwei schwarzen Jake.
In Tibet ist die Luft so klar, daß in Bewegung befindliche Gegenstände auf außergewöhnlich große Entfernungen sichtbar sind. Ich durchspähte die Gegend mit meinem Fernrohr, konnte aber niemand sehen. So setzten wir unsern Marsch fort. Meine Leute hielten es indessen für sicherer, zu einem der zahlreichen Bäche hinabzusteigen, wo wir mehr gedeckt sein würden. Kaum hatten wir den Rand des Plateaus erreicht, als wir Geräusche hörten, die aus dem Tale heraufdrangen.
Auf dem Bauche kriechend, schauten meine Träger und ich über den Rand des Plateaus. Ungefähr 160 Meter tiefer unten war ein tibetisches Lager; Jake und Pferde weideten dort. Unbemerkt beobachtete ich sie einige Zeit. Es waren mehrere Soldaten, die ohne Zweifel nach mir Ausschau hielten. Mit meinem Glase erkannte ich einige von den Leuten aus Gyanema. Wir hielten es für ratsam, eine Stelle aufzusuchen, wo wir uns bis zum Anbruch der Nacht verbergen könnten. Dann stiegen wir auf einem weiten Umwege zum Bach hinab, arbeiteten uns mühsam im Dunkeln durch und gingen durch eine enge Schlucht zwischen hohen Wänden, bis wir an ein gutes Versteck kamen, wo ich Halt! rief. Ein Zelt aufzuschlagen wagten wir nicht. Von meinen Leuten gefolgt, kletterte ich an der Wand zu unserer Linken von Fels zu Fels empor und fand eine kleine natürliche Plattform, die von einem großen, sie überragenden Block geschützt wurde. Dies schien ein genügend sicherer Ort. Wir waren vorsichtig genug, für den Fall einer nächtlichen Überrumplung unser ganzes Gepäck zu vergraben. Von ihm nicht belästigt, würden wir jeden Augenblick imstande sein, uns vor unsern Verfolgern zu verbergen oder ihnen zu entrinnen, um wieder zu unsern Sachen zurückzukehren, sobald sich eine Gelegenheit dazu böte.
Gerade jetzt, als alles glatt zu gehen schien, machte ich eine schreckliche Entdeckung. An diesem Punkte unserer Reise, wo es für mich wichtig war, sehr schnell vorzugehen, fand ich, daß wir Mangel an Lebensmitteln hatten. Das war in der Tat eine Überraschung; denn bevor ich den größern Teil meiner Expedition verlassen, hatte ich meinen Leuten Befehl gegeben, Nahrung für zehn Tage mitzunehmen. Der Doktor, den ich beauftragt hatte, danach zu sehen, hatte mir versichert, daß die Lasten genug enthielten, um noch über diese Zeit hinaus für uns zu reichen, und jetzt hatten wir aus irgendeinem unerklärlichen Grund nur noch für eine magere Mahlzeit genügend Nahrung. Zudem entdeckte ich, daß wir nur noch ganz wenig Salz übrig hatten.
»Was habt ihr damit getan?« fragte ich zornig, da es mir sofort durch den Sinn fuhr, daß meine Träger falsches Spiel getrieben hatten. Ich hatte jedem Mann befohlen, ein Pfund Salz mitzunehmen.
»Ja, Sahib, aber wir vergaßen es mitzunehmen«, sagten die Leute wie im Chor.
Nach all den schrecklichen Mühsalen und Anstrengungen, die wir durchgemacht hatten, nach all der Sorge, meine kartographischen Aufnahmen sowie das Photographieren, Skizzieren, Schreiben, Sammeln usw. auch unter ungewöhnlich gefahrvollen Umständen fortzuführen, war es ein harter Schlag für mich, alle meine Pläne so plötzlich vereitelt zu sehen; denn wir waren noch drei oder vier Tagemärsche vom Mansarowar entfernt, wo ich hoffte, neuen Proviant erhalten zu können. Sollte ich, nachdem ich so weit vorgedrungen war, zurückgehen oder mich für besiegt erklären und von den tibetischen Soldaten gefangennehmen lassen, denen ich bisher mit so viel Glück ausgewichen war?
Ich fühlte mich krank und niedergedrückt. Zu meiner Seelenqual kam noch körperliches Unbehagen: ich war im Halbdunkel über den Gakkonfluß von Stein zu Stein gesprungen, ausgeglitten und der Länge nach in ungefähr 1½ Meter tiefes Wasser gefallen. Der Wind ging gerade sehr stark, und das Thermometer war auf 3 Grad unter Null heruntergegangen. Als ich in meinen nassen Kleidern dasaß und mit meinen Leuten unsere augenblickliche Lage besprach, wurde es mir plötzlich kalt, und ich fühlte mich so matt, daß ich dachte, ich würde zusammenbrechen. Es trat ein heftiges Fieber ein, das so schnell zunahm, daß ich trotz meines verzweifelten Strebens, nicht nachzugeben, fast in Delirium verfiel. Meine Zähne klapperten, meine Temperatur war aufs höchste gestiegen, und ich sah meine ganze Not in übertriebener Gestalt vor mir; der Mißerfolg schien mir unvermeidlich.
Plötzlich, als ich fast in Verzweiflung war, kam mir ein Auskunftsmittel in den Sinn, eine Idee, die vielleicht mehr für einen Roman als für das wirkliche Leben geeignet war.
Vier meiner Leute sollten verkleidet, zwei als Händler, zwei als Bettler, nach Taklakot gehen und Lebensmittel von meinen Feinden kaufen. Wir im Lager Zurückbleibenden wollten uns inzwischen, bis sie zurückkämen, gut verborgen halten. Ich sprach mit meinen Begleitern, und nach einigem leichtbegreiflichen Widerstreben unternahmen es vier Schokas, die gewagte Aufgabe auszuführen. Eine Entdeckung würde für sie den Verlust ihres Kopfes bedeuten, dem wahrscheinlich noch grausame Torturen aller Art vorangehen würden. Ich kann daher, trotzdem mich diese Männer schließlich verrieten, doch nicht umhin, den Mut und die Treue anzuerkennen, die sie in dieser schwierigen Lage bewiesen.