Meine Leute waren nachts außerordentlich gesprächig. Aus Furcht, von den tibetischen Soldaten überfallen zu werden, schliefen wir nicht und verbrachten Stunde auf Stunde mit dem Anhören von haarsträubenden Geschichten von Räubern und tibetischen Martern, die schrecklich genug waren, um uns wach zu halten.
Als es hell wurde, sammelten wir Nesseln, die sich beim Lager im Überfluß vorfanden, und nachdem wir sie auf verschiedene Weise gekocht hatten, verwendeten wir sie zu einem allerdings nicht besonders leckern Mahl. Sie schmeckten uns damals nicht sehr schlecht, nur war es ein Unglück, daß wir nicht mehr Salz hatten, denn dieses würde gewiß zur Verdaulichkeit unserer Speise beigetragen haben. Wir halfen diesem Mangel dadurch ab, daß wir sie mit einer doppelten Portion Pfeffer vermischten. Es war eine Beruhigung zu wissen, daß, solange es bei unserm Lager Nesseln gab, wir wenigstens nicht Hungers zu sterben brauchten.
Der Vorrat an Lebensmitteln für meine Leute war jetzt auf vier Pfund Mehl, zwei Pfund Reis und zwei Pfund Satu zusammengeschmolzen. Wir gaben ihn den vier Leuten mit, die versuchen sollten, nach Taklakot zu gehen, denn ihr Weg war lang und anstrengend, während für uns reichlich Nesseln vorhanden waren, zu denen wir unsere Zuflucht nehmen konnten.
Ich instruierte die vier Schokas sorgfältig, wie sie in ihren Verkleidungen einer nach dem andern in die tibetische Festung gehen und wie sie die Lebensmittel nur in kleinen Mengen einkaufen sollten. Wenn sie eine zu einer Last genügende Menge beisammen haben würden, sollte sich ein Mann sofort auf den Weg nach unserm Lager machen; die andern sollten ein paar Tagemärsche voneinander einzeln folgen, um sich an einer bestimmten Stelle alle vier zu treffen und zusammen zu uns zurückzukehren.
Es war eine aufregende Arbeit, die verschiedenen Verkleidungen herzurichten und alles vorzubereiten. Nach wiederholtem Lebewohl und Worten der Ermutigung verließen uns unsere Boten endlich, um ihren gefahrvollen Auftrag auszuführen. Alles um uns schien ruhig, so ruhig und sicher, daß ich es wagte, meinen Sextanten und den künstlichen Horizont auszugraben, und eben dabei war, Längen- und Breitenbestimmungen anzustellen, als zu unserm Schrecken eine Herde von über 100 Jaken auf dem Paß im Norden von unserm Lager erschien und langsam auf uns zukam.
Waren wir entdeckt, kamen die Leute des Tarjum hinter ihren Tieren her? Es war keine Zeit zu verlieren. Instrumente und Decken wurden schnell fortgeräumt und versteckt. Dann krochen wir auf allen vieren den Tieren entgegen, die bei unserm Anblick stehengeblieben waren, und warfen mit Steinen nach ihnen, um sie zum nächsten Bach hinunterzutreiben. Zu unserm Glück taten wir dies gerade zur rechten Zeit, denn aus unserm Versteck konnten wir an der andern Seite eine Anzahl Tibeter sehen, die den von uns fortgetriebenen Jaken folgten. Sie gingen nur ein paar hundert Meter unter uns vorbei; sie ahnten augenscheinlich von unserer Gegenwart nicht das geringste. Sie sangen lustig und schienen nach irgendwelchen Spuren zu spähen, denn sie bückten sich oft, um den Boden zu untersuchen.
Am Nachmittag schlug ich zum Rekognoszieren den Weg nach Gyanema ein, in der Hoffnung, selbst ungesehen, die Tibeter auf ihrem Wege nach und von Taklakot vorbeikommen zu sehen.
Ich sah keine Soldaten. Aber eine starke Bande von Jogpas oder Straßenräubern, die Tausende von Schafen und Jaken vor sich her trieben, bot einen interessanten Anblick.
Sie ritten auf Pferden und schienen ihrem Anführer stramm zu gehorchen, wenn er mit heiserer Stimme, sein Gebetrad drehend, Befehle gab. Sie ritten flott dahin, die Frauen ebenso wie die Männer rittlings auf den Pferden. Die Männer hatten Luntenflinten und Schwerter, und jedes Pferd trug außer seinem Reiter Säcke mit Lebensmitteln, die hinter dem Sattel angebunden waren.
Hinter Felsen hervor beobachtete ich den langen Zug und fühlte mich einigermaßen erleichtert, als die letzten Reiter, die nur einige zwanzig Meter von mir entfernt vorbeikamen, davonritten. Ich ging zurück, und da mir schien, daß dieses Lager nicht ganz so sicher sei, als ich zuerst vorausgesetzt hatte, machte ich mich mit meinen Leuten daran, eine rohe Schanzmauer vor unserer hohen Plattform zu errichten. Dieses Bollwerk entsprach dem doppelten Zweck, uns gegen einen Einblick seitens der Tibeter zu schützen und für den Fall eines nächtlichen Angriffs als Befestigung zu dienen.