Wieder war ein banger Tag verstrichen! Wir hatten unser letztes Salzkorn verbraucht; noch ein Tag mit Nesseln als einzige Speise; ein dritter Tag, ein vierter mit derselben Kost!

Wie die Nesseln uns zuwider wurden! Die Tage schienen endlos, wenn ich, lang ausgestreckt auf einer Höhe über unserm Lager liegend, Stunde auf Stunde das lange Plateau über dem Gakkonflusse mit dem Fernrohr durchspähte, um nach unsern zurückkehrenden Boten auszublicken. Jedesmal, wenn ich in der Ferne Menschen bemerkte, hüpfte mein Herz vor Freude, aber wenn ich sie mir genauer besah, waren es Jogpas (Straßenräuber) oder Dogpas (schmuggelnde Nomadenhorden) oder reisende Humlis auf dem Wege nach Gyanema und Gartok. Und wie oft horchten wir nicht und sahen ängstlich durch die Spalten in unserer Befestigung, wenn irgendein ungewöhnliches Geräusch unser Ohr traf! Als dann die Zeit dahinging und meine Leute immer noch nicht erschienen, fingen wir an, Sorge um ihr Geschick zu hegen. Sollten sie uns verraten haben und nie wieder zurückkehren? Oder waren sie vom Jong Pen, dem »Herrn der Festung«, gefangengenommen und gefoltert worden?

Mein Träger, der etwas von einem Bonvivant an sich hatte, weigerte sich, noch etwas zu essen; es sei besser, gar nichts als beständig dasselbe zu essen. Er schwur, er könne zehn Tage lang fasten, und er ersetzte die mangelnde Nahrung durch Schlafen.

Meine befestigte Wohnung war morgens, wenn die Sonne darauf schien, recht behaglich, obgleich sie oft so warm wurde, daß wir sie verlassen mußten, wenn das Thermometer bis 49, 50 und sogar 51 Grad anzeigte. In einer Nacht hatten wir einen furchtbaren Sturm mit Schneegestöber. Die Gewalt des Windes war so groß, daß unsere Mauer umgeweht wurde und auf uns fiel, während wir unter ihrem Schutze schliefen. Die Stunden, die wir der Ruhe zugedacht hatten, mußten nun damit zugebracht werden, die Schäden wieder auszubessern, die der Sturm verursacht hatte.

Am Morgen sammelten wir gerade Nesseln zu unserm Mahl, als wir das ferne Klingeln von rasch näherkommenden Pferdeglocken hörten. Schnell löschten wir unsere Feuer aus, versteckten unsere Sachen und eilten hinter unsere Verschanzung. Ich ergriff meine Büchse, Tschanden Sing lud seinen Henry-Martini. Einer meiner Schokas, der zu weit entfernt war, um unsere befestigte Wohnung noch zu erreichen, versteckte sich hinter einigen Felsblöcken. Es war die höchste Zeit!

Ein halbes Dutzend Soldaten mit Luntenflinten über den Schultern, an denen rote Fahnen befestigt waren, schlenderten nur einige Meter vor uns lustig den Hügel hinauf. Nach der Art und Weise zu urteilen, wie sie nach jeder Richtung ausschauten, suchten sie ohne Zweifel nach mir; aber glücklicherweise wandten sie sich nie nach dem Felsennest um, hinter dessen Mauern wir verborgen lagen. Sicher erwarteten sie, in einem der Täler ein großes europäisches Zelt zu sehen, und ließen es sich nicht träumen, daß wir da sein könnten, wo wir in der Tat waren. Wir nahmen sie fest aufs Korn, hatten aber keine Veranlassung, auf sie zu feuern. Sie ritten weiter, und der Ton ihrer Pferdeglocken wurde schwächer und schwächer, während sie hinter dem Paß verschwanden. Sicherlich konnten die Reiter nur Soldaten sein, die der Tarjum ausgesandt hatte, um diesen Weg zu bewachen. Wahrscheinlich waren sie jetzt auf dem Rückweg zu ihrem Herrn und Meister, sehr zufrieden, daß der Sahib nicht im Lande zu finden war.

Wir nannten diese Stelle »Schreckenslager«, denn schrecklich waren die Prüfungen, die uns hier widerfuhren.

Neunzehntes Kapitel.
Ein Mordanschlag.

Noch ein Tag rückte langsam seinem Ende entgegen, und noch immer keine Spur von der Rückkehr unserer Boten! Zwei Mann erboten sich, nach Kardam, einer einige Meilen entfernten Niederlassung, zu gehen, um zu versuchen, Lebensmittel zu erlangen. Der eine von ihnen hatte an diesem Ort einen Freund und glaubte, er würde von ihm Proviant für einige Tage erhalten können.

Als Pilger verkleidet brachen sie auf, eine Verkleidung, die nicht sehr schwierig anzulegen war, da ihre Kleider infolge unserer beschwerlichen Märsche in der letzten Zeit in Fetzen zerfielen. Sie blieben den ganzen Tag fort und kamen erst spät abends zurück, wo sie eine ergötzliche Geschichte zu erzählen hatten.