Als sie einer Horde Dogpas begegnet waren, hatten sie dreist das Lager betreten und Lebensmittel zu kaufen versucht. Leider hatten die Dogpas nicht genug für sich selbst und konnten keine entbehren. Beiläufig hatte man meinen Leuten mitgeteilt, daß Lando Plenki, der Name, den mir die Tibeter gegeben hatten, ein großes Heer nach Tibet hineingeführt habe und daß in Taklakot sowohl als auch an andern Orten große Aufregung herrsche, die durch die Tatsache hervorgerufen sei, daß der Sahib die außerordentliche Macht habe, sich unsichtbar zu machen, wenn die tibetischen Soldaten in seiner Nähe seien. Man hatte berichtet, daß er an vielen Stellen in Tibet gesehen worden sei. Um ihn zu fangen, waren Soldaten nach allen Richtungen ausgesandt worden. Seine Spuren waren mehrmals entdeckt und verfolgt worden, und doch hatte man ihn nie finden können. Eilboten waren von Taklakot nach Lhasa, eine Reise von 16 Tagen, und nach Gartok, einem großen Basar in Westtibet, gesandt worden, um Truppen zu verlangen, die bei der Gefangennehmung dieses geheimnisvollen Eindringlings helfen sollten, von dem auch gesagt wurde, daß er die Macht habe, auf dem Wasser zu gehen und über Berge zu fliegen. Als ich mir unsere Anstrengungen und Leiden bei dem Übersteigen der Berge und dem Passieren der Wasserläufe ins Gedächtnis zurückrief, kam mir dieser von den Tibetern über mich gegebene Bericht nicht nur höchst phantasievoll, sondern fast grausam ironisch vor. Jedenfalls war ich aber erfreut, daß die Tibeter mir solche übernatürliche Kräfte zutrauten, denn dies mußte sicherlich von Vorteil für mich sein, indem sie die Furcht davon abhielt, mit uns handgemein zu werden.

Drei weitere Tage mußten wir in trauriger Ungewißheit und Sorge über das Schicksal unserer nach Taklakot gesandten Boten zubringen. Voll Verzweiflung hatten wir uns in unsere Festung zurückgezogen, von Sorge erfüllt, sie könnten gefangen und enthauptet worden sein. Es war 10 Uhr abends. Wir waren gänzlich erschöpft und schickten uns zum Schlafengehen an. Unser Feuer unten am Rande des Baches war in langsamem Erlöschen; totenstill lag die Natur um uns. Plötzlich hörte ich das Geräusch nahender Schritte. Ich weckte meine Leute; wir horchten und spähten durch die Spalten unserer Mauer. Waren es Tibeter, die uns im Schlafe zu überfallen suchten, oder konnten es unsere Leute sein, die endlich zurückkehrten?

Aufmerksam beobachteten wir die Schlucht, aus der das Geräusch kam. Alle verhielten wir uns still, aber es fehlte bei meinen Leuten doch nicht an Zeichen nervöser Aufregung. Der schwache Ton von Stimmen drang an unser Ohr, und jetzt krochen vier taumelnde Gestalten vorsichtig zum Lager. Bei dem trüben Lichte konnten wir nicht unterscheiden, ob es unsere eigenen Boten waren. Wir standen atemlos, unbeweglich und stumm. Die Gestalten kletterten weiter nach unserm Horste hinauf.

»Kuan hai? Wer da?« rief ich.

»Dola!« antwortete eine Stimme, und im Nu begrüßten wir sie freudig und herzlich. Aber unser Glück sollte nicht lange dauern. Die Leute antworteten kaum. Sie schienen gänzlich erschöpft, sehr niedergeschlagen und sichtlich erschreckt. Ich forderte sie auf, die Ursache ihres Kummers zu erklären, aber, schluchzend und meine Füße umarmend, zeigten sie großen Widerwillen, es mir zu sagen. In der Tat waren die Nachrichten, die sie brachten, ernst und Ungemach verheißend.

»Deine Tage sind gezählt, Sahib!« rief Dola endlich. »Es ist unmöglich für dich, lebend aus diesem Lande herauszukommen. Sie werden dich töten. Der Jong Pen von Taklakot sagt, daß er deinen Kopf um jeden Preis haben müsse.«

»Sachte, sachte, Dola«, erwiderte ich, bemüht, ihn zu beruhigen. »Blicke nicht so weit voraus, sondern erzähle mir erst, wie ihr Taklakot erreichtet.«

»O, Sahib, wir folgten deinem Plane. Unterwegs hatten wir viel zu leiden, da die Märsche lang und schwierig waren und wir sehr wenig Nahrung hatten. Zwei Tage lang gingen wir Tag und Nacht, hielten uns abseits vom Wege und versteckten uns, sobald wir jemand sahen. Als wir in die Nähe der tibetischen Festung kamen, bemerkten wir am Fuße des Hügels einige Zelte nepalesischer Schokas. An dem Flusse stand Tag und Nacht eine Wache, und es wurde scharfer Ausguck gehalten, um jeden, der das Land betreten würde, anzuhalten und festzunehmen. Zwei Fakire, die auf einer Pilgerfahrt nach dem heiligen Mansarowarsee waren, hatten, von den Gefahren nichts ahnend, den Lippupaß überschritten und waren nach Taklakot gegangen. Dort wurden sie augenblicklich ergriffen und beschuldigt, daß einer von ihnen der Sahib, also du, in Verkleidung sei. Da die Tibeter nicht ganz sicher waren, wer von den beiden der wirkliche Sahib wäre, züchtigten sie beide schwer und schlugen sie fast tot. Was nachher aus ihnen geworden ist, konnten wir nicht erfahren. Jedenfalls fanden die Tibeter später heraus, daß du über einen andern Paß nach Tibet hineingekommen warst, und nun wurden Soldaten in jeder Richtung ausgesandt, um nach dir zu suchen.«

»Kaum erschienen wir in Taklakot,« schluchzte Dola, »als man sich auf uns stürzte und uns festnahm. Sie verhörten uns aufs peinlichste. Wir gaben vor, Joharihändler zu sein, sagten, daß uns die Nahrung ausgegangen sei und daß wir uns nach Taklakot aufgemacht hätten, um Vorräte zu kaufen. Sie schlugen uns und behandelten uns schlimm, bis dein Freund Zeheram, der Dorfoberste von Tschongur in Nepal, uns zu Hilfe kam und sich für uns verbürgte, indem er die Summe von 30 Rupien zahlte. Dann wurde uns erlaubt, in seinem Zelte zu bleiben, das von tibetischen Soldaten streng bewacht wurde. Die Vorräte, die du brauchtest, kauften wir heimlich von ihm und verpackten sie. Am Abend gelang es Zeheram, die Soldaten, die uns bewachten, in sein Zelt zu locken, und da gab er ihnen Tschökti zu trinken, bis sie besinnungslos betrunken waren. Uns vieren glückte es, nach und nach mit unsern Lasten zu entwischen. Standhaft marschierten wir drei Nächte lang und verbargen uns zu größerer Sicherheit während des Tages. Nun sind wir zu dir zurückgekommen, Sahib.«

Dola hielt ein paar Minuten inne.