»Sahib,« fuhr er fort, »man erzählte uns in Taklakot, daß über tausend Soldaten nach dir suchen, und noch mehr werden aus Lhasa und Schigatse erwartet, wohin der Jong Pen Eilboten geschickt hat. Sie fürchten dich, Sahib, aber sie haben Befehle aus Lhasa, dich um jeden Preis gefangenzunehmen. Sie sagen, du könntest dich unsichtbar machen, wenn du willst, und so werden täglich Beschwörungen angestellt und Gebete dargebracht, damit du in Zukunft gesehen und festgenommen werden mögest. Einmal gefangen, werden sie kein Mitleid mit dir haben, und du wirst geköpft werden; denn der Jong Pen ist wütend auf dich wegen der herausfordernden Botschaften, die du ihm aus Garbyang geschickt hast. Er hat den Soldaten Befehl gegeben, dich tot oder lebendig einzuliefern, und wer deinen Kopf bringt, wird eine Belohnung von 500 Rupien erhalten.«

»Ich hatte keine Idee, daß mein Kopf so wertvoll sei«, konnte ich nicht umhin laut lachend auszurufen. »Ich werde ihn in Zukunft sehr in acht nehmen.«

In Tibet repräsentieren 500 Rupien (800 Mark) ein Vermögen, und der Mann, der sie besitzt, gilt als reich.

Meine Leute waren indessen nicht in der Stimmung, zu lachen. Sie sahen die ganze Sache als ernsthaft an.

Ich gab den vier Leuten ein ordentliches Geschenk. Alle Schokas schluchzten jämmerlich und sagten, die Gefahr sei zu groß, sie würden mich hier sogleich verlassen und keine Stunde länger bleiben.

Ich erwiderte, ich würde jeden Mann erschießen, der versuche, das Lager zu verlassen. Da wir jetzt Lebensmittel für zehn Tage hätten, müßten wir vorwärts gehen.

Verdrossen und murrend verließen die Schokas unser Felsennest und gingen nach dem Bache hinunter. Sie sagten, sie zögen es vor, dort unten zu schlafen. Ich vermutete, daß sie irgendeine List anwenden wollten, und so blieb ich, anstatt zu schlafen, auf, um sie zu beobachten. Mein Träger rollte sich in eine Decke ein und war wie gewöhnlich bald eingeschlafen. Die Schokas zündeten ein Feuer an, setzten sich um dasselbe und hielten, die Köpfe zusammensteckend, im Flüsterton eine erregte Beratung ab. In der hitzigen Erörterung sprachen einige lauter, als sie wollten, und da die Nacht besonders still und die örtlichen Verhältnisse besonders geeignet waren, Geräusche weit hören zu lassen, verstand ich viele Worte, die mir zeigten, daß ich auf der Hut sein müsse. Ich war überzeugt, sie verabredeten miteinander, meinen Kopf zu verkaufen und das Geld zu teilen.

Die Männer rückten dichter zusammen und sprachen so leise, daß ich nichts mehr verstehen konnte. Dann legten sie nacheinander jeder eine Hand über die andere an einem Stocke entlang, bis dessen Ende erreicht war; dann gab ihn jeder seinem Nachbar weiter, der dieselbe Prozedur vornahm; eine komplizierte Art, das Los zu ziehen, die aber unter den Schokas gebräuchlich ist. Schließlich zog der durch das Los bestimmte Mann ein großes Gurkhamesser aus einer Last heraus und nahm die Scheide ab. Der seltsame, beinahe phantastische Moment, als meine eigenen Leute, die Gesichter von einer kleinen Flamme des flackernden Feuers beleuchtet, alle nach meinem Horste emporblickten, hat sich in mir fest eingeprägt.

Der entscheidende Augenblick für ihren Verrat war gekommen. Grausam und verzerrt erschienen ihre Gesichtszüge, wie ich sie durch die Spalte in der Mauer sah. Sie lauschten, um zu hören, ob wir schliefen. Alle bis auf einen rollten sich, wie von Schrecken ergriffen, in ihre Decken ein, die ihnen Kopf und Leib vollständig bedeckten. Eine Gestalt nur saß, wie ich jetzt sehen konnte, einige Zeit neben dem Feuer, wie in tiefes Nachdenken versunken. Nur von Zeit zu Zeit wandte der Verräter seinen Kopf zum Felsen hinauf, dann horchte er. Endlich stand er auf und trat mit den Füßen das Feuer aus.

Es war eine liebliche Nacht. Sobald die rötliche Flamme des Lagerfeuers erloschen war, schienen die Sterne wieder wie Diamanten an dem kleinen Fleck tiefdunkeln Himmels, der über meinem Kopfe sichtbar war.