Ich legte den Lauf meiner geladenen Büchse auf die Mauer; meine Augen hafteten fest auf der schwarzen Gestalt dort unten. Ich sah, wie sie tief niedergebeugt Schritt für Schritt bis zu meinem Standort hinaufkroch; jedesmal, wenn ein herabrollender Stein ein Geräusch verursachte, hielt sie still, um zu horchen. Jetzt war der Schoka nur noch zwei oder drei Meter entfernt. Er schien zu zögern. Bereit, aufzuspringen, hielt ich meine Augen fest auf den obern Rand der Mauer gerichtet. Ich wartete eine Zeitlang, aber der Mann schien keine Eile zu haben, und ich wurde ungeduldig.
Sachte, die Büchse in der Hand, stand ich auf, und als ich meinen Kopf über die Mauer erhob, fand ich mich dem Manne auf der andern Seite gegenüber. Sofort hatte er die Mündung meines Mannlicher dicht an seinem Gesicht. Der verblüffte Schoka ließ sein Messer fallen und stürzte, um Verzeihung flehend, auf die Knie.
Nachdem ich ihn mit dem Flintenkolben gehörig durchgeprügelt hatte, schickte ich ihn zu seinen Freunden. Dem Manne fehlten alle Eigenschaften zu einem Mörder. Aber ich fühlte doch, daß es geraten sei, darauf zu achten, daß keine Störung während der Nacht stattfände. Zwar versuchten zwei Leute, aus dem Lager fortzulaufen, aber ich entdeckte es rechtzeitig. Dann war alles ruhig, bis die Sonne aufging und die Nacht mit all ihren Plagen und Sorgen dahinschwand.
Bei meiner letzten Rekognoszierungswanderung auf den Hügel über dem Lager hatte ich mit Hilfe meines Fernrohrs den Lagerplatz einer tibetischen Wache erspäht, der ungefähr 5 Kilometer nördlich vor uns lag. Ich teilte meinen Leuten diese Tatsache mit.
Am Morgen, als wir den Hauptteil unseres Gepäcks wieder ausgruben und uns zum Aufbruch bereitmachten, trat einer meiner Leute, ein Mann aus Kuti namens Nattu, vor und erklärte, er sei imstande, uns direkt nach dem Mansarowarsee zu führen. Er schien sehnlichst zu wünschen, dies zu unternehmen, und sagte, daß auf dem Wege, den er kenne, eine Entdeckung unmöglich sein würde, und daß wir folglich bei Tage reisen könnten.
Von diesem Manne geleitet, marschierten wir den Bach entlang hinauf, und ich war über die Bereitwilligkeit erstaunt, mit der die Schokas darauf eingingen, weiterzuziehen. Nach kurzer Zeit jedoch war ich überzeugt, daß der Verräter uns absichtlich nach derjenigen Stelle führte, die ich am meisten zu vermeiden wünschte. Als ich Einwendungen dagegen machte und dem Weitermarsch in jener Richtung Halt gebot, lehnten sich meine Schokas dagegen auf und versuchten, ihre Lasten wegzuwerfen und zu entwischen. Aber mein Träger versperrte ihnen schnell den Weg in dem engen Bache von vorn, und ich verhinderte ihr Entkommen auf der andern Seite. So mußten sie sich ergeben.
So schmerzlich es mir auch war, mußte ich sie doch alle hart züchtigen, und während ich darauf achtete, daß keiner ausriß, schien Tschanden Sing ein besonderes Vergnügen daran zu finden, sie umherzustoßen, bis sie alle zur Vernunft gebracht waren. Als sie einem eingehenden Kreuzverhör unterworfen wurden, gestanden sie offen, daß sie sich verschworen hätten, mich der tibetischen Wache auszuliefern, um den Schrecken der Tortur durch die Tibeter zu entgehen. Dieser letzte Akt von Verräterei in Verbindung mit dem, was die Leute, die ich immer mit besonderer Güte behandelt hatte, in der Nacht verübt hatten, war mir zuviel. Ich nahm einen Stock und teilte Schläge sehr freigebig auf ihre Rücken und Beine aus, wobei Nattu, der Mann aus Kuti, die größte Portion bekam, weil er das Haupt der Verschwörung war.
Als ich einen hochgelegenen Punkt bestieg, entdeckte ich, daß außer von der Wache, die wir im Norden vor uns hatten, unser Weg auch noch nach Osten und nach Westen von tibetischen Soldaten versperrt war. Es war nicht möglich, während des Tages weiterzukommen, ohne gesehen zu werden; doch ich weigerte mich entschieden, nach Süden zurückzugehen. Ich hielt eine Unterredung mit meinen Leuten ab, die jetzt scheinbar ergeben und fügsam waren. Sie willigten ein, mich bis zum Maiumpasse, auf dem Wege nach Lhasa, zu begleiten, eine Strecke, die wir auf ungefähr 15 bis 18 Tagemärsche schätzten. Auch darauf gingen sie ein, sich zu bemühen, Jake und Nahrungsmittel für mich zu erlangen; ich versprach sie alsdann zu entlassen.
Die Nacht war dunkel und stürmisch, und wir stießen bei unserm Vorwärtsdringen auf viele Schwierigkeiten, da der Boden bald glatt und schlüpfrig, bald mit Gesteinstrümmern und Felsblöcken bedeckt war. Wir konnten nicht weit sehen, und obgleich wir aus der Neigung des Abhanges wohl erkannten, daß wir an einem Abgrund entlang wanderten, konnten wir nichts wahrnehmen als einen leuchtenden Streifen tief, tief unten; es war ohne Zweifel der Fluß.
Ich konnte mir nicht erklären, was dieses Leuchten des Wassers verursachte; es konnte nicht vom Widerschein des Sternen- oder Mondlichtes kommen, weil der Himmel gerade sehr bewölkt war; dazu hatte der Fluß eine ganz eigentümliche, grünliche Färbung.