Das Gehen war so beschwerlich und mühsam, daß wir vier Stunden brauchten, um ungefähr 5 Kilometer zurückzulegen. Unsere Hände waren von den scharfen Steinen zerschunden und bluteten. Ich musterte meine Leute. Der arme Man Sing, der Aussätzige, fehlte. Als wir ihn zuletzt gesehen, hatte er unter seiner Last jämmerlich gestöhnt und war beständig gestolpert und gestürzt. Zwei Mann wurden nach ihm ausgeschickt, aber nach einstündigem Suchen war es ihnen noch nicht gelungen, ihn zu finden. Darauf gingen der treue Tschanden Sing und der Schoka Dola auf die Suche, da ich den armen Kerl nicht verlassen wollte, wenn er irgendwie gerettet werden konnte. Nach einer weitern Stunde ängstlichen Wartens kamen beide zurück und brachten den Unglücklichen mit. Hände und Füße des armen Burschen waren bös mitgenommen, und er konnte nicht aufrecht stehen. Er war vor Erschöpfung ohnmächtig hingefallen, und zufällig waren Tschanden Sing und Dola in der Dunkelheit über seinen fast leblosen Körper gestolpert. Von seiner Person abgesehen, würde sein Verlust sehr schmerzlich für mich gewesen sein, da er mein Bettzeug und meine photographischen Apparate trug.

Es fing an zu hageln und zu regnen, und die Kälte war stark. Wir fuhren tapfer fort, emporzuklimmen, wobei Tschanden Sing und ich dem armen Aussätzigen vorwärts halfen. Der Marsch war jetzt weniger schwierig, da wir in einer Bodensenkung entlang gingen und vor dem durchdringenden Winde geschützt waren, der uns bis jetzt Regen, Hagel und Schnee heftig ins Gesicht getrieben hatte. Langsam legten wir noch ungefähr 5 Kilometer zurück. Unterdessen hörte der Sturm auf, und die Luft wurde herrlich klar.

Als wir den über 5180 Meter hohen Paß erreichten, wurden wir durch eine merkwürdige optische Erscheinung überrascht. Die größern Sterne, die von einem blendenden Glanze waren, wie ich ihn in meinem Leben nie gesehen, schienen am Himmel schnell und plötzlich hin und her zu schwingen, indem sie kurze Bogen beschrieben und jedesmal wieder in ihre normale Stellung zurückkehrten. Die Wirkung war so unheimlich, daß das erste, was mir einfiel, war, es müsse an meinen Augen etwas nicht in Ordnung sein. Aber meine Gefährten sahen dieselbe Erscheinung. Seltsam war bei diesem Phänomen auch, daß die dem Horizont nähern Sterne hinter dem Gebirge verschwanden und wieder erschienen. Bei diesen dem Horizont nähern Himmelskörpern waren auch die Schwingungen weniger schnell, aber der Winkel des von ihnen beschriebenen Bogens maß fast das Doppelte von dem, den die Sterne direkt über unsern Köpfen beschrieben. Die Schwingungen der letztern waren ab und zu so schnell, daß der Stern selbst nicht mehr zu erkennen war, sondern nur eine fortlaufende Lichtlinie auf dem dunkeln Hintergrunde des Himmels erschien. Diese merkwürdige optische Täuschung, die bald, nachdem der Sturm sich gänzlich gelegt, begonnen hatte, dauerte einige Zeit; dann wurden die Schwingungen allmählich weniger heftig, und die Sterne nahmen schließlich ihren normalen Stand wieder ein und leuchteten in unbeschreiblicher Schönheit.

Wir überschritten den Paß und machten auf der nördlichen Seite halt, denn die Füße meiner Leute waren in einem solchen Zustande, daß sie die Schmerzen nicht länger ertragen konnten.

Als wir am andern Morgen aufwachten, fanden wir, daß das Thermometer, das in der Nacht bis auf 11 Grad unter Null gefallen war, auf 1 Grad unter Null gestiegen war und daß wir in einen dichten Nebel gehüllt waren, der uns bis ins Mark hinein erkältete. Mir hingen Eiszapfen von Schnurrbart, Augenbrauen und Haar herab, und meine Backen und die Nase waren mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, die durch den Niederschlag und den Atem auf dem Gesicht entstanden war.

Zwanzigstes Kapitel.
Der Teufelssee und der Heilige See.

Während unserer Nachtmärsche, die uns an Bergen von beträchtlicher Höhe hinauf- und hinabführten, hatten wir natürlich Abenteuer aller Art, die viel zu zahlreich waren, um hier in allen Einzelheiten erzählt zu werden.

Unter beständigen Schneestürmen überschritten wir Gebirgszug nach Gebirgszug, wanderten während der Nacht und verbargen uns am Tage, lagerten in sehr großen Höhen und erduldeten harte Entbehrungen. Ich führte meine Leute auf den Rakastal, den Teufelssee, zu. Eines Tages, als wir zu 5350 Meter Höhe emporgestiegen waren, hatten wir eine prachtvolle Aussicht auf die beiden großen Wasserflächen, den Lafan-tscho und Mafan-tscho, oder die Seen Rakastal und Mansarowar, unter welch letztern Namen sie außerhalb Tibets gewöhnlich bekannt sind.

Nördlich von den Seen erhebt sich der prachtvolle Tize oder heilige Berg Kelas, der die andern Schneegipfel der von Nordwesten nach Südosten laufenden Gangrikette um mehr als 600 Meter überragt. – Wir konnten von dieser Stelle aus deutlicher als von Lama Tschokden den Streifen um den Fuß des Berges sehen, der der Sage nach durch den Strick des Rakas oder Teufels gebildet wurde, als dieser versuchte, diesen Thron der Götter niederzureißen.

Der Kelas, der große heilige Berg, ist infolge seiner eigentümlichen Gestalt von fesselndem Interesse. Sie gleicht dem Riesendache eines Tempels, aber meiner Meinung nach fehlt ihr die Anmut der sanft geschwungenen Bogenlinien, wie man sie am Fujijama in Japan findet, dem vom künstlerischen Standpunkte schönsten Berg, den ich je gesehen habe. Der Kelas ist eckig, unangenehm eckig, möchte ich sagen, und trotzdem seine Höhe, die lebhafte Färbung seiner Basis und die Schneemassen, die seine Abhänge bedecken, ihm einen eigentümlichen Reiz geben, fiel er mir doch als äußerst unmalerisch auf, wenigstens von dem Punkte aus, von dem ich ihn sah und von wo er ganz sichtbar war. Wenn Wolken um ihn spielten und seine Formen milderten, erschien er für das Auge des Malers am vorteilhaftesten. So habe ich ihn besonders bei Sonnenaufgang wunderschön gesehen, wenn die eine Seite von dem aufsteigenden Tagesgestirn rot und gelb gefärbt war und seine Felsmasse sich majestätisch von einem Hintergrunde leuchtenden Goldes abhob, während hoch oben sein Gipfel emporragte, von einer Menge runder Wölkchen umkränzt, die sich phantastisch über den sonst klaren Himmel ausbreiteten. Mit meinem Fernrohr konnte ich, besonders an der Ostseite, deutlich den Engpaß sehen, durch den die Anbeter die Runde um den Fuß des Berges machen.