Die Pilgerfahrt rund um den Kelas nimmt gewöhnlich drei Tage in Anspruch; einige führen sie in zwei Tagen aus, und unter günstigen Umständen ist sie sogar in einem Tage zu machen. Es ist bei den Pilgern Brauch, unterwegs Gebete herzusagen und Opfer darzubringen. Die Fanatischern unter ihnen legen den Weg kriechend wie Schlangen zurück, indem sie sich platt auf den Boden legen; andere wieder gehen auf Händen und Knien, und noch andere gehen rückwärts.
Der Tize oder Kelas hat eine Höhe von 6650 Meter und der Nandi Phu westlich von ihm 6230 Meter.
Die Tier- und Pflanzenwelt schien reichlich vertreten zu sein, denn während ich das Panorama vor mir zeichnete, sprang ein Schneeleopard auf und setzte anmutig an uns vorüber; auch schoß ich ein- oder zweimal auf Gemsen, und wir sahen eine Anzahl von Kiang. Wir fanden Rhabarber, der in der bedeutenden Höhe von etwa 5200 Meter gut zu gedeihen schien, und an derselben Stelle eine Menge gelber Blumen.
Als wir uns den Seen näherten, schien die Atmosphäre mit Feuchtigkeit gesättigt, denn kaum war die Sonne untergegangen, als starker Tau fiel, der unsere Decken und Kleider durchnäßte. Wir waren 5050 Meter hoch in einem schmalen, sumpfigen Tal, in das wir von dem letzten Gebirgszuge steil hinabgestiegen waren. Von dem Gipfel des Gebirges aus hatten wir viele Rauchsäulen gesehen, die aus der Umgebung des Rakastal emporstiegen, und wir schlossen daraus, daß wir wieder mit großer Vorsicht vorwärts gehen müßten.
Wir kochten unser Essen, verlegten zu größerer Sicherheit mitten in der Nacht unser Lager in nordwestlicher Richtung auf die Höhe des Plateaus und setzten am Morgen unsern Marsch hoch über der prachtvollen blauen Wasserfläche des Teufelssees mit seinen hübschen Inseln fort.
»Sahib, siehst du jene Insel?« rief der Mann aus Kuti, indem er auf einen kahlen, aus dem See hervorragenden Felsen wies. »Auf ihm«, fuhr er fort, »lebt ein Lama-Einsiedler, ein heiliger Mann. Er ist dort seit vielen Jahren allein, und ihm wird von den Tibetern große Verehrung erwiesen. Er lebt fast ausschließlich von Fischen und gelegentlich von Schwaneneiern; nur im Winter, wenn der See gefroren ist, wird eine Verbindung mit dem Ufer eingerichtet und Vorräte werden ihm gebracht, denn es gibt weder Boote auf dem Rakastal noch irgendeine Möglichkeit, Flöße anzufertigen, wegen des Mangels an Holz. Der Einsiedler schläft in einer Höhle, kommt aber gewöhnlich ins Freie, um zu Buddha zu beten.«
Während der folgenden Nacht, als alles still war, trug eine leichte, aus Norden wehende Brise uns von Zeit zu Zeit schwach und undeutlich das Geheul des Einsiedlers zu.
»Was ist das?« fragte ich die Schokas.
»Es ist der Einsiedler, der zu Gott spricht. Jede Nacht klettert er auf den Gipfel des Felsens und richtet von dort seine Gebete an Buddha, den Großen.«
»Wie ist er gekleidet?« fragte ich.