»In Felle.«
Am Nachmittag hatten wir einen ergötzlichen Zwischenfall.
Wir kamen an einen Bach, an dem weiter abwärts eine Anzahl von Männern, Frauen und Hunderte von Jaken, Schafen und ungefähr dreißig Pferde waren. Die Schokas wurden ängstlich und sagten sofort, die Leute seien Räuber. Ich behauptete das Gegenteil. Katschi stellte die Behauptung auf, die einzige Art, Räuber von ehrlichen Leuten zu unterscheiden, sei, sie sprechen zu hören, weil die Räuber, wenn sie sich unterhielten, gewöhnlich schrien, so laut sie könnten, und eine Sprache führten, die durchaus nicht gewählt sei, während wohlhabende Tibeter sanft und gebildet sprächen. Ich hielt es daher für das einzig Richtige, hinzugehen und uns den Leuten vorzustellen, wobei wir dann durch den Ton ihrer Stimme ihre Beschäftigung herausfinden würden. Dies paßte jedoch meinen Schokas nicht; wir befanden uns daher in einer etwas schwierigen Lage. Denn um weiterzugehen, mußten wir entweder an dem tibetischen Lager vorbei oder südwärts um einen Berg herum, was bedeutende Mühe und Zeitverlust verursacht haben würde. Wir warteten, bis die Nacht kam, und beobachteten unbemerkt die Tibeter. Wie es bei ihnen gebräuchlich, zogen sie sich bei Sonnenuntergang in ihre Zelte zurück.
Meine Leute zurücklassend, kroch ich während der Nacht in ihr Lager und blickte verstohlen in eins ihrer Zelte. Die Männer kauerten auf dem Boden rund um ein Feuer, auf dem zwei Gefäße mit Tee dampften. Ein alter Mann mit scharfmarkierten mongolischen Gesichtszügen, die noch verstärkt wurden durch die tiefen Schatten, die der Schein des Feuers über seine eckigen Backenknochen und die vortretende, gefurchte Stirn warf, drehte emsig sein Gebetrad von links nach rechts und wiederholte mechanisch das gewöhnliche »Om mani padme hum«. Diese Worte stammen aus dem Sanskrit, beziehen sich auf die Wiederfleischwerdung Buddhas aus einer Lotosblume und bedeuten wörtlich: »Om, das Kleinod in dem Lotos! Amen.« Zwei oder drei Männer, deren Gesichter ich nicht sehen konnte, da sie sich sehr tief bückten, waren damit beschäftigt, Geld zu zählen und verschiedene Gegenstände indischer Herkunft zu prüfen, die ohne Zweifel den Schokas geraubt worden waren. Es war ein Glück, daß sie keine Hunde im Lager hatten.
Als ich den besten Weg entdeckt hatte, um unbemerkt an ihnen vorbeizukommen, ging ich zu meinen Leuten zurück und führte sie mitten in der Nacht an dem Lager vorüber. Wir gingen etwa zwei Kilometer über dieses Lager hinaus, und nachdem wir eine gutgeschützte Stelle gewählt hatten, wo wir ohne Furcht vor Entdeckung ruhen konnten, legten wir unsere Lasten nieder und versuchten ein paar Stunden zu schlafen. Bei Sonnenaufgang erwachten wir und waren sehr erschreckt, uns von einer Bande Dakoit umringt zu finden. Es waren unsere Freunde von der vergangenen Nacht, die unsern Spuren gefolgt waren und, da sie uns für Schokahändler hielten, jetzt eine kleine Plünderung vorhatten. Bei ihrer Annäherung erhielten sie einen etwas warmen Empfang, und ihr sofortiger Rückzug war mehr eilig als würdevoll.
Wir setzten unsern Weg zum Teufelssee fort. Um unser Essen zu kochen, hielten wir ungefähr ein Kilometer vom Ufer des Sees.
Ich hatte meine Instrumente, mit denen ich Längenbestimmungen und Höhenmessungen vornahm, eben wieder eingepackt und lag lang ausgestreckt in der Sonne in einiger Entfernung von meinen Leuten, als es mir vorkam, als sähe ich etwas sich bewegen. Ich sprang sofort auf, und siehe, ein kräftiger Tibeter kroch nur wenige Meter von mir auf dem Boden entlang, ohne Zweifel in der Absicht, sich meiner Flinte zu bemächtigen, ehe ich Zeit haben könnte, ihn zu entdecken. Zum Unglück für ihn war er nicht schnell genug, und so war alles, was ihm sein Versuch eintrug, eine tüchtige Tracht Prügel mit dem Kolben meines Mannlicher.
Es war einer der Räuber, die wir am Morgen gesehen hatten. Zweifellos waren sie uns gefolgt und hatten uns den ganzen Weg über beobachtet. Als der Kerl seine erste Überraschung überwunden hatte, forderte er uns mit einer ergötzlichen erheuchelten Unschuldsmiene auf, sie zu besuchen und die Nacht in ihrem Zelt zuzubringen. Sie wollten uns königlich bewirten, sagte er. Da uns aber die Art der Gastfreundschaft der Dakoit wohlbekannt war, lehnten wir die Einladung höflichst ab. Der Räuber ging etwas enttäuscht weg, und wir setzten unsern Marsch am Ufer des Teufelssees fort. Auf der ganzen Strecke zeigten sich deutliche Spuren, daß das Niveau des Sees in einer frühern Epoche viel höher gewesen sein mußte, als es jetzt war.
Wir begegneten vielen Tibetern. Wenn sie uns näherkommen sahen, rissen sie gewöhnlich aus, ihre Schafe und Jake vor sich her treibend. Wir trafen auch zwei tibetische Weiber, die sehr schmutzig waren und ihr Gesicht mit schwarzer Salbe beschmiert hatten, die die Haut vor dem Aufspringen in dem scharfen Wind bewahren soll. Sie waren in lange Schaffellgewänder gekleidet, die jedoch schäbig und schmutzig waren, und ihre Haare waren so unrein, daß sie einen ekelhaften Geruch ausströmten. Ich rief ihnen zu, uns nicht zu nahe zu kommen; denn obgleich diese Weiber keinen Anspruch auf Schönheit machen konnten und, soweit ich sah, keinerlei Reiz besaßen, da die eine alt und zahnlos war, die andere eine Haut wie eine Eidechse hatte, versuchten sie doch, uns in ihre Zelte zu locken, jedenfalls damit wir von ihren Männern ausgeplündert würden. Meine Leute schienen jedoch von ihren komischen Reden und Gebärden wenig angezogen, und ich eilte vorwärts, um dieses gefährliche Pack möglichst bald loszuwerden.
Vier Tibeter, die den Versuch machten, Tschanden Sing die Flinte aus den Händen zu reißen, erhielten von ihm eine tüchtige Tracht Prügel. Hiernach wurden wir zum Glück den übrigen Teil des Tages hindurch in Ruhe gelassen. Abends schoß Tschanden Sing auf einen schwarzen Wolf, der dicht an das Lager herankam, und ich entdeckte ungefähr 30 Meter über dem Spiegel des Sees ein in die Bergwand eingebettetes Lager von gigantischen Fossilien. Es tat mir sehr leid, daß es wegen ihrer Größe und ihres Gewichtes unmöglich war, sie auszugraben und mitzunehmen.