Da wir fast sicher waren, daß wir die ganze Zeit von den zahlreichen Jogpas, denen wir begegneten, beobachtet würden, mußten wir versuchen, sie zu täuschen, indem wir taten, als lagerten wir uns vor Sonnenuntergang, wobei wir ein Feuer anzündeten. Später entfernten wir uns und gingen, im Dunkeln tappend, mehrere Kilometer, bis wir hoch oben am Berghang einen Platz fanden, wo wir uns für ganz sicher hielten. Während der Nacht fiel starker Schnee, und wie gewöhnlich erwachten wir mit Eiszapfen, die an Bärten, Augenwimpern und Haaren hingen; dennoch fühlten wir uns trotz der ungewöhnlichen Beschwerden, die wir täglich zu erdulden hatten, verhältnismäßig wohl.

Ich vermochte von vielen Punkten aus festzustellen, daß, wie die Abbildung [S. 129] zeigt, der Rücken zwischen dem Rakastal und dem Mansarowarsee ununterbrochen fortläuft, und daß keine Verbindung zwischen den beiden Seen besteht. Mit Ausnahme einer kleinen Senkung ungefähr in der Mitte hat der Rücken auf der ganzen Strecke eine durchschnittliche Höhe von 300 Meter, eine Tatsache, die die Annahme, daß beide Seen eigentlich nur ein einziger sind, für immer beseitigen muß. Ich erfuhr auch von den Eingeborenen, daß keinerlei Zusammenhang zwischen den beiden großen Wasserbecken besteht, obgleich die Senkung in dem Rücken es wahrscheinlich macht, daß in einer sehr fernen Periode ein solcher bestanden hat. Der tiefste Punkt in dieser Depression liegt mehr als 100 Meter über dem Seespiegel.

Einundzwanzigstes Kapitel.
Unter den Räubern.

Gerade als ich das Ufer des Rakastal verlassen wollte, ereignete sich ein glücklicher Zufall.

Wir waren von einer andern Bande von Dakoit entdeckt worden, die sich sehr bemühte, uns einzuholen. Ich hatte sie mit einem Fernrohre erspäht, wie sie uns in höchster Eile nachritten. Sie trieben ungefähr zwanzig Jake in ungewöhnlich schnellem Trab vor sich her und ritten Pferde. Wir waren ihnen ungefähr drei Kilometer voraus. In halsbrechender Eile sahen wir sie gerade auf uns zukommen. Als ich Befehl zum Halten gab, wurden meine Leute von Furcht ergriffen.

Die Räuberbande kam näher. Sie ließen die Jake unter der Obhut von zwei Weibern. Als sie in einer Reihe auf uns losgaloppierten, waren meine Leute mit Ausnahme von Tschanden Sing und Man Sing vor Furcht wie gelähmt.

Die Räuber waren jetzt nur noch hundert Meter von uns entfernt. Mit der geladenen Flinte in der einen und meiner Kamera in der andern Hand ging ich ihnen entschlossen entgegen. Mit ihren veralteten Luntenflinten brauchen sie beträchtliche Zeit, bis sie die Lunte anzünden und einen Schuß abfeuern können. Überdies ist es ihnen fast unmöglich, vom Pferde aus zu schießen, da ihre Waffen zu schwer und unhandlich sind.

Ich stellte meinen photographischen Apparat ein und wartete, bis ich sie gut auf der Visierscheibe hatte. Dann löste ich den Momentverschluß aus, als sie nur noch dreißig Meter entfernt waren und eben von ihren Pferden herunterkletterten. Nachdem die Kamera ihre Schuldigkeit getan hatte, legte ich sie schnell auf die Erde, und nun kam die Büchse daran. Ich schrie ihnen zu, die Waffen niederzulegen, und um meinem Befehl mehr Nachdruck zu geben, legte ich meinen Mannlicher auf sie an.

Ich glaube, eine sanftere Räuberbande war nicht zu finden, obgleich dieses Gelichter oft tapfer ist, wenn es für sie leicht ist, mutig zu sein. Ihre Luntenflinten flogen mit unglaublicher Schnelligkeit von den Schultern auf die Erde. Die juwelenbesetzten Schwerter, die sie trugen, wurden rasch neben die Feuerwaffen gelegt. Die Banditen fielen nieder, nahmen ihre Mützen mit beiden Händen ab und streckten zum Zeichen des Grußes und der Unterwürfigkeit die Zunge heraus. Ich konnte nicht umhin, ein zweites Momentbild von ihnen aufzunehmen, denn sie sahen zu komisch aus.

Mein Träger, den ich zurückgelassen hatte, um das Gepäck zu bewachen, hatte Man Sing mit diesem Amte betraut und stand jetzt mit dem Henry-Martini an meiner Seite, als eine der Frauen, nach Männerart reitend, auf dem Schauplatze ankam. Sie war augenscheinlich über die Feigheit ihrer Männer wütend, weshalb sie mir gefiel. Sie sprang vom Pferde, kreischte so laut sie konnte, indem sie die Fäuste gegen die noch vor mir knienden Männer schüttelte, und vor Wut schäumend, spuckte sie zum Schluß auf die Räuber. Bei ihrer Ansprache an die Bande hatte sie eine unangenehme Art, auf mein Gepäck hinzuzeigen, aber ihre Rede schien auf die unterwürfige Menge wenig Eindruck zu machen.