F. A. Brockhaus, Leipzig.
TIBETISCHE WAHRSAGERIN.
Sie einzufangen, von der Herde zu trennen, Stricke durch ihre Nasenlöcher zu ziehen, Packsättel auf ihre Rücken zu binden, waren alles Geschäfte, die wir als Neulinge erst lernen mußten. Es war in der Tat ein hartes Stück Arbeit; aber wir plagten uns, bis es gelang.
Als wir weiterzogen, waren wir gute Freunde geworden, da sich die Räuber sehr gut benahmen. Ich aber nahm mir vor, in Tibet jederzeit lieber einem Banditen als einem Beamten zu trauen. In einer Hinsicht tat es mir leid, daß mein Zusammensein mit den Jogpas zu Ende war; denn, wenn sie auch zweifellos Briganten waren, so waren sie doch interessant.
Ihre originelle Kleidung und ihre Art der Unterhaltung, ihre ungewöhnliche, aber außerordentlich angemessene Art zu essen und ihr joviales, ungezwungenes Benehmen wirkten geradezu erfrischend. Ihre Kleidung konnte die in Tibet üblichen Trachten recht gut repräsentieren, denn die Männer trugen verschieden geformte Röcke und Hüte, wahrscheinlich dank der Leichtigkeit, mit der sie sie erlangten. Nicht zwei Individuen waren gleich gekleidet, wenn auch natürlich gewisse charakteristische Eigenschaften der Kleidung in jedem Falle beibehalten waren. Der eine trug einen mit Leopardenfell ausgeputzten Rock, ein anderer hatte ein langes, grauwollenes, einem Schlafrock ähnliches Gewand, das in der Taille mit einem Band umschlungen war, und ein dritter war in ein loses Kleid von Schaffell, mit der Wolle nach innen, gekleidet. Wieder ein anderer war mit einer dunkelroten Tunika angetan, die durch einen ledernen Gürtel festgehalten wurde, der in Schmiedeeisen eingelegte silberne Zieraten trug. Diese dienten dazu, eine Nadelbüchse, einen Zunderbeutel und Stahl zu halten, die an einer Perlschnur von dem Lederriemen herabhingen, ferner einen hübschen Dolch mit einer Scheide aus Ebenholz, Stahl und Silberfiligran, daneben noch andere Gegenstände, wie eine Kugeltasche. Die Jogpas, wie überhaupt die Mehrzahl der tibetischen Männer, tragen im Gürtel vorn ein Schwert, und der Rock, ob lang oder kurz, ist immer lose und an der Taille überhängend gemacht, damit er leicht einen Vorrat von Eß- und Trinkschalen, die Pukus, die Schnupftabaksdosen und verschiedene Beutel mit Geld, Tsamba und Teeziegeln aufnehmen kann. Dieser Sitte ist es zuzuschreiben, daß die meisten tibetischen Männer beim ersten Anblick den Eindruck sehr starken Körperbaues machen, während sie in Wahrheit von ziemlich schmächtiger Gestalt sind.
Die Tibeter tragen einen Arm und einen Teil der Brust unbekleidet und lassen den Ärmel lose herunterhängen. Der Grund hierfür, der vielen Leuten rätselhaft erscheint, ist der, daß in Tibet die Tage sehr heiß und die Nächte kalt sind. Der Unterschied der Thermometerstände beträgt im südwestlichen Tibet zuzeiten 45 und selbst 55 Grad. Da die Tibeter in den Kleidern schlafen, sind die Gewänder, die in der Nacht den Körper vor dem Frost schützen, in der Sonnenglut zu schwer und zu warm; deshalb benutzt man dieses einfache Auskunftsmittel. Beim Niedersitzen werden beide Arme aus den Ärmeln gezogen und Brust und Rücken bloß gelassen; beim Gehen aber wird ein Arm, gewöhnlich der linke, durch den Ärmel gesteckt, um den Rock mit seinem schweren Inhalt am Herunterfallen zu verhindern.
Was die tibetischen Stiefel anbetrifft, so stehe ich nicht an, sie vom Nützlichkeitsstandpunkte aus für die besten der Welt zu erklären. Sie haben alle Vorzüge, die ein Stiefel haben soll, besonders diejenigen mit platten Sohlen aus dicker, geflochtener Schnur. Der obere Teil, der aus rotem und grünem Filz gemacht ist, hält den Fuß warm, ohne den Luftzutritt zu verhindern, und für die Zehen bleibt reichlicher Raum, sich beim Gehen auszubreiten. Die Filzgamasche, die bis unter das Knie reicht, hält die weiche Sohle des Stiefels platt unter dem Fuße und erlaubt dem Knöchel vollständige und freie Bewegung. Die hauptsächlichste Eigenschaft der tibetischen Fußbekleidung ist jedoch die, daß der Fuß mit Ausnahme seines obern Teils von der dicken Sohle eingeschlossen ist, wodurch das Einklemmen der Zehen zwischen Steine verhindert wird, wenn man über Steinfelder geht.
Es gibt in Tibet vielerlei Stiefelsorten, aber das Prinzip ist immer dasselbe. Die Stiefel sind stets Hausarbeit. Jeder macht sich die seinen selbst, ausgenommen in großen Städten, wo man Schuhwerk kaufen kann; natürlich ist dann die Qualität nicht auf gleicher Höhe. Die Stiefel aus Lhasa haben z. B. feinere, weichere und elastischere Sohlen als die in Schigatse gemachten, die hart und steif sind und sich viel schneller abtragen sollen als die biegsamern der heiligen Stadt. Dann gibt es auch welche mit Ledersohlen, die besonders für nasse oder schneeige Gegenden gemacht werden; wenn diese mit Fett eingeschmiert werden, sind sie vollkommen wasserdicht. Von solchen sind zwei Arten in Gebrauch, die eine mit spitzen, aufwärts gekrümmten Zehenkappen, um sich den Weg in den Schnee einzuschneiden, die andern von der gewöhnlichen Form. Männer und Frauen tragen dieselben Stiefel. Die vornehmern Lamas und Beamten tragen Lederstiefel nach chinesischer Mode, die schwere Leder- oder Holzsohlen mit gewaltigen Nägeln haben.
Von Kopfbedeckungen gibt es unzählige Arten. Die eigentümlichste von allen, die hauptsächlich von Soldaten und Dakoit getragen wird, ist die in Kegelstumpfform mit breitem Rande, die gleich den Schuhsohlen ganz aus geflochtener Schnur gemacht ist und am obern Ende ein Loch für die Ventilation hat. Da der kegelförmige Teil zu klein ist, um auf dem Kopfe zu halten, wird er mit zwei unter dem Kinn gebundenen Schnüren auf dem Schädel festgehalten. Außerdem gibt es die kegelförmigen braunen und grauen Filze, nicht unähnlich den in chemischen Laboratorien gebrauchten Filtern, die in den bessern Qualitäten oft mit einer goldenen, blauen oder roten chinesischen Stickerei verziert sind.
Der gemeine Tibeter liebt es nicht, sich den Kopf zu bedecken, und wenn er auch oft in den losen Falten seines Rockes eine oder mehrere Mützen untergebracht hat, trägt er unter gewöhnlichen Umständen selten eine auf dem Kopfe. Beamte jedoch sieht man nie ohne eine runde Mütze nach chinesischer Art mit einem Knopf auf der Spitze. Alle Männer mit Ausnahme der Lamas, die den Kopf kahl scheren, tragen einen Zopf, der zuweilen kurz und struppig, aber auch lang und mit einem Stück roten Tuches verziert ist, mit dem er umnäht ist und mit welchem er durch Ringe von Elfenbein, Knochen, Glas, Metall oder Korallen gezogen wird. Silberne Zieraten, z. B. durchbohrte Münzen, werden viel zum Schmuck der Männerzöpfe verwendet, und zu demselben Zwecke sind auch Korallen- und Malachitschmucksachen in Tibet allgemein und werden von den Eingeborenen sehr geschätzt. Die Männer tragen einen Ohrring mit Malachitverzierungen, oft noch mit einem langen Gehänge daran. Diese Ringe sind gewöhnlich von Messing und Silber, selten von Gold. Häufiger als dieser einzelne Ohrring ist die messingene oder silberne Amulettkapsel, die meist ein Bildnis Buddhas enthält und die fast jeder Tibeter um den Hals gehängt trägt.