Die Tibeter sind überaus abergläubisch und glauben an jede Art der Zauberei. Es ist dies die Folge der Unwissenheit, die auch an ihren andern schlechten Eigenschaften schuld ist. Von den Lamas und den höhern Beamten abgesehen, erhält das Volk nicht den geringsten Unterricht; es wird in der finstersten Unwissenheit erhalten. Wenige können lesen, niemand kann schreiben, und die Lamas sorgen schon dafür, daß nur diejenigen es lernen, die sie brauchen können. Ehrlichkeit und Ehre sind Eigenschaften, die in Tibet in jeder Klasse und jeder Stellung fast unbekannt sind, und die Wahrheit von einem Tibeter zu erfahren, ist nach dem Zeugnis aller Kenner des Landes geradezu unmöglich. Grausamkeit ist dem Tibeter angeboren, und Laster und Verbrechen wuchern überall üppig.
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Nachdem der Verkauf der Jake abgeschlossen war, kauerten sich die Jogpas zu einem kräftigen Mahle aus Tsamba, Tschura und Tee nieder. Sie nahmen ihre hölzernen und metallenen Pukus aus den Röcken, füllten sie schnell mit Tsamba, und nachdem sie darüber dampfenden Tee gegossen hatten, der mit Butter und Salz in einem Butterfaß angemacht war, rührten sie alles mit ihren schmutzigen Fingern in der Schale um, bis sich ein Brei gebildet hatte; diesen rollten sie zu einer Kugel, die sie in den Mund steckten. Dieser Prozeß wurde so oft wiederholt, bis ihr Appetit befriedigt war. Jedesmal, ehe sie sie wieder füllten, wurde die Schale rein geleckt. Da ihnen nach dem Essen die Sonnenhitze lästig wurde, entledigten sich Männer und Frauen ihrer Kleider bis zur Taille und zeigten dabei um den Hals Schmucksachen von Gold, Silber und Kupfer.
Die Weiber der Dakoit besaßen, wenn sie auch durchaus nicht schön waren, einen gewissen, durch ihre Wildheit hervorgerufenen Reiz. Im Gegensatz zur Mehrzahl der tibetischen Frauen hatten sie sehr gute Zähne, und ihre Hautfarbe war nicht sehr dunkel, wenn auch die schwarze Salbe, mit der Backen, Nase und Stirn beschmiert waren, sie dunkler erscheinen ließ, als sie wirklich waren. Alle hatten sie regelmäßige Gesichtszüge, und Augen und Mund waren ausdrucksvoll. Das Haar war in zahllose kleine Zöpfe geflochten, die in einem anmutigen Bogen über den Kopf aufgenommen waren. Dort wurden sie durch einen roten Turban festgehalten, der so angeordnet war, daß er noch eine Reihe kleiner Zöpfe auf der Stirn sehen ließ; die Enden waren der Reihe nach miteinander verbunden. Sie trugen große goldene, mit Malachit eingelegte Ohrringe. In ihrem Benehmen waren sie ungeniert und kümmerten sich nicht im geringsten um die einfachsten Regeln des Anstands.
Die Kinder waren gesprächig und hatten das Gebaren Erwachsener. Schon im Alter von 8 und 10 Jahren führten sie Schwerter im Gürtel. In einem Korbe, den ein Jak getragen hatte, war ein nur wenige Monate altes Kind. Ich liebkoste es zum Entsetzen seiner abergläubischen Mutter, die das Kind wegriß und des armen kleinen Wesens Gesicht wusch und rieb, bis die Haut abging; sie sagte, Kinder müßten sterben, wenn sie von Fremden berührt würden.
Als ich Reis von den Männern kaufte, wollten sie mich diesen nicht berühren lassen, ehe er nicht mein Eigentum geworden wäre. Jedesmal, wenn ich den Arm ausstreckte, um den Reissack zu berühren, wehrten sie ab, und schließlich wurde mir eine Hand voll Reis aus beträchtlicher Entfernung gezeigt, damit ich seine Beschaffenheit beurteilen könne. Ich mußte zuerst die Handvoll kaufen, und nachdem ich mich versichert hatte, daß er gut war, erwarb ich den Rest.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Am Mansarowar.
An demselben Nachmittag waren wir ungefähr zwei Kilometer in der Richtung auf den Mansarowar weitergezogen, als wir von einem der Jogpas angerufen wurden, die wir kurz zuvor verlassen hatten. Er ritt auf uns zu, augenscheinlich in einem Zustand großer Erregung. Nachdem er abgestiegen war, zog er sein Schwert und lief damit auf einen meiner Jake zu. Da er uns zurief, daß er nichts Böses beabsichtige, ließen wir ihn gewähren. Schließlich holte er den widerspenstigen Jak ein, warf nach einem Kampfe mit dem unglücklichen Tiere seine Arme um dessen Hals und legte seinen Kopf zwischen dessen Hörner. Ich war über diese Possen nichts weniger als erfreut, da ich glaubte, daß dieser Überschwang von Liebe nur ein Kniff wäre, um dem Tiere den Hals abzuschneiden. Zu meinem Erstaunen fand ich, daß der junge Jogpa mit den Zähnen einen Büschel von den Haaren des Jaks ergriffen hatte und sich bemühte, ihn herauszureißen, während das Tier verzweifelte Anstrengungen machte, seinen Peiniger abzuschütteln. Endlich gab das Haar nach, und mit einem Mundvoll Haare, die zu beiden Seiten seiner festgeschlossenen Lippen herabhingen, ließ der Jogpa den Kopf des Tieres los und führte mit seinem Schwert einen Schlag nach dem Schwanze des Jaks.
Nun packte ich aber doch den Kerl bei seinem Zopfe, während er seinerseits sich an den Schwanz des erschreckten Jaks klammerte, der ausriß und uns in unangenehm schneller Gangart hinter sich her zog.
Während unserer tollen Jagd schnitt der Jogpa eine lange Locke aus dem seidenen Haare des Jaks und schien, als er diese hatte, vollkommen befriedigt. Er ließ los und steckte sein Schwert in die Scheide, verbarg die gestohlenen Haare in seinem Rocke, machte uns tiefe Verbeugungen und streckte wie gewöhnlich die Zunge heraus. Auf Befragen erklärte er, daß man sicher von Unglück betroffen werde, wenn man bei der Trennung von einem Tiere, das man besessen, nicht diese Vorsicht gebrauche. Damit schloß der Zwischenfall.