Der Jogpa ritt beglückt fort, und wir verfolgten unsern Marsch über die steinige Ebene, bis wir den Rücken erreichten, der sich quer durch sie zieht und die beiden Seen voneinander trennt. Wir kletterten bis zum Kamme hinauf, der zirka 5000 Meter über dem Meere liegt. Um festzustellen, ob der Höhenzug die beiden Seen vollständig trennt, ging ich bis zur Mitte des Rückens, wo ich fand, daß die nördliche Hälfte des Rückens etwas niedriger ist als die südliche, aber immerhin mehr als 100 Meter über dem Seespiegel liegt. Dieser Abstecher verursachte einigen Zeitverlust, so daß wir, als die Nacht kam, noch auf dem Rücken waren.

Von unserm Lagerplatze aus sahen wir fünfzehn schwarze Zelte an dem Abhang; im Osten, am Seeufer, lag eine große Gomba, ein Lamakloster, mit einem Tempel und einer Anzahl von Lehmhäusern. Ich schätzte die Entfernung zwischen uns und der Gomba auf nur 15 Kilometer, eine erfreuliche Entdeckung, da ich hoffte, dort frischen Proviant zu bekommen, der es uns ermöglichen sollte, schneller vorwärtszukommen. Wir waren jetzt ganz aus dem Bereiche der Soldaten von Gyanema, wie auch aus dem des Tarjum von Barka und des Jong Pen von Taklakot. Wenn wir nur nachts genügend Vorrat von Nahrungsmitteln erlangen und früh am andern Morgen durch die Wildnis dringen konnten, war wenig Gefahr, daß wir noch eingeholt würden. Die Schokas wurden bei dem Gedanken, eine tibetische Niederlassung betreten zu sollen, wieder von Schrecken ergriffen, ich erklärte ihnen aber bestimmt, daß wir die Gomba und das Dorf Tucker erreichen müßten.

Unter uns lagen die beiden großen Seen. Der Teufelssee mit seinen zerklüfteten steilen Ufern, seinen felsigen Inseln und seinen weit ausgreifenden Halbinseln war für mich weit bezaubernder als der Heilige See neben ihm, in welchem der Sage nach Mahadewa und alle andern guten Götter wohnen. Obgleich das Wasser ebenso blau und durchsichtig ist, obgleich beide Seen die große Gangrikette als Hintergrund haben, ist der Mansarowar, die Schöpfung Brahmas, nach dem er benannt ist, doch nicht annähernd so reizvoll wie sein weniger heiliger Nachbar. Der Mansarowar hat keine Uferschluchten, die steil aus seinem Wasser aufsteigen, in dem ihre lebhaften Farben wie in einem Spiegel widerglänzen; er bildet ein fast vollkommenes Oval ohne Einbuchtungen. Eine steinige, langsam sich abdachende Ebene von etwa dreieinhalb Kilometer Breite liegt zwischen dem Rande des Wassers und den umgebenden Bergen, mit Ausnahme der Strecke längs des Rückens, der ihn vom Rakastal trennt, dessen Ufer wilder und steiler ist.

Direkt südlich von dem See erhebt sich eine Kette von hohen, schneebedeckten Gipfeln, in der mehrere Ströme entspringen. Von unserm Standpunkte aus konnten wir deutlich sehen, daß das Niveau des Rakastal einst mindestens 10 Meter höher gewesen sein muß, als es jetzt ist. Das schräge Bett von kleinen, abgerundeten, glatten Steinen, das sich bis dreieinhalb Kilometer über den heutigen Wasserrand hinausstreckt, ist Beweis genug, daß das Wasser einst bis dorthin gereicht hat. Ich glaube, daß es noch in allmählichem Zurückweichen begriffen ist.

Rund um den See befinden sich mehrere baufällige Schuppen, die unter der Obhut von Lamas stehen; aber nur ein wirkliches großes Kloster und ein Tempel im Dorfe Tucker sind vorhanden.

Man erzählte mir, daß im Nordwesten des Sees eine kleine Gomba und Serai unter Aufsicht von Lamas sich befinde, aber für die Richtigkeit dieser Angabe kann ich nicht einstehen, da ich sie nicht selbst besucht habe und die Mitteilungen über ihre Lage und Bedeutung, die ich von den Tibetern erhielt, widersprechend waren.

Räuber.

Wie sich die Natur der Landschaft zwischen dem Teufelssee und dem Mansarowar plötzlich ändert, so waren auch das Wetter und die Temperatur sehr verschieden. Über dem Rakastal sahen wir beständig einen lieblich blauen Himmel, während über dem Mansarowar immer schwere Wolken tief herabhingen und unaufhörlich Regen fiel. Von Zeit zu Zeit trieb der Wind den Regen für einige Minuten fort, und dann war das Spiel des Lichts auf dem Wasser reizend, bis neue Wolken unter heftigen Donnerschlägen die Szenerie wieder düster und bedrückend machten.