Franz Servaes.
Thusnelda im Triumphzug des Germanicus
Von Karl Theodor v. Piloty
Geboren 1. Oktober 1826 in München, gestorben 21. Juli 1886 in Ambach (Oberbayern). — Neue Pinakothek in München
Düster, fast teilnahmlos sitzt der römische Kaiser Tiberius auf seinem Thron und wohnt dem Triumphzug des Germanicus bei, der mit dem wohlgerüsteten und disziplinierten Römerheere Siege über die Germanen erfochten in frechen Raubkriegen. Pyrrhussiege übrigens, die es den Römern für die Zukunft verleideten, weiter in Germanien vorrücken zu wollen. Die Römer hatten die Gewohnheit, bei solchen Triumphzügen gefangene, hervorragende Persönlichkeiten aus der besiegten Nation dem Volke vorzuführen. Dieses Mal gab Tiberius die ein paar Jahre vorher in Römerhände gefallene Thusnelda, des edlen Arminius Gemahlin, die in der Gefangenschaft einen Sohn, den Thumelikus, geboren hatte, der Schaulust des römischen Pöbels preis. Und den Augenblick, in dem die Unglückliche, die ihren Gatten nie wiedergesehen hat, am Sitze des finsteren Kaisers vorbeischritt, hat Karl v. Piloty in seinem Riesenbilde geschildert. Hoheitsvoll wandelt sie mit ihrem Knaben einher, an Wuchs und Würde alle andern überragend. Hinter ihr gefangene deutsche Frauen, vor ihr gefangene Germanen, gefesselt und mißhandelt von römischen Soldaten. Mit roher Faust zerrt der eine von diesen einen greisen germanischen Barden an seinem langen Bart vorwärts, ein zweiter Skalde liegt gefesselt, tot oder ohnmächtig, im Vordergrund unter einem Haufen von Beutestücken. Im Hintergrunde sieht man den Triumphator heranfahren, dunkel gegen lichte Bauten gestellt, umjubelt von der kranzspendenden, Kränze werfenden Menge. Eine Fülle mehr episodenhafter Charakterfiguren ist unter die Hauptgestalten gemischt: um den Kaiser ein Kranz von Frauen, neben ihm ein Germane, der vielleicht zu seiner Leibwache gehört und beschämt den Blick wegwendet von seinen gedemütigten Landsleuten, weiter unten ein Weib, das den gefangenen Germanen haßerfüllt die Faust zeigt, Gassenjugend usw.
Die mächtige Komposition ist auf verhältnismäßig engem Raum mit Meisterschaft zusammengedrängt, reich, für ihre Entstehungszeit über alle Begriffe reich, und doch nicht mit Menschen und Dingen überladen. Aber darin wie in den glänzend gegebenen Einzelheiten, liegt nicht der Wert des 1873 für die Wiener Weltausstellung vollendeten Bildes. Es war ein Triumph der Malerei, die Offenbarung eines neuen Begriffes vom Malen, nachdem man darunter viele Jahrzehnte lang nur ein Kolorieren, nur das Ausfüllen von Umrissen durch farbige Flächen verstanden. Auch die Form, die Bewegung der Gestalten war von einer überzeugenden Wahrhaftigkeit, die damals den Beschauern mit atemraubender Wucht vor Augen trat — heute freilich kommt das Bild denen, die inzwischen Epochen eines viel robusteren Realismus in der Kunst durchgemacht, durchaus nicht mehr durch seine Naturwahrheit verblüffend vor — oder höchstens durch seine Größe.
Und doch ist dies Gemälde ein Markstein in der Entwicklung der deutschen Malerei, und Karl v. Piloty, von tiefer empfindenden Künstlern, ja seinen Schülern schon bei Lebzeiten in den Hintergrund gedrängt, ist in Wahrheit ein Bahnbrecher von Verdiensten gewesen, die nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Er führte die Deutschen, wie gesagt, von der Kartonkunst zur wirklichen Malerei, er brachte ihnen Freude an der Farbe bei und den Begriff der malerischen Freiheit. Viele seiner Schüler haben sich große Namen gemacht; die von ihnen noch leben, gelten auch noch heute, und was er vor so vielen voraus hatte — er ließ seine Schüler werden und wachsen, wie es ihnen ihre Natur vorschrieb. Von allen seinen bekannten Schülern hat vielleicht einzig der Ungar Benczur Palette und Vortragsweise seines Meisters auf die Dauer behalten. Die anderen, die Gabriel Max, Defregger, Hans Makart, Eduard Grützner, Hugo v. Habermann, Franz v. Lenbach usw. nahmen wohl des klugen und weitschauenden Meisters Korrektur und Ratschläge dankbar entgegen, aber, sobald sie selbständig geworden und genug gelernt hatten, gingen sie ihre eigenen Wege. Auch jene, die ihren „historischen Unglücksfall“ — so nannte boshafterweise damals der Künstlerwitz die von den Schülern gefürchteten Pilotyschen Geschichtsmotive — bereits hinter sich hatten. Ohne einen Versuch in der Geschichtsmalerei kam bei Piloty selten einer durch, so wenig engherzig der Meister war, wenn er fühlte, daß die Begabung des Schülers nach einer anderen Seite drängte. Er selbst blieb bei seiner „Großen Historie“ — nur ein paar Bildnisse hat er außer den Geschichtsbildern gemalt, ihn verlangte nach malerischem Aufwand, nach dramatischem, ja oft ein wenig theatralischem Effekt — und dazu gab ihm eben das Stoffgebiet, das er gewählt hatte, Gelegenheit! —
Die Familie des Künstlers stammte aus Italien, hatte sich in der Pfalz niedergelassen, und der Großvater Karl v. Pilotys war, als die Sulzbacher Linie in Bayern zur Regierung kam, mit dem Kurfürsten Karl Theodor nach München übergesiedelt. Dieses Piloty künstlerisch begabter Sohn Ferdinand hatte eine lithographische Kunstanstalt eröffnet, bald nachdem Senefelder seine große Erfindung gemacht, und sein Sohn Carl besuchte die Münchener Kunsthochschule. Sein Talent zeigte sich so früh, daß ihn der Vater schon mit zwölf Jahren auf die Akademie schickte, an der freilich damals — 1838 — noch wenig künstlerischer Gewinn zu holen war. Aber Pilotys eiserner Fleiß ließ ihn, der übrigens in allem ein Mensch von fast düsterm, schwerblütigem Ernste war, auch hier vorwärtskommen. Aber nach wenigen Jahren schon warf ihn das Schicksal einstweilen jäh aus der Laufbahn des Malers. Der Vater starb, und um die Familie zu erhalten, mußte der Sechzehnjährige die Leitung des umfangreichen lithographischen Geschäftes übernehmen, was er auch zustande brachte. Nur in den Freistunden, die wohl spärlich genug waren, lebte er noch seiner Kunst, bis ihn glücklichere Lebensumstände aus diesem Frondienst befreiten und er zu seiner Malerei zurückkehren konnte.