Um die Mitte der vierziger Jahre — damals schickte man die großen und sensationellen Bilder noch auf Reisen — wurde in München des berühmten Belgiers Gallait „Abdankung Karls V.“ ausgestellt. Das packende Werk wirkte mächtig auf Piloty und drängte ihn in die Richtung der historischen Malerei. Er sah auch unter starken Eindrücken ein verwandtes Werk von Gallaits Landsmann Bièfve, lernte in Paris die Kunst Delaroches kennen, und in Venedig, wohin er 1847 zum ersten Male zu Fuße pilgerte, begeisterte er sich an Paolo Veronese. Alle diese Einflüsse bestimmten seine endgültige Richtung. Nach ein paar „Genrebildern“ kam er zu seinem ersten historischen Gemälde, als König Maximilian II. von Bayern für seine, der Historienmalerei gewidmete Galerie des Maximilianeums ein Bild bestellte: „Kurfürst Maximilian tritt 1609 der katholischen Legion bei“. Das Werk des siebenundzwanzigjährigen Jünglings fiel so glänzend aus, daß alle Welt staunte. Und als er ein Jahr später das in der Münchener Pinakothek befindliche Werk „Seni an der Leiche Wallensteins“ mit der für die damalige Zeit blendenden Vollendung aller Stillebenteile, namentlich der Stoffe, herausgebracht, stand sein Ruhm für alle Zeit fest. Im nächsten Jahre wurde er Professor an der Kgl. Kunstakademie und nach W. v. Kaulbachs Tode, allerdings fast zwei Jahrzehnte später, deren Direktor. Nach dem „Seni“ folgte ein Geschichtsbild dem andern. Einige Stoffe nahm der Künstler noch aus der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges; 1860 vollendete er das gewaltige Werk „Nero nach dem Brande Roms“, 1861 „Galilei im Kerker“, „Gottfried von Bouillon auf der Wallfahrt zum Heiligen Grabe“, „Kolumbus als Entdecker Amerikas“, „Maria Stuart, die Verkündigung ihres Todesurteils empfangend“, „Der Dauphin Ludwig XVII. bei seinem ‚Pfleger‘, dem Schuster Simon“. Eine Berufung zum Leiter der Berliner Kunstakademie lehnte er (1869) ab und vollendete 1873 seine „Thusnelda“, ein Werk, in dem er die glänzenden Seiten seiner Kunst vielleicht klarer offenbarte, als in irgendeinem späteren: seine höchst vervollkommnete Gabe zu komponieren, seine Zeichenkunst und seine farbige Wahrheit. Von gewaltigen Ausmaßen ist auch das damals begonnene, 1879 vollendete Werk „Die Munichia“, umgeben von allen um die Entwicklung Münchens verdienten Männern — eine schwere Aufgabe, meisterlich gelöst. Die vielen Bildnisse in dem Gemälde, das den Sitzungssaal des Münchener Rathauses ziert, sind voll frischen Lebens und, so weit es das Thema nur irgend zuließ, frei von akademischer Konvention. Der kleiner gehaltene „Letzte Gang der Girondisten“, die „Klugen und die törichten Jungfrauen“, „Unter der Arena“, „Der Rat der Drei in Venedig“ folgten — ein „Tod Alexanders des Großen in Babylon“ blieb unvollendet; denn während der Arbeit, am 21. Juli 1886, starb Piloty in seiner Besitzung am Starnberger See, in Ambach. Mit den oben aufgezählten Bildern ist übrigens noch lange nicht das ganze Malerwerk des Historienmalers Piloty erschöpft. Sein Hauptverdienst aber erwarb er sich trotz jener glänzenden Leistungen als Anreger, als Lehrer. Wilhelm v. Kaulbach, damals Direktor der Kunstakademie, hat seinen Sohn Hermann in Pilotys Schule geschickt, damit er malen lerne, und er selbst plagte sich hinter verschlossenen Türen noch in seinen alten Tagen, im neuen Sinne nach der Natur malen zu lernen. Vielleicht die schlagendsten Beweise für die Macht von Pilotys Wirkung auf seine Zeit!
Fritz v. Ostini.
Gefilde der Seligen
Von Arnold Böcklin
Geboren 16. Oktober 1827 in Basel, gestorben 16. Januar 1901 in Fiesole bei Florenz. — Nationalgalerie in Berlin
Welch wunderbare, farbenfrohe Märchenwelt!
Ein seltsam fremdes Fabelwesen, Chiron, der Zentaur, halb Mensch, halb Pferd, trägt sinnend, in beschaulichem Wohlgefühl, eine schöne junge Frau über das geheimnisvolle Dunkel blauschimmernden Wassers hinüber an ein grünes, durch ragende, silberglänzende Pappeln belebtes Gestade. Das ist ein Ereignis für die Geister des weltfernen, ruhig in einsamem Stolz dahinflutenden Stromes; denn nur wenigen Auserwählten ist der Zutritt vergönnt zu der Stätte seliger Gottesnähe und ewigen Friedens, zum paradiesischen Reiche der Schönheit und Anmut. Zwei Nixen haben es bemerkt, holde Wesen, denen der schuppige Fischschwanz nichts von ihrer Schönheit nimmt; sie trieben im Wasser blumengeschmückt ihr neckisches Spiel; nun schwimmen sie heran und singen, überwältigt von der Schönheit der Frau, die ihren Einzug hält, zum Gruß am schilfigen Gestade ihr schönstes Lied von Lust und Liebe, von seliger, goldener Zeit. Aber der Beschauer muß lächeln: sie mühen sich vergebens. Mögen sie noch so hingebungsvoll ihren Sang ertönen lassen: die stolze Frau ist solcher Huldigungen gewohnt; sie hört wohl die schmelzenden Klänge, aber ihr Geist ist auf Höheres gespannt; ihr Auge mag flüchtig mit Wohlgefallen auf ihnen geruht haben, jetzt richtet sie den Blick vorwärts und schaut erhobenen Hauptes in das Land ihrer Sehnsucht, und:
Wundersam, auch Schwäne kommen
Aus den Buchten hergeschwommen,