Alles in allem ist der Turm recht flink entstanden. An der Domkirche selbst wurde weit länger gebaut, vom 13. bis ins 16. Jahrhundert, und mehrere Stilepochen, Gotik, Renaissance und im Innern die Barockkunst, haben dem Bauwerk ihren Stempel aufgedrückt. Der Turm aber ist völlig einheitlich und harmonisch gefügt und auch, was unsere neueren Zeiten hinzugetan haben, geschah ganz im Geiste und nach dem Vorbilde alter Kunst. Niemand denkt mehr ans 19. Jahrhundert, im Anblick des Stephansturms. Jeder fühlt hier den Hauch des Mittelalters, das zuerst dieses Kunstwerk errichtete, und das aus seinem religiösen Geiste heraus, in tiefer Inbrunst und mit hoher Schöpfermacht, dieses Wunderwerk ersann. Wie die steile Spitze aus flankierenden Turmspitzen, über einem hohen, geschmückten Quaderunterbau, herauswächst, immer schlanker und dünner wird, von steinernen Krabben wie von einem begleitenden Zackenwerk bis zur höchsten Spitze lebendig umkrochen, und so in den Wolkenhimmel vorstößt, ein gleichsam aus der Erde emporschießender Sehnsuchtspfeil zur Gottheit, das reißt auch den heutigen Betrachter immer wieder mächtig mit sich fort und schenkt ihm fromme und hohe Gefühle der Verehrung und der Andacht.

Und da ist nun in unseren Zeiten in Wien ein Maler gewesen, der hat den Stephansturm und überhaupt den ganzen Stephansdom mit besonders warmem Herzen geliebt, und er ist nicht müde geworden, ihn zu malen. Immer aufs neue, bald von dieser, bald von jener Seite aus, bald von innen und bald von außen. Doch nie als bloßes kaltes Gemäuer und einsam ragende Steinmasse, sondern stets mit einem pulsierenden Stück Menschenleben drumherum — so daß man so recht fühlt, wie auch dieser Dom kein beliebiges totes Bauwerk, sondern selbst ein Stück Leben ist, umbraust und ausstrahlend, und gleichsam atmend und fühlend. Der Maler, der das so erfaßt hat, hieß Rudolf Alt, und er hat seinem Namen Ehre gemacht und hat nicht bloß das Alte geliebt, sondern ist auch selber alt geworden, 92 Jahre und noch ein paar Monate drüber. Hierdurch paßt er nun gerade erst recht zum alten Stephansturm, so daß man wohl sagen kann: die beiden gehören zueinander. Und das haben die Wiener auch so empfunden und nannten schließlich die beiden immer gewissermaßen in einem Atem.

Aber wenn ich sage: der Rudolf Alt liebte das Alte, so muß ich doch hinzufügen: er liebte nicht minder auch das Junge und das Neue. Er zählte sechsundachtzig Jahre, da gründete man in Wien, 1898, die Sezession, d. h. die jungen Künstler taten sich zusammen und wollten der Welt zeigen, daß sie auch da wären und etwas machen könnten und den hergebrachten Schlendrian nicht mehr brauchten. Viele, namentlich alte Leute haben sie darum gehaßt und haben sie geschmäht und befehdet, vor allem natürlich aus Künstlerkreisen. Aber just der älteste Künstler von allen, eben unser Rudolf Alt, ließ sich nicht ins Bockshorn jagen, stellte sich frisch und fröhlich zu den Jungen und wurde Ehrenpräsident der Sezession. Er war aber damals keineswegs das, was man eine künstlerische Ruine nennt, sondern er malte noch fest und feurig drauflos und stellte jedes Jahr mit den Sezessionisten zusammen aus. Und er konnte sich noch sehr gut blicken lassen, alles, was er machte, zeigte Leben, und er wurde mitunter so keck mit der Farbe, als spürte er eine neue Jugend in sich. März 1905 ist er dann gestorben.

Ja, so war er, der Rudolf Alt, ein Alter und ein Junger zugleich, ein ehrfürchtig Zurückschauender und ein hoffnungsfreudig in die Zukunft Blickender. Das sind aber grade immer die Allerbesten, die so fühlen. Denn es ist kein Kunststück, immer nur das Neueste mitmachen zu wollen und auch in der Kunst ein Modefex zu werden, der Tracht und Art von Jahr zu Jahr wechselt. Ebensowenig freilich kann der einem imponieren, der stets nur am Überlieferten klebt und alles immer so weitermacht, wie er es als Schüler gelernt hat, und nichts Neues hinzu erfindet. Die wirklich guten und tüchtigen Künstler vielmehr leben gewiß gern mit ihrer Zeit und lassen sich heiß davon erfüllen und durchdringen, aber sie verlieren dabei nie die Ehrfurcht vor dem, was die Jahrhunderte und Jahrtausende vorher gemacht und als Zeugnisse ihres höchsten und heiligsten Strebens und Könnens hinterlassen haben. Es kommt eben darauf an, daß man überall das zu finden weiß, was einem die meiste Kraft gibt, und das strömt sowohl aus der Vergangenheit wie aus der Zukunft — man muß es nur einzufangen wissen. Und dann muß es in einem neu erstehen und aufblühen. Doch das kann man nicht „machen“, das muß man „werden“ lassen.

Rudolf Alt war einer, der die Kunst in sich werden ließ. Er hatte die schöne Geduld und feine Versenkung des bescheidenen und liebenswürdigen Österreichers und dabei doch etwas von der emsigen Tätigkeit und geistigen Bestimmtheit des Reichsdeutschen. Er stammte nämlich von Vaters Seite her aus dem Reich. Dieser, Jacob Alt und auch schon ein Maler, kam aus Frankfurt am Main her und war in Wien in jungen Jahren eingewandert. Er heiratete dann eine echte Wienerin, und so wurden seine beiden Jungens, Rudolf und Franz, beide Wiener und beide Maler. Also Künstlerblut, wohin wir blicken! Und darum auch echte und ehrliche Liebe zur Kunst! Zur Kunst und zur Heimat! Denn die schöne österreichische Heimat ist von Vater und Söhnen Alt, vorab von Rudolf, der der bedeutendste war, mit unermüdlicher Zuneigung durchstreift und abgemalt worden. Es gibt kaum eine Gegend im schönen alten Österreich, zumal im Alpengebiet, die Rudolf Alt nicht irgendwann einmal vor den Pinsel bekommen hätte. Von allen seinen Fahrten aber kehrte er immer nach Wien zurück und blieb und arbeitete dort den größten Teil des Jahres. Wiener Menschen und Wiener Häuser, Wiener Paläste und Wiener Kirchen, manchmal auch nur schöne Bruchstücke von solchen, fesselten ihn immer wieder zu malerischer Wiedergabe. Und dabei guckte er genau und scharf hin. Er malte nicht bloß so von ungefähr, er gab das Ding mit all seinen Eigenheiten, den Stein mit seinen Verwitterungen, das Schmuckstück mit seinen Verschnörkelungen. Ihm war jede Kleinigkeit wichtig, sie hatte für ihn Sinn und Bedeutung. Er war darin nicht anders als unser norddeutscher Malmeister, der große Adolf Menzel. Darum hat man auch öfters die beiden miteinander verglichen. Das ist immerhin viel Ehre für Rudolf Alt. Denn Menzel war gewiß der Größere, der Vielseitigere und der Mächtigere. Dafür hat Alt freilich mehr Liebenswürdigkeit, Innigkeit und Plauderhaftigkeit.

Von all seinen Bildern ist kaum eines so populär geworden wie das des Stephansturmes, das wir hier abbilden. Es ist sowohl für Rudolf Alt selber wie auch für die Stephanskirche am bezeichnendsten. Was immer auch der Maler sonst dieser Kirche abzugewinnen vermochte — mochte er das Riesentor an der Westfront oder den Chor im Osten mit dem steckengebliebenen Nordturm malen, mochte er auch nur die Armeseelennische mit einem stillen Beter wiedergeben oder sich in die mystische Pracht des Inneren versenken, mit dem durchs Dunkel flimmernden Geleuchte der Kerzen und der bunten Kirchenfenster — soviel unser Künstler auch in solchen Bildern an feiner Kunst und zärtlichen Versenkungen darzubieten hatte: es schwang doch nicht in dem Maße sein ganzes Innere mit, wie wenn es dem ruhmvollsten Vergangenheitszeugen der Wienerstadt galt, dem vielgeliebten „Steffel“.

Den hat er nun auf unserem Bilde in seiner ganzen Schönheit und Ehrwürdigkeit wirklich gepackt. Wenn er von jeher liebte, jedes Detail sorgsam und hingebend malerisch nachzubilden, hier tat er es ganz besonders. Die ganze krause Vielfältigkeit gotischer Verzierungskunst, an Fenstern und Fensterkrönungen, an Wimpergen und Fialen, an Kreuzblumen und Nischenstandbildern, sei es am Turm selbst oder am anstoßenden Langhaus, das, dem Beschauer entgegen, aus dem Bilde herauswächst: allüberall folgte die zarte und anschmiegende Kunst des Pinsels dem Werke des mittelalterlichen Architekten, notierte jeden Einfall, liebkoste jedes vorkragende Steinchen und zauberte so das ganze überzierliche und doch so mächtig empfundene Spitzennetz, das der alte Baukünstler seiner gewaltigen Schöpfung zum Schmucke übergeworfen hat, aufs neue vor unsere Sinne. Welche Gefahr bestand, hierbei kleinlich zu werden und sich ganz in lauter Einzelwerk zu verlieren! Alt wich dieser Gefahr aus oder vielmehr, er bemeisterte sie, indem er stark das Konstruktive und die Umrißlinien betonte und so den großen Zug des Bauwerkes zur Geltung brachte. Nirgends haftet unser Blick ungebührlich an wertlosen Nebendingen. Diese schweben wie Koloraturen um das Ganze, aber sie ordnen sich dem Hauptzuge unter. Was uns er Blick sofort und mit innerster Bewegung umfaßt, das ist: wie dieser machtvolle Turm in zierlicher Verjüngung gleichsam zum Himmel emporstößt; wie er, klar und scharfumrissen, zwischen Wolken und Himmelsblau den Sieg der Menschenhand verkündet; und wie er dabei zum ekstatischen Gottesanbeter wird, der in verklärter, sich selbst verzehrender Andacht einen wundervollen und hinreißenden Formausdruck findet.

Alles dieses, das Religiös-Wesenhafte der mittelalterlichen Kirchenschöpfung, findet sich auf dem Altschen Bilde wieder. Und dennoch geht es keineswegs hierin auf. Dafür ist es zu wienerisch. Dem Wiener, wenigstens dem heutigen, liegt das Verzückte nicht und hat ihm im Grunde wohl niemals gelegen. Er liebt das Gemütliche und Natürliche, das dem Augenblick lässig Hingegebene. So gewissenhaft er in seiner Frömmigkeit ist, so wenig er die Religion missen möchte — schon um der schönen Feierlichkeiten willen, die damit verbunden sind — seine Behaglichkeit und sein Vergnügen will er keinesfalls darum aufgeben. Der gute alte Steffel hat nun gewiß nichts Aufdringliches noch Aufreizendes. Er ist kein fanatischer Bußprediger. Er steht als braver erprobter Sittenwächter und Gottheitsmahner mitten in der Stadt, hebt den Finger zum Himmel, aber raubt den Menschen nicht ihr irdisches Behagen. Wenn sie nur als liebe Schäflein sonntags und feiertags folgsam zu ihm kommen, und ihm ab und zu mal einen warmen und stolzen Blick bewundernder Verehrung schenken, so ist er schon ganz zufrieden und läßt das liebe dumme Menschenvolk in seiner Tagesgeschäftigkeit um sich herumwimmeln.

Das gehört eben zum frommen Stephansturm, dieses durchaus weltliche Menschengewimmel — sonst könnte er nicht in Wien stehen, noch die Herzen der Wiener in dem Grade, wie er tat, sich erobert haben. Darum hat auch der Maler recht daran getan, das bunte und ach so selbstvergessene Straßenleben, das sich um das Gotteshaus ergießt, mit in sein Bild hineinzubeziehen, die braven Spießerhäuser mitzumalen, die der Kirche gegenüberlagern, die Omnibusse nicht zu vergessen, die ihrer Fahrgäste harren, und das ganze Gemisch von volksmäßigem Gaffertum, flüchtiger Eleganz und geschäftigem Umherschlendern redlich einzufangen, das für diese Stadtgegend — nahe bei der Kärntnerstraße und dem Graben, den vornehmsten Geschäftsgegenden Wiens — so charakteristisch ist. Erst hiermit haben wir das richtige Bild, das richtige Wien. Der Stephansturm aber ragt darüber auf in gleichgültiger Majestät, ein milder Mahner, ein duldsamer Verzeiher, ein einsamer Heiliger und Gottesheld.