In der Folge hat Menzel noch mehrere Geschichtsbilder gemalt, aber aus der Zeit Wilhelms I. So die Königskrönung in Königsberg, die ihn 1861 bis 1865 beschäftigt hat, und die Abreise des Königs 1870 zur Armee. Dann wendet er sich mehr den Darstellungen von Hoffestlichkeiten zu, wie das Ballsouper, 1878 gemalt. Die „kleine Exzellenz“ — Menzel war zum Wirklichen Geheimen Rate mit dem Prädikat Exzellenz ernannt und geadelt worden — war eine bekannte Erscheinung auf den Hoffestlichkeiten, viel beachtet und vielfach auch gefürchtet. Denn genau so scharf, wie er sah und zeichnete, konnte er auch im Worte sein. Er war von kleinem Wuchse, mit großem Kopfe und klaren, hinter scharfen Brillengläsern funkelnden Augen. Von Jugend auf war er gewohnt, sein innerstes warmes Empfinden unter kurz angebundenem äußeren Wesen zu verstecken. Unermüdlich ist er zeitlebens tätig gewesen und hat alles, was ihn nur irgendwie gefesselt hat, gezeichnet. Mit sicherem Striche und in verblüffender Schnelligkeit entstanden diese Zeichnungen.

Jene Bilder von Hoffestlichkeiten schlagen schon die Brücke zu den Gegenwartsbildern, in denen Menzel seine höchste Kunst entfaltet hat. Die Öffentlichkeit hat von einem Teile dieser Bilder erst nach 1867 und 1868 Kenntnis erhalten, seitdem Menzel zum zweiten und dritten Male in Paris gewesen war. Seitdem entstanden diese Bilder, die das Leben schildern, wie es kribbelt und krabbelt, wie es sich drängt und stößt in unendlicher Fülle und Folge der Gestalten. So malt er das Menschengewimmel im Restaurant der Pariser Weltausstellung 1867, eine Pariser Straße am Wochentage 1869, das Eisenwalzwerk 1875, im Eisenbahnkupee 1893. Dazu zahlreiche Bilder in Wasserfarben und Deckfarben, so aus Bad Kissingen, aus dem Zoologischen Garten in Berlin usw. In allen diesen Bildern kommt zutage, daß Menzel sich befreit hat von jener Malweise der Geschichtsmaler, die ihre Vorwürfe im sogenannten Atelierlicht darstellten, nämlich in einer meist von oben kommenden Beleuchtung, die die Hauptpersonen heraushebt, das Nebensächliche zurücktreten läßt. Das ist eine Beleuchtung, die der Wirklichkeit nicht entspricht. Denn wenn sich beispielsweise im hellen Tageslichte ein Festzug über den Marktplatz bewegt, so sammelt sich das Licht auch nicht nur auf dem Anführer des Zuges, sondern es verteilt sich gleichmäßig über den ganzen Marktplatz und Zug.

Gegen diese Atelierbeleuchtung hatte sich auf Grund solcher Beobachtungen wie die eben geschilderte die Freilichtmalerei gewendet, die in Frankreich ihren Anfang genommen und in Deutschland alsbald Anhänger gefunden hatte. Es war schier unglaublich, daß Menzel ganz unvermittelt mit einer derartigen Darstellungsweise vor die Öffentlichkeit trat. Erst nach seinem Tode fand man den Schlüssel dazu in Arbeiten, die er in den vierziger und fünfziger Jahren ganz selbständig nur für sich geschaffen und niemals an die Öffentlichkeit hatte gelangen lassen. Da malt er 1845 das Balkonzimmer, das er in der Schöneberger Straße in Berlin bewohnt, da malt er 1846 den Blick aus seiner Werkstatt auf den Garten des Prinzen Albrecht, da malt er im gleichen Jahre den Bauplatz mit Weiden, den späteren Hafenplatz, 1847 die Potsdamer Bahn, 1848 den Kopf eines toten Schimmels, eine Abendgesellschaft und seinen Bruder, 1849 Frau Schmidt von Knobelsdorff, 1851 eine prächtige Wolkenstudie, 1852 die Wand seines Ateliers mit den daran hängenden Gipsabgüssen von Gliedmaßen und Gesichtern, 1855 den Tuileriengarten und das Théâtre Gymnase in Paris, 1858 und 1859 Darstellungen von Fackelzügen. Immer gibt er da nur den Gesamteindruck der Vorgänge wieder, hält Form und Farbe gleichsam nur im großen Zuge fest, ganz so, wie es die späteren Impressionisten getan haben. So hat Menzel die Entwicklung, die die Kunst erst in unseren Tagen durchlaufen hat, schon fünfzig Jahre vorher in sich selbst durchlebt. Aber alles das, was er damals so impressionistisch aus sich selbst heraus gemalt hat, hat er zur Seite gestellt und nie an die Öffentlichkeit gebracht. Hätte er nicht so gehandelt, so hätte er sich bei Lebzeiten noch weitere unvergängliche Lorbeerzweige in seinen Ruhmeskranz geflochten.

Georg Lehnert.

Der Stephansturm
Von Rudolf Alt

Geboren 28. August 1812 in Wien, gestorben 12. März 1905 in Wien. — Privatbesitz

[Bild 28]

Wenn ihr jemals in Wien wart, so kennt ihr auch den „alten Steffel“, das Wahrzeichen der Stadt. Und wenn ihr nicht dort wart, so laßt euch sagen, daß „der Steffel“ die volksmundartlich-zutrauliche Bezeichnung für den Stephansturm ist, und der erhebt sich im Mittelpunkte der Stadt, 136 Meter hoch, als imposantester Teil der Kathedrale, der weltberühmten Stephanskirche. Von welcher Seite immer ihr euch Wien nähern möget, von wo aus immer ihr, sei es von Waldhügeln oder aus der Ebene her, auf Wien schauen möget, das erste, das euch in die Augen fällt, ist der steil und spitz über das Häusermeer ehrwürdig emporragende Stephansturm. Die Wiener haben ihn darum in ihr bekanntlich „goldenes“ Herz geschlossen. Sie lieben ihn, als sei er ein lebendiges Wesen, ja ein Freud und Leid mitfühlender Genosse und Teil ihrer selbst, so daß sie sich ohne ihn ihr Leben und Dasein einfach nicht mehr vorzustellen vermögen.

Und der Turm verdient diese Liebe. Er ist wirklich kein gewöhnlicher Kirchturm, sondern neben den beiden Türmen des Straßburger und des Ulmer Münsters das wundersamste Denkmal altgotischer Kirchenbaukunst in deutschen Landen. Vierundvierzig Jahre ist an ihm gebaut worden, und während der als sein Zwillingsbruder gedachte Nordturm etwa in der Hälfte stecken blieb und durch ein kurzes Nottürmlein 1579 künstlich zugedeckt werden mußte, wurde der Südturm, eben unser „Steffel“, bereits im Jahre 1433 durch Hans Prachatitz zu Ende geführt und mit der Turmrose gekrönt. Ganz so, wie er damals gebaut wurde, hat er nun freilich den Wetterstürmen der Zeit nicht standzuhalten vermocht. Er mußte später teilweise abgetragen und wieder erneuert werden, und so hat denn das 19. Jahrhundert noch zweiundzwanzig Jahre (von 1842 bis 1864) an ihm herumgebaut, bis zum Schluß auf das neue Turmkreuz ein drei Zentner schwerer Steinadler aufgesetzt wurde — den nun so leicht keiner mehr herunterholen wird.