Die Tafelrunde
Von Adolf Menzel

Geboren 8. Dezember 1815 in Breslau, gestorben 1905 in Berlin. — Nationalgalerie in Berlin

[Bild 27]

Im Jahre 1830 siedelt mit seinem Vater, einem Steindrucker, ein fünfzehnjähriger Lithograph von seiner Geburtsstadt Breslau nach Berlin über, Adolf Menzel. Wie in Breslau, so muß er auch in Berlin seinem Vater im Geschäfte helfen, später sogar ganz die Sorge für die Familie auf sich nehmen. Und doch reift er unter diesem Drucke der Arbeit ums tägliche Brot zum Künstler heran, zum tüchtigsten unter den deutschen Sachlichkeitsmalern des 19. Jahrhunderts. Die Kunstakademie in Berlin kann er nur kurze Zeit besuchen; er muß sich selbst im Zeichnen und Malen ausbilden. Aber voll zäher Tatkraft verfolgt er seinen Weg und entwickelt eine schier unglaubliche Wirksamkeit als Zeichner und Maler, als Maler der Vergangenheit und als Maler der Gegenwart.

Seine handwerkliche Tätigkeit als Lithograph hatte ihn von selbst zum Zeichnen hingeführt. Meisterhaft benutzt er die lithographische Technik zur Wiedergabe fein durchgeistigter, streng sachlich durchgeführter Vorwürfe.

Dann aber hat sich ihm ein anderes Gebiet der Schwarzweißkunst erschlossen, der Holzschnitt. Er erhält gegen Ende der dreißiger Jahre den Auftrag, Kuglers Geschichte Friedrichs des Großen mit Holzschnitten zu schmücken. Nun entfaltet er in den Jahren 1839 bis 1842 eine Wirksamkeit, die ihn auf diesem Gebiete zum größten Meister unserer Zeit stempelt. — Es ist nicht leicht, aus dem Holzschnitte alle Ausdrucksmöglichkeiten herauszuholen, insbesondere dann nicht, wenn sich der Holzschnitt wie hier dem gedruckten Texte anschließen soll. Denn der Holzschnitt setzt sich nur aus schwarzen Punkten, Linien und Flächen zusammen, und diese Schwärzen muß der für den Holzschnitt arbeitende Künstler mit den dazwischen erscheinenden weißen Flächen des Papieres, den sogenannten Weißen, so vereinen, daß eine vollständig künstlerische Wirkung herauskommt. Das ist eben die Schwarzweißkunst, und das ist das Schwierige in der Schwarzweißkunst. Menzel hat diese Aufgabe glänzend gelöst. Die verblüffende geschichtliche Treue seiner Holzschnitte hat aber Menzel nur dadurch erreicht, daß er mit dem größten Eifer die geschichtlichen Quellen jener Zeit durchforscht hat, die wir Rokoko nennen.

Die Früchte dieser Menzelschen Quellenforschung sind der Allgemeinheit neben den Holzschnitten vornehmlich bekannt geworden durch seine Geschichtsbilder aus der friderizianischen Zeit. Sie sind in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden, in jener Zeit, in der sich die Historienmalerei des höchsten Ansehens erfreut hat. Das war so gekommen. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entfaltet sich in Deutschland die romantische Malerei, die sich sehnsuchtsvoll aus der Gegenwart in die Vergangenheit flüchtet, dieser die darzustellenden Vorwürfe entnimmt und sie mit einem merkbaren Einschlage von Gefühlsseligkeit malerisch darstellt. Neben diese Romantiker mit ihrem stimmungsreichen Wirken treten die Sachlichkeitsmaler, wie sie namentlich in Berlin durch Franz Krüger, Erdmann Hummel, Eduard Gärtner, Karl Steffeck, Eduard Meyerheim, Albrecht Adam, und nicht zuletzt durch Adolf Menzel selbst vertreten sind. Peinliche Genauigkeit in der Wiedergabe des Dargestellten, Ablehnung jeglichen Gefühlsüberschwanges, klare, ruhige Gegenständlichkeit, das sind ihre Tugenden.

In Frankreich hatte sich inzwischen die Geschichtsmalerei herausgebildet, die bedeutungsvolle geschichtliche Begebenheiten in Bildern größten Umfanges darstellte. Diese Geschichtsmalerei gelangte 1842 in zwei großen Gemälden der Belgier Gallait und de Bièfve, die Abdankung Karls V. und der Kompromiß des niederländischen Adels, nach Deutschland und riß hier bedeutende Künstler mit sich, allen voran Karl von Piloty, Karl Friedrich Lessing, Eduard Bendemann, Wilhelm von Kaulbach. Für die Erfolge dieser großen Galeriebilder war nicht nur das darin niedergelegte künstlerische Können maßgebend, sondern ebenso der geschichtliche Vorgang selbst. Ihn brachte der Künstler zur Darstellung, wie er ihn sich dachte. Dadurch kam in den Aufbau dieser großen Geschichtsbilder immer etwas Bühnenhaftes, Unwirkliches hinein, an dem diese Geschichtsmalerei schließlich zugrunde ging.

Aber in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stand sie noch in höchstem Ansehen. Also wandte sich ihr auch unser Menzel zu. Es lag nahe, daß er die ihm vertraute Zeit Friedrichs des Großen wählte. Aber das ist das Große in dem Künstler Menzel, daß er in der Hauptsache zu seinen Friedrichsbildern nicht bedeutungsvolle weltgeschichtliche Ereignisse als Anlaß nimmt, sondern sich immer bemüht, in diesen nur die Persönlichkeit des Königs zu schildern und alles das, was sich damals als wirklich Vorhandenes um den König herum befunden hat. Er gibt also weit mehr nur den Zustand jener Zeit wieder und das mit der ihm eigenen peinlichen Sachlichkeit. So entstehen die berühmten Friedrichsbilder, die Tafelrunde in Sanssouci 1850, das Flötenkonzert 1852, der König auf Reisen 1854, die Huldigung in Breslau 1855, der Überfall bei Hochkirch 1856, die Begegnung mit Kaiser Joseph 1857, die Überraschung in Lissa und die Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen, beide 1858 begonnen und nicht vollendet.

Wie Menzel seine Werke geschaffen hat, zeigt am besten die hier abgebildete Tafelrunde, dieses Ölgemälde, das sich neben zahlreichen anderen Werken Menzels in der Nationalgalerie zu Berlin befindet. Bereits in der Kuglerschen Geschichte Friedrichs des Großen hat Menzel die Tafelrunde in einem Holzschnitte geschildert, aber wesentlich anders als jetzt im Bilde. Jedoch ganz so wie damals geht er auch jetzt von der geschichtlichen, sachlichen Treue aus. Das Zimmer in Sanssouci ist ebenso genau wiedergegeben wie seine Ausstattung, sein Kronleuchter, seine Tische und Stühle. Wie er das alles vorher genau nach der Wirklichkeit gezeichnet hat, so hat er auch vorher die Personen der Tafelrunde nach zeitgenössischen Stichen gezeichnet, ebenso ihre Kleidungsstücke und alles andere Beiwerk noch. Nun erst baut er das Bild auf; Friedrich als Mittelpunkt vor der Tür, die den Blick in die anschließenden Gemächer gehen läßt. Noch besonders betont wird der König durch den über ihm hängenden Kronleuchter. Ungezwungen erscheint Friedrich als Mittelpunkt der Tafel, ungezwungen gibt der ihm gegenübersitzende Marquis d’Argens den Blick auf ihn frei, indem er sich in der Unterhaltung zu seinem Nachbar rechts vom Beschauer wendet. Ebenso leicht und gefällig ist die ganze Tafelrunde gruppiert. Voltaire, vom Beschauer aus der zweite links vom Könige, hat eben etwas Witziges gesagt. Der ihm gegenüber sitzende Graf Algarotti, der zweite rechts vom Könige, beugt sich vor, um kein Wort zu verlieren. Die beiden Herren rechts und links vom Könige hören ebenfalls eifrig zu, lehnen sich aber zurück, um das Zwiegespräch nicht zu stören. Friedrich hat das hellbeleuchtete Gesicht mit glänzenden Augen und lächelndem Munde Voltaire zugewandt und wird ihm im nächsten Augenblicke antworten. Die anderen Teilnehmer an der Tafelrunde hören entweder zu oder unterhalten sich, wie die beiden Paare vorn im Bilde. Dieser Vordergrund des Bildes empfängt wiederum seine besondere Belebung durch eines der Windspiele des Königs, das unter dem Tischtuche hervorkommt. Das Ganze ist getaucht in das warme Licht des Spätnachmittags, das durch die zur Parkterrasse führenden geöffneten Fenstertüren hereinflutet.