Hier in jenen Worten haben wir den ganzen Millet, den Kämpfer gegen die verlogene, seelenlose Schönmalerei damaliger Mode, den Aufrufer für eine Gestaltung echter Empfindung voll Ernst und Natürlichkeit.
In jener naturfremden Kunstepoche hatte unser Maler einen schweren Stand, namentlich mit seinen realistischeren, der Wirklichkeit abgelauschten Bauernbildern, die uns heute die liebsten sind. Wie prächtig stehen sie vor uns, diese Milletschen Gestalten, etwa „Der Schäfer“, der sich auf seinen Stab stützt, neben seinem Hunde, „Der Mann mit der Hacke“, „Der ausruhende Winzer“. Man sehe sich — etwa in der Knackfuß-Monographie, die Gensel schrieb — einmal die feinen Zeichnungen und Skizzen an. Da ist ein „Reisigsammler“ mit dem schweren Bündel auf dem Rücken, mit ein paar Strichen prächtig treffend hingeworfen. Der belastete Körper schreitet so gebückt, daß der gebundene Reisighaufen und die Neigung des Rumpfes und der Unterschenkel eine lebendige Bewegungs- und Linieneinheit bilden. Oder man vergleiche die Zeichnung der „Ährenleserinnen“ mit dem Ölgemälde gleichen Namens. Dieses hat zwar den Vorzug der Farbe, aber unübertrefflich ist die Zeichnung im Aufbau und Umriß. Die häusergroßen Erntehaufen und der Wagen im Hintergrund, ihn ganz füllend, und im gleichen Bewegungsrhythmus die Leute, die die Garben vom Wagen zum Haufen heben. Vorn — groß gehalten — die drei ährenlesenden Weiber. Wieder entzücken uns der Zusammenklang der Linien — überall die geballte Rundung —, die glänzende Kompositionsgabe dieses Künstlers. Und nicht vergessen sei die kleine Skizze vom sitzenden „Hirtenmädchen“ mit dem Kopftuch. Das ist nichts als eine Gestalt ohne Hintergrund. Aber ihr verträumtes Sichgehenlassen schlägt uns entgegen aus den nackten Füßen, auf denen die Hände liegen, dem vorgebeugten Rücken, und den lässigen Zügen. Es ist wahr: aus den Skizzen spricht Millet oft am unmittelbarsten zu uns.
Wie oft mag der Alte von Barbizon auf der Ebene herumgestreift sein, diese arbeitenden oder ruhenden Gestalten auf den Feldern tief sich einprägend. Dutzende von Skizzen macht er, bis ihm endlich die einfachste Fassung so lebendig vor der Seele steht, daß er zum Pinsel greifen muß. Wie einen Mythos der Arbeit hat er das Leben der Landleute erlebt und in seiner Kunst verlebendigt. Religiös, im freiesten Sinn, hat er diese Bilder empfunden und gezeichnet und gemalt.
So müssen wir auch sein berühmtes Bild „Das Abendgebet“ oder „Angelus“ verstehen: Im Vordergrund das betende Bauernehepaar, groß in die Mitte des Bildes gestellt, mit dem Körper hinausragend über die weite Ebene, über die Erde, — hineinragend in die Klarheit des Himmels. Und diese goldige Klarheit des Abendlichtes durchflutet das ganze Bild, hängt in der Luft, fängt sich an den Schollen, der hügellosen Weite, den Kleidern der Betenden. Dies Leuchten strömt von dem roten Kopftuch der Frau, dies Schimmern schwillt aus der weißgoldenen Schürze des Weibes. Das Land, die Gestalten, alles ist hineingebettet in diesen Zauber des Lichtes und — der Andacht. In solche Ebene, in solche Abendstimmung gehören nur diese Menschen, diese Bauern, diese betenden Bauern. Nach so hartem Arbeitstag ist es wie ein Wunder, solchen Abend zu erleben. Aus ihrer Müdigkeit versinken sie in Andacht. Keine verzückte, zum Himmel emporgeworfene Andacht ist es, sondern eine schlichte, zu sich selbst gewandte Bauernfrömmigkeit.
Der Mann mit der linkischen Haltung der Beine, wie wir sie am schwerfälligen bäuerlichen Menschen oft sehen, hat die Arme gegen den Leib herangerafft, den Kopf nur ein wenig zwischen die Schultern vorgesenkt. Herbe ist sein Dastehen; mehr ein Besinnen auf sich selbst als ein Hinweggenommensein vom Gebet. Die Mütze ist herabgerückt zwischen die Hände, noch klafft ihm das Hemd von der schweißtreibenden Arbeit. Ja, dies Beten ist ihm zugleich ein Ausruhen, aber ein wohliges; denn sein Ohr füllen geruhsam die Klänge der Abendglocke, die weit über die Ebene hergetragen werden, deren stillende Kräfte zusammenstimmen mit dem Fluten des abendlichen Lichtes. Die kantige Linie dieses bäuerlichen Leibes — eckig von oben nach unten geführt und sich im Schaft der Gabel wiederholend — kreuzt die Linien der Äcker, des Horizontes, die quer nach den Seiten entströmen.
Weicher sind die Umrisse des Weibes, hingegebener. Tiefer ist dieser Kopf gebeugt, inniger die Faltung der Hände, die besinnliche Einkehr. Bunter ist die Kleidung, runder die Linien des Leibes, die sich wiederholen im gerundeten Kartoffelkorb zu ihren Füßen, im Karren mit den gestapelten Säcken. Und ihr ist auch die malerisch aufgebaute Andeutung des Hintergrundes beigesellt: jene ferne Kirche, von der eben das verträumte Läuten durch die goldgesiebte Dämmerung über die Ackerbreiten herschwimmt: „Gegrüßest seist du, Maria!“ Wie eine Verkündigung ist dies Tönen, ja dies ganze Bild ist wie eine Verkündigung, daß nach Tagesnöten ein Abend voll Schimmer und Stille die Welt segnet, daß nach dieser an die Scholle gebundenen Mühsal, die den Leib hinabdrückt zur Erde, die Töne der Glocke Sinne und Herz hinausführen über die Schollenschwere in eine Welt geweiteter Ruhe, da die Seele eingedenk wird, daß sie Flügel hat.
Gertrud Fauth.