„Ich bin Bauer, Bauer“, hat er einmal voll Stolz geschrieben.

Eines Bauern Sohn war Jean François Millet. Aber dieser Vater war zugleich Kantor des Dorfes am Meer, er machte Holzschnitzereien und hatte gelehrte und geistliche Männer zu Verwandten. Und eine feinsinnige Großmutter nährte des Knaben Phantasie und Seele mit Sagen und Legenden. So hatte man Verständnis für die Lateinstudien des grüblerischen, klugen Buben und für seine Freude am Zeichnen. Wie sollte Jean da nicht wachsen? Und als ein Maler — sein späterer Lehrer — in Cherbourg, wegen der Zeichnungen des Burschen um Rat gefragt, dem Vater antwortete: „Sie sollen verdammt sein, daß sie ihn so lange zu Haus behielten; Ihr Junge hat das Zeug zu einem großen Maler“, da machte der Bauer kein mürrisches Gesicht, sondern ließ ohne Schelten seinen Buben den Weg gehen, der ihm vom Schicksal bestimmt war.

Jahre später kommt unser junger Bauer eines Abends, mit einem Stipendium versehen, in Paris an, und der Gestank, der Wirrwarr der Großstadt überwältigen ihn so, daß er schluchzend zur Nacht seines Dörfleins gedenkt, das hinter den Klippen nistet, der Gäßchen zwischen den Hecken und — der Großmutter.

Aber Paris war Paris: der Mittelpunkt des Lebens und Lernens. In den Museen waren die Bilder der großen Meister, die der Kunstschüler mit lernhungriger Seele immer wieder in sich aufnahm.

Nicht leicht hatte es der Bub. Im Atelier seines Lehrers zuckten die modischen Kameraden die Achseln über den „Waldmenschen“ mit seiner Naturliebe und Naturkraft. Sie malten im Stil der Romantik und falschen Sentimentalität, von der der junge Millet nichts wissen wollte.

Hier zeigte sich, wie verschieden Kunst aufgefaßt werden kann. Gerade in Frankreich haben die Anschauungen große Wechsel erlebt. Immer wieder ringt hier in der bildenden, malenden Kunst das Romanentum, das wirkungsvollen Aufbau, schöne Staffage, schwungvolle Linien, bunteste Farbe bevorzugt, gegen das germanische Kunstwollen, das echtes Gefühl, Einfachheit, Natürlichkeit, notwendige Verkörperung seelischen Ausdrucks erstrebt. Die einen wollen formvollendete Kunst, die anderen inhaltlich vollendete Kunst.

Hier das eigene Ich zu finden und zu behaupten, war nicht leicht. In Paris und Cherbourg, in den Jahren des Hungerns, wo er um des Geldes willen schließlich Modebildchen und Firmenschilder malte, schien ihm das Emporklimmen oft fast unmöglich. Und erst 1848 war er in seiner Entwicklung so weit, daß er den ganz urwüchsigen Ton fand, in seinem ersten ländlichen Bild, dem „Kornschwinger“. Doch schon im folgenden Jahr, als er — durch die Cholera von Paris vertrieben — nach dem Dorf Barbizon zu den Bauern übersiedelte, wird er der echte Millet, der Maler der Bilder, um derentwillen wir ihn lieben, der das gewaltige Epos von der Erde und den Menschen der Scholle in seinen Gestaltungen und in seiner Farbensprache immer wieder aussingt wie ein Prophet.

Da wohnte er in dem Dorfhäuschen, das von Efeu und Rosen fast zugedeckt und von einem bunt verwilderten Garten umgeben war. Da malte er in seiner Scheune — seinem Atelier — jene Menschen, die völlig in der Natur aufgehen, oder draußen jene Natur, die völlig diesen Bauern zugehörig ist. Da saßen abends an dem rohen Tisch seine Gattin, die zahlreichen Kinder um die Suppenschüssel, und er dazwischen, der große, starke Mann mit dem Stiernacken, den buschigen Brauen, den tiefblauen Augen, allzeit gastfrei in aller Einfachheit.

Was ihn damals menschlich und künstlerisch bewegte, hat er in feine Worte gefaßt, die uns einen Schlüssel zu seinem inneren Leben und Malen geben: „Wenn Sie sähen, wie schön der Wald ist! Ich laufe manchmal am Ende des Tages und nach meiner Tagesarbeit hin und komme jedesmal zermalmt wieder. Das hat eine Ruhe, eine schreckliche Größe, so daß ich mich manchmal dabei überrasche, daß ich wirklich Furcht habe. Ich weiß nicht, was diese Bettler von Bäumen einander sagen, aber sie sagen sich etwas, was wir nur nicht verstehen, weil wir eine andere Sprache sprechen.“ „Wenn ich einen Wald zu malen hätte, so möchte ich... daß man... dächte... an sein Grün, an sein Dunkel, das das Herz des Menschen zugleich weitet und zusammenschnürt.“

„Ich will Ihnen gestehen, auf die Gefahr hin, wieder für einen Sozialisten zu gelten, daß es die menschliche Seite ist, die mich am meisten in der Kunst bewegt. Niemals erscheint mir die lustige Seite, ich weiß nicht, wo sie ist, ich habe sie niemals gesehen... Da sehen Sie aus einem kleinen Pfad eine arme Gestalt mit einem Reisigbündel hervortreten. Die... Art... wie dieser Mensch Ihnen erscheint, führt Sie sofort auf das traurige menschliche Los, die Müdigkeit... Auf den bestellten Feldern... erblicken Sie grabende, hackende Gestalten. Von Zeit zu Zeit sehen Sie, wie sie sich das Kreuz wieder zurechtrücken... Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Ist das die fröhliche ausgelassene Arbeit, an die manche Leute uns glauben machen möchten? Und doch befindet sich gerade da für mich die wahre Menschlichkeit, die große Poesie.“