Wilhelm Niemeyer.

Die Hochzeit zu Kana
Von Paolo Veronese

Geboren 1528 in Verona, gestorben 19. April 1588 in Venedig. — Gemäldegalerie in Dresden

[Bild 13]

Sie sitzen schon längere Zeit beim Mahle und scheinen bereits beim Nachtisch, beim süßen Gebäck angekommen zu sein. Einer großen Verlegenheit aber ist durch einen Gast, den großen Wundertäter Jesus von Nazareth, soeben abgeholfen worden. Der Wein war ausgegangen, und Mutter Maria hatte ihren Sohn besorgt darauf hingewiesen mit den Worten: „Sie haben nicht Wein.“ Sofort hatte er nichts tun mögen. Aber die Diener, von Maria geheißen, jeden Befehl des Meisters zu erfüllen, haben bald danach seiner Anordnung gemäß die sechs vorhandenen steinernen Krüge mit Wasser zu füllen. Und was sie daraus schöpfen und dem Speisemeister bringen, ist besserer Wein, als man ihn bisher beim Mahle genossen.

Unser Bild zeigt nun, wie der in der Mitte im Vordergrund stehende, auffallend vornehm wirkende Speisemeister sein Glas, das mit dem herrlichen Getränk gefüllt ist, in der Richtung nach dem Bräutigam hebt. Wie uns die Bibel (Joh. 2, 1) erzählt, macht er dem jungen Herrn einen Vorwurf, weil er den guten Wein bis zu dieser späten Stunde zurückgehalten habe, um ihn jetzt zu reichen, wo die Gäste ihn gar nicht mehr zu würdigen wissen. Die beiden, die Hochzeit halten, sitzen links und kehren uns den Rücken zu. Ihnen gegenüber aber hat der Geistliche seinen Platz, in diesem Kreise Jesus von Nazareth. Auf sein bleiches, bartumrahmtes, in leichtem Heiligenglanz schimmerndes Gesicht weist die ausgestreckte Hand des Küfers. Maria sitzt in mütterlichem Stolz zur Rechten Jesu; in dem Antlitz des jungen Ehemanns aber — wir haben uns jetzt mehr in das Bild hineingesehen — malt sich namenloses Staunen. Wie gebannt schaut er nach dem großen Wundermann. Die Männer, die ihn umgeben — wahrscheinlich seine Jünger — beschäftigen sich in tiefer Erregung mit dem, was sich eben zugetragen hat.

Die anderen hingegen machen sich nicht viel Gedanken. Sie feiern die Feste, wie sie fallen. Die stattliche Dame, die sich nach dem Küfer wendet und durch deren Bewegung uns die Hauptperson sichtbarer wird, ist, wie alle anderen, offenbar nicht sonderlich von dem Vorgang ergriffen. Sie alle lassen es sich schmecken. Und wie es ihnen schmeckt, diesen alten und jungen Leuten aus Kana! Ja, aber sind denn das alles wirklich Männer und Frauen aus jener kleinen galiläischen Stadt?

Sie trinken mit Kennerschaft und Genuß. Es lohnt sich, diesen Leuten einen guten Tropfen zu bieten. Der größte Sachverständige unter ihnen, der Speisemeister, betrachtet das edle Naß geradezu mit Ehrfurcht. Das kannten so die Freunde Christi nicht. Und wenn wir uns die ganze Tafelrunde näher ansehen, den Speisemeister in kostbarem Gewande, den in seiner Nähe stehenden andächtig schlürfenden jungen Mann, den grauköpfigen Herrn rechts am Tischende, der sich behaglich zu dem ihm einschenkenden Diener hinneigt, kurz, die ganze Tafelrunde: sie setzt sich aus verwöhnten Menschen zusammen, nicht aus dem Palästina Christi, sondern aus einer uns viel näherstehenden Zeit und einer Stadt, in der man es für das Höchste hielt, der Schönheit und üppigen Lebensfreude zu huldigen.