Venezianer sind es, Mitbürger des Malers, der zwar aus dem alten Verona an der Etsch stammte und deshalb auch Il Veronese genannt wird. Er hieß eigentlich Paolo Caliari, machte aber die märchenreiche Lagunenstadt zu seiner eigentlichen Heimat. In den Zauber Venedigs hat der Künstler die liebenswürdige Geschichte des alten Evangelisten getaucht und damit in den Zauber jener Epoche, die eine Wiedergeburt des Menschen mit sich bringen wollte, die italienische Renaissance.
In den vorausgegangenen Jahrhunderten des Mittelalters hatte es zwar auch nicht an Frohmut und Festen gefehlt. Aber fast hatte man sich beides als Sünde angerechnet. Und der entsetzlichen Höllenpein, von deren Qualen man schaudernd täglich Neues hörte, verfiel man für immer oder aber dem Fegefeuer für lange, wenn man sich mit dieser Welt allzusehr einließ. Am sichersten schon war es, ihr zu entsagen, sein Kleid mit der unscheinbaren Tracht des Mönchs oder der Nonne zu vertauschen und sich in die Abgeschiedenheit eines Klosters zu flüchten, wo man mit Fasten, selbstauferlegten Martern und Qualen, endlosen Gebeten und Gesängen strengen Ordensgelübden oblag und sich damit die Aussicht auf den Himmel und die ewige Seligkeit verdienen konnte.
Zu Veroneses Zeit, der 1528 geboren ist, als Luther fünfundvierzigjährig war, dachte man schon lange anders. Da gab es der Klosterbrüder und -schwestern lange nicht mehr so viele, und man genoß die Freuden der Welt in vollen Zügen. Vor allem in Venedig!
Zu dem unerhörten Reichtum und Luxus kam ein ausgeprägter Sinn für Vornehmheit und edlen Anstand. Was unser Gemälde davon zeigt, ist nicht etwa nur auf Rechnung des Künstlers zu setzen, der veredelte Gestalten gezeigt hätte. Allerdings war den Italienern überhaupt eine feine Art eigen des Stehens, Gehens, Sitzens und Sichbewegens. Den Venezianer zeichnete aber noch eine besondere Würde der Haltung aus, die wohl nur noch der Römer mit ihm gemeinsam hatte. Es lag in seiner Art oft etwas wohltuend Getragenes und Gehaltenes. Die sichere Ruhe des Auftretens war ihm natürlich. Wie schön trinkt auf dem Bild der stehende junge Mann seinen Wein, wie würdig in seinem Sinnen wirkt der sitzende Alte vor ihm, wie anmutig-gefällig ist nahe dabei der Diener beim Einschenken aus dem Kruge! Und wie lieblich neigt auch die Braut ihr schön frisiertes Köpfchen.
Die Republik von San Marko konnte als eine hohe Schule der heiteren Geselligkeit gelten. Gab es doch sogar eine Gesellschaft lebensfroher Jünglinge, die sich eigens zu dem Zwecke gebildet hatte, glanzvolle Feste zustande zu bringen, um Frohsinn und Lebensfreude zu steigern.
Am fröhlichsten ging es natürlich bei den Künstlern einer solchen Stadt zu, am glanz- und zugleich geistvollsten im Palast Tizians, des Königs der Maler. Dort ließ sich auch gute Musik und boshafter Witz noch öfter hören als bei den reichen Patriziern. Infolgedessen waren jene Gottbegnadeten auch ständige Gäste in den vornehmsten Häusern, und dort sahen sie ihre eigenen Werke von den Wänden herabschauen. Das auf der Leinwand Dargestellte war dann oft wie ein gesteigertes Spiegelbild des Treibens in den Sälen der Paläste und Villen und wie eine Aufforderung, es sich auch weiterhin, womöglich in noch größerer Schönheit, Pracht und Üppigkeit wohl sein zu lassen.
Veronese hat aber gemalt nicht nur für Privathäuser der Stadt oder des Festlandes drüben, wohin die Republik ihren Machtbereich mehr und mehr ausdehnte, als man zur See und an ferneren Küsten vor den Türken zurückwich. Er hat vielmehr auch Staats- und Klosteraufträge ausgeführt. War ihm doch der große Tizian, der sonst auf fremden Ruhm so Eifersüchtige, gewogen, so daß er ihn empfahl. Auch im Dogenpalast verkündigen Gemälde seinen Ruhm. Schöne Damen, wie Venedig sie in Fülle bot, jene goldblondhaarigen, vollen, milden Frauen stellen hier Venezia, die Schutzgöttin der Stadt, und alle möglichen Tugenden dar. Tiefe Geistigkeit und Charakteristik darf man bei ihnen nicht suchen. Um dergleichen zu entwickeln, hatten die Schönen, die Modell saßen, ein zu geruhiges Leben in ihren Gemächern und auf ihren Balkonen, von denen sie den Blick auf die Lagunen genossen.
Das ist wohl überhaupt die Kehrseite von all der Herrlichkeit. Der festliche Rausch täuscht uns nicht über eine geistige Leere hinweg. Da gibt es vom selben Meister noch eine „Hochzeit zu Kana“. Sie war für den Speisesaal eines Klosters bestimmt und hängt im Louvre. Auf ihr ist alles noch viel prächtiger als auf der unsrigen. Der lange Tisch entsendet an beiden Seiten Flügel nach vorn, so daß Hufeisenform entsteht. Oberhalb ist noch eine Tribüne mit sehr vielen Menschen. Im ganzen zählt man 150 Köpfe. Rechts und links prangen herrliche Bauwerke, im Hintergrunde vor dem lichten Himmel ein hoher luftiger Turm. Überall auf den Balkonen und Söllern Menschen in jubelnder Seligkeit! Musiker im Vordergrund werden durch keinen Geringeren als Tizian, unsern Meister und ähnliche Größen dargestellt. Andere Personen auf dem Gemälde sind in Wahrheit Fürstlichkeiten von damals. Dazu Diener in Menge, Mohren, Kinder, Hunde, Schüsseln, Krüge und Pokale! Aber überkommt uns nicht auch hier, und hier erst recht das Gefühl der Leere, trotz aller Fülle?
Da wird uns auf unserem kleineren und intimeren Bilde doch noch wohler. Zwar wird auch hier dem Heiland nicht die gebührende Ehre zuteil. Es ist, als wenn das mit dem Morgenland in so viel Berührung gekommene Venedig den geheimnisvollen überirdischen Hauch der Ferne nicht in dem Maße verspürt hätte, wie die übrige Christenheit und sich deshalb mit den Personen der Heilsgeschichte auf einen zu kameradschaftlichen Fuß gestellt hätte. Aber dem Wesentlichen in dem Vorgang kehrt sich unser Augenmerk doch rascher zu, schon weil sich das ablenkende Beiwerk nicht so breitmacht. Zwar treiben sich auch hier Kinder, Hund und Katze herum, aber ganz versteckt. Deshalb hätte ihm nicht, wie es zehn Jahre später (1573) geschah, die Inquisition die Mahnung erteilt, die Würde des Vorgangs besser zu wahren. Hier begegnet uns nichts, das so ärgerlich wäre wie Zwerge, Papageien, hinkende deutsche Landsknechte und ein Mann, der sich mit blutender Nase über ein Geländer beugt.