Solche Füllfiguren sind, das muß man nicht vergessen, oft unentbehrlich. So bietet der Rock des knienden Mädchens nicht nur kräftige Begleitlinien zu der großen Tischtuchfalte, sondern mit seinem warmen Gelb auch einen notwendigen Fleck. Dieser ganze Winkel würde wegfallen, wenn hier nicht die helle Farbe der Architektur und der zerrissenen Wölkchen aufgenommen würde. Das milde Weiß des Tischtuchs, unten durch blaue Reflexe verdunkelt, ist oben aber sehr angebracht, um Jesu Gestalt zu heben. Es wäre sonst zu einsam und darum grell, „fiele heraus“, wie die Maler in ihrer Sprache zu sagen pflegen. Endlich wird durch die Kleine gesorgt, daß der junge Mann mit der kunstvollen Frisur und dem leuchtenden patrizischen Rot, den wir als den Bräutigam erkannt haben, auch recht in die Erscheinung tritt. (Dieses Rot schmückt übrigens auch den Heiland.)
Daß das Gemälde koloristisch wertvoll ist, braucht bei einem Venezianer, wie Veronese, nicht erst gesagt zu werden. Der zarte Dunst des Meeres, der die Inselchen wie im Goldduft schwimmen und keine Härten aufkommen läßt, hat ein Malergeschlecht erzogen von einer Feinfühligkeit, wie sie nur noch die Holländer besitzen, und von Glut und Schmelz der Farben, wie sie nirgends wieder erscheinen. Das wunderbare Orange in der Kleidung des Speisemeisters wird von seiner Umgebung wohlig und lieblich, wie musikalisch, umspielt und umwogt.
Seine hohe Gestalt, die zur Vermeidung starrer Symmetrie die Mitte des Bildes nur ungefähr bezeichnet, und die Architekturen an den Seiten verleihen dem Ganzen für das Auge Würde und Tiefe. So ganz von der Seite gegeben, muß er ja mit seiner rechten Schulter in den Raum hineindringen, dahinter kommt der sitzende, nachdenkliche Greis, hinter ihm der trinkende Jüngling; die korinthische Säulenreihe leitet noch weiter. Was in dem Bau rechts durch den Rundbogen hindurch an menschenbelebten tiefen und hohen Räumen zu sehen ist, dient ferner noch der Vorstellung von Tiefe, die auch durch die mancherlei Verkürzungen bei den sich in mannigfacher Haltung bewegenden Figuren ständig erweckt wird.
Gemessen an den strengen Senkrechten und Wagerechten der Bauten, die sich Veronese übrigens von einem Bruder oder von einem Freunde malen ließ, und des Postaments, auf dem ein Glas steht, wirkt der natürliche weiche Wohllaut der übrigen Linien um so angenehmer. Was sich aber auf den ersten Blick wie gänzliche Ungezwungenheit ausnimmt, zeigt bei näherem Zusehen doch überlegten Aufbau. So führt eine scharfe Schräge vorbei an dem stehenden Trinkenden und der Frau, die sich stark umdreht, auf jene bedeutsame Leere des Tisches vor Jesus. Verfolgt man die Faltenkurven im Kleid der kleinen Knienden, so entdeckt man ihre Fortsetzungen im Rock der Frau, wo sie in einer Spirale enden. Eine Parallele zu jener Schrägen, über die Kopf und Hand des Speisemeisters herausragen, wird durch den Alten geboten, der sich einschenken läßt. Das sind kleine Hilfen für das Auge, das alles bewältigen soll. Im wirklichen Gemälde findet man sie noch besser heraus als in einer kleinen, farblosen Wiedergabe.
Haben wir so das Bild nach vielen Gesichtspunkten eingehend betrachtet, so haben wir seine Gestalten mehr und mehr liebgewonnen. Es ist uns dabei aber auch klar geworden, daß einige der Dargestellten Zeitgenossen Veroneses sind. Mit zwei anderen Bildern von seiner Hand hing dieses Gemälde im Palast der Familie Cuccina. Als Mitglieder dieses Hauses erscheinen der Mann im orangefarbenen Gewand, der neben ihm stehende, die ältere und die junge Frau. In Venedig durfte man keine Denkmäler haben. Auf solche Weise setzten sich reiche Familien ihre Denkmäler. Die Ruhmsucht der Renaissance-Menschen kam schon auf ihre Rechnung. Und ein wenig Frömmigkeit war auch mit im Spiele; nach deutschen Begriffen allerdings keine sehr tiefe und eindringliche.
E. Benezé.
Laokoon
Von Domenico Theotocopuli, genannt El Greco
Geboren um 1548, wahrscheinlich auf Kreta, gestorben 1614 in Toledo. — Privatbesitz.