Eine Löwenjagd! Welchem Jungen schlägt da nicht das Herz höher! Gefahr? Wer fürchtet sich denn? Wer möchte nicht dabei sein, wenn der stolze Waffenmeister Alexanders des Großen die berbischen Scheichs zu dem nervenpeitschenden Wagnis aufruft? Vor zehn Tagen kam der Beherrscher der Welt zur Oase Siwah nach langem Wüstenmarsch, um das Orakel des Jupiter Ammon zu hören und sich zu des Gottes Sohn erklären zu lassen. Jetzt sind die Festlichkeiten vorbei, und den tollen, kühnen Gefährten reizt es, auf feurigem Araberhengst das seltene Spiel zu wagen, das nur eben die Libysche Wüste dem reisigen Griechen bieten kann. Schon seit Wochen hat ein grimmiges Löwenpaar die Oase beunruhigt, sich immer wieder neue Opfer aus den Rudeln der Antilopen und Kamele, Schafe und Ziegen geholt, heut endlich soll die Stunde der Rache schlagen! Man kennt die Fährte... frisch auf zur fröhlichen Jagd!
So traben denn die sieben Reiter auf edelstem Araberblut hinaus in die sandige Wüste zur frühen Morgenstunde. Drei vornehme Berber sind dem Rufe des Griechen gefolgt, und drei seiner Getreuen. Er hat sich die Hitze nicht so groß und die Sache doch wohl leichter gedacht; sonst hätte er seinen schweifgeschmückten Stahlhelm und das enge Panzerhemd im Tempelpalast gelassen und auch andere Waffen mitgenommen als nur das sieggewohnte Schwert, das er sooft im männermordenden Nahkampf gegen die Perser in Ehren geführt hat. Und sind nicht auch seine Mazedonier leichtsinnig, daß sie ausziehen, nur mit Schild und Schwert bewaffnet, wie zum Kampf Mann gegen Mann? Aber Griechen haben Mut. Sie haben ja die ganze Welt überwunden! Lanzen, wie sie die Berber führen, und gar ihr Bogen und Pfeil können ja auch den rechten Augenblick verpassen, wenn der Löwe sich in wildem Ungestüm auf Roß und Reiter stürzt! Auf sein Schwert aber verläßt sich der Krieger, das hält er mit eisernem Griff: Mann und Schwert sind eins!
Doch siehe, da hinten, im niedrigen Gestrüpp, da glänzen ja schon die gelben Felle der königlichen Tiere, da liegen sie, majestätisch und wild, den Kopf hochgestreckt, gierig spähend nach Beute! Sie haben die Reiter bemerkt, sie ahnen, daß es ihnen gilt: sie springen auf, und zornig schlagen die langgestreckten Schweife den Boden, ein wütendes, langgezogenes Gebrüll erschallt. Bestürzt scheuen die Pferde; die Nüstern blähen sich; ein Todesgrauen durchschauert sie; aber die eisernen Schenkel der Reiter drücken sie vorwärts: heran an den Feind! Aus dem Trab wird ein wilder Galopp. Der Führer winkt: man teilt sich in zwei Gruppen: von beiden Seiten will man den Gegner fassen. Die Löwen stutzen, dann wenden sie sich zur Flucht. Aber schon haben die linken Reiter, die drei Griechen, ihnen den Weg abgeschnitten. Da werfen sie sich mit wildem Geheul auf diese drei. Die Pferde, in wahnsinniger Angst, werfen die Reiter ab und suchen das Weite. Ohnmächtig liegt der eine am Boden, er hat einen schweren Fall getan. Oder ist er gar tot? Wer will es wissen? Die Rechte umklammert noch krampfhaft das Schwert. Auf den zweiten hat sich die Löwin gestürzt, sie hat ihn niedergerissen und krallt ihm die Pranken in Rippen und Oberschenkel. Er hat aber Besinnung genug, mit dem Schwert zuzustoßen, aber o weh, er verfehlt den geöffneten Rachen und trifft nur die Schulter. Aber schon eilt der dritte zu Hilfe, mit der Linken den Schild vorstreckend, mit der Rechten zu sicherem Stoße weit ausholend: ganz Eifer und Anspannung: um die Löwin ist’s jetzt geschehen! Der Löwe aber hat keine Zeit, den Ohnmächtigen zu zerfleischen, denn schon, in rasendem Sturmlauf, werfen sich auf ihn, hoch zu Roß, die vier anderen. Allen voran der heißblütige Berber im weißen Gewand auf dem Schimmel. Aber er hat Unglück, die Lanze verfehlt das Ziel, und schon hat ihn der Löwe in gewaltigem Sprunge mit der rechten Pranke vom Pferd gerissen; die Zähne des Rachens bohren sich in den herabstürzenden Körper, und auch das Pferd, durch die furchtbare Last halb niedergedrückt, bäumt sich in wildem Schmerze auf: die linke Pranke reißt ihm den Brustkorb auf. Armer Berber! Der nächste Augenblick bricht dir vielleicht das Genick: du schwebst zwischen Himmel und Erde: nur gerade dein linker Fuß ist noch auf dem Rücken deines Schimmels, und das verzweifelte Tier wird sich sogleich losgerissen haben! Aber schon senken sich die Lanzen von rechts und von hinten in den Nacken des Ungetüms. Die beiden anderen Scheichs, der eine links im roten Gewand, der andere rechts im dunkelbraunen Mantel, haben die stürmenden Pferde blitzschnell pariert, daß die Hinterläufe hoch in die Luft fliegen, sie wissen ihre Lanzen zu schwingen und mit nerviger Faust stoßen sie nach: der kurze Jagdspeer sitzt schon tief hinter dem Schulterblatt und auch die lange Lanze, von beider Arme Gewalt geführt, hat gut gepackt! Der Löwe wird sein Opfer lassen müssen, und er wird sich auf die neuen Gegner nicht mehr stürzen können: schon schwingt der behelmte Grieche wie ein zweiter St. Georg sein scharfes Schwert zum letzten Hieb: kein Zweifel, er wird ihm den Kopf zerspalten. In kaum einer Minute hat sich alles abgespielt. Jetzt gibt es ein Königspaar weniger auf der Welt.
Diese aufregende Szene hat ein großer Meister dargestellt, mit wunderbarer Kraft des Ausdrucks. Welch stürmische Bewegung ist doch in dem Bilde! Wie grauenhaft grimmig, wie königlich, wie katzenhaft kämpfen die Löwen um ihr Leben! Wie durchzuckt hingebender Kampfeseifer und wildester Jagdtaumel die stechenden und hauenden Männer! Und selbst die Pferde sind von der Wut des Kampfes angesteckt, zugleich freilich fast besinnungslos vor Angst und Grauen! Die Augen quellen heraus, die Mähnen sträuben sich, weißer Schaum steht vor dem Maule, weit geöffnet sind die Nüstern! Wie stemmt sich der Rappe rechts auf die Erde! Blickt er nicht fast wie ein Teufel hinüber dahin, wo das Schreckliche Ereignis wird? Wie stürmisch schlägt der Grauschimmel links mit den Hinterhufen aus: bricht nicht der gewaltige Hufschlag dem Löwen beinahe das Kreuz? Beide Pferde sind just in derselben Lage: im plötzlichen Halt fällt das ganze Gewicht ihrer selbst und des Reiters auf die straff gestreckten Vorderbeine, und der Schwung des Rennens entlädt sich fast im überschlagen: hoch ragt der Hinterleib in die Luft. Bald wird freilich der Grauschimmel das Weite suchen. Und auch die beiden anderen Pferde sind in wildester Bewegung. Von des Griechen Hand herumgerissen, springt der Braune in der Mitte mit schnaubendem Atem und halb wahnsinnig vor Entsetzen, aber doch dem Reiter gehorchend, beinahe auf den Löwen herauf, und wir hören fast den durchdringenden Schmerzensschrei des hoch in die Luft steigenden Schimmels, der mit Verzweiflung versucht, sich den Krallen des Untiers zu entwinden. Wie dehnt und reckt und streckt sich das wundervolle Tier, um dem Verhängnis zu entgehen! Es wächst ordentlich in den Himmel hinauf vor Schmerz, Wut und Erregung, und im nächsten Augenblick wird es davonrasen, seines Peinigers ledig. Was sind das alles für feurige, rassige Tiere, und was müssen das für vortreffliche Reiter sein, die in solchen Augenblicken Herr der Pferde bleiben, ja noch dazu mit überlegener Sicherheit die Waffen zu führen wissen! So verwachsen ist Mann und Roß nur bei den braunen Söhnen der Wüste oder einem kriegserprobten Reiterführer!
Nur der Ohnmächtige liegt in bleierner Ruhe am Boden, recht im Gegensatz zu der rings tobenden Leidenschaft, die dadurch nur um so gewaltiger wirkt. Wir fühlen, es geht ums Leben; um so straffer spannt sich jede Muskel, um so grimmiger haut, sticht, stößt man zu, beißt, kratzt, schäumt man gegeneinander: in wildem Wirbel wälzen sich Löwen, Rosse und Reiter, ein fast unentwirrbarer Knäuel! Und selbst die Natur scheint am Kampfe teilzunehmen: Gewitterwolken ballen sich zusammen, türmen sich auf und drohen, sich zu entladen; sie werden aber vom Sturme gejagt, wie die Löwen von den Jägern.
Wahrlich, es muß ein großer Künstler sein, der stürmische Leidenschaft, wildeste Bewegung, innerstes Leben von Mensch und Tier so packend darstellen konnte! Wie genau muß er den menschlichen und tierischen Körper, wie eingehend rasende Pferde studiert haben! Gab es doch 1616, als das Bild entstand, noch keine Photographie und keinen Film: mit scharfem Blick mußte der Maler alles selbst erfassen, mit hingebender Gewissenhaftigkeit jeden Zug der Natur ablauschen; aus unzähligen Einzelbeobachtungen mußte sich seiner Phantasie das Bild jeder besonderen Lage formen. So hat er denn auch in den Schaubuden mit Liebe die Löwen beobachtet, ja einmal eins der gewaltigen Tiere in seine Werkstatt bringen lassen und, welch gefährliches Wagstück! den Tierbändiger vermocht, es am Maule solange zu kitzeln, bis es gähnte und den offenen Rachen zeigte. Und das war kein gutmütiges Tier, denn es hat bald darauf seinen Bändiger in Stücke gerissen. Und neben der treuen Naturbeobachtung welche Kunst des malerischen Aufbaues! Denn das Größte an dem Bilde ist wohl, daß er alle Einzelfiguren so geschlossen um die sich verzweifelt wehrenden Löwen herumzugruppieren wußte, daß er es verstand, alle Bewegung, so verschieden sie ist, auf den einen entscheidenden Augenblick der höchsten Gefahr und der sicheren Überwindung zusammenzufassen, also daß wir bei aller scheinbaren Verwirrung die Handlung sofort als eine einheitliche begreifen. Ein einziger Moment ist dargestellt in stärkster Lebendigkeit und überzeugender Naturtreue; es stockt uns der Atem, so unmittelbar erleben wir, was wir hier schauen.
Peter Paul Rubens heißt der unnachahmliche Maler dieses Bildes. Er ist der größte Meister flämischer Kunst. In den spanischen Niederlanden, in der Hafenstadt Antwerpen hat er gelebt. Über 2000 Gemälde sind aus seiner Werkstatt hervorgegangen; bei vielen von ihnen haben seine Schüler geholfen, so daß er nur den Entwurf machte und die letzte Hand anlegte. Ein Dreiundzwanzigjähriger, reiste er im Jahre 1600 nach Italien, wo er acht Jahre blieb und die großen alten Meister studierte; mit 33 Jahren war er selbst weltberühmt. Seine Vielseitigkeit, seine Formensicherheit und der leuchtende Zauber seiner Farbe ist ganz erstaunlich. Es gibt keine erhabene oder menschlich schöne Szene in der Bibel, die er nicht gemalt hätte; ebenso hat er die alten Göttersagen ausgeschöpft, historische Ereignisse dargestellt, herrliche Landschaften neben Tier- und Jagdstücken und eine große Anzahl hervorragender Bildnisse geschaffen, die zeigen, wie tief er in der Menschen Seele zu lesen verstand. Auch sich selbst, seine erste Frau, Isabella Brant, seine zweite, Helene Fourment, und seine Kinder hat er immer von neuem gemalt und so Zeugnis abgelegt für das innige Glück, das er im Kreise seiner Familie fand. Doch er war auch ein eleganter Weltmann und hat seinem Vaterlande und befreundeten Fürsten mehrfach als Gesandter gute Dienste geleistet. Er hatte viele Schüler, von denen der bedeutendste der große Bildnismaler van Dyck geworden ist; und neben der Malkunst pflegte er in seiner Schule auch den Kupferstich: hier wurden die meisten seiner Bilder wunderbar nachgestochen. Er beschloß sein reiches Leben im Jahre 1640. Alle großen Museen sind seiner Werke voll. Sein Ruhm wird ewig dauern.
Arnold Reimann.