Geboren um 1580 in Antwerpen, gestorben 24. August 1666 in Haarlem. — Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin
Habt ihr mal etwas von Haarlem gehört, der reichen holländischen Handelsstadt? Diese Stadt blühte nach den nationalen Freiheitskämpfen des 16. Jahrhunderts zu ungeahnter Größe auf. Ihr müßt euch mit mir in jene Tage zurückversetzen. Wir machen einen Gang durch Haarlem, sehen die schönen Patrizierhäuser mit schlanken Giebeln und reicher Ornamentik. Alles prunkt in echtem Material. Die Wetterfahnen, Gildenzeichen und Schilder sind kunstvoll geschmiedet; in den Gärten prangen bunte Tulpen und farbenglühende Hyazinthen. Im blanken Sonnenlicht leuchten die grünen Fensterläden an den sauberen Häusern festlich und froh. Im Hafen liegen zahlreiche Schiffe zur Ausfahrt bereit. Die Kaufherren schreiten mit gewichtigen Mienen durch Berge von Warenballen aus fernen Ländern. Neuer Reichtum spricht aus den satt lächelnden Gesichtern der Männer. Der Kampf ist beendet; aus Not und Tod sprießt wieder Segen auf Hollands Boden.
Das Haarlem jener Tage, die kraftvolle, fruchtbare Stadt, darf sich rühmen, daß aus einem ihrer Patriziergeschlechter ein Maler wie Frans Hals hervorgegangen ist. Dieser Künstler war ein echtes Kind seiner Zeit; im glühenden Blute fiebernde Kraft, die sich im engen Körper nicht zu fesseln wußte und mit elementarer Naturgewalt hervorbrach. Hier seht ihr eins seiner Bilder: „Hille Bobbe.“ Wendet euch nicht ab, lacht nicht spöttisch! Beides wäre unrecht. Ihr seht eine alte, robuste Frau mit einem Zinnkruge an einem Tische sitzen. Ihr werdet sagen: Wer ist das? Das ist ja nur eine alte, häßliche Frau, weiter nichts! Ja, dann müßt ihr sehen lernen, und dieses Frauenbildnis wird euch viel mehr sagen. Wie oft habe ich im Kaiser-Friedrich-Museum vor diesem Bilde gesessen, und es ist mir lieb und vertraut geworden. Und wenn es ganz still um mich her war, dann hat mir dieser lachende Mund erzählt von jener reichen Stadt der Gilden und Schätzen, der Ratsherren und Patrizier, der stolzen, harten Frauen, der Pracht und dem Glanze des Mittelalters, den engen Kaufmannskontoren unten am Hafen mit ihrem Welthandel, wo täglich Schiffe heimkamen mit kostbarer Ladung und wieder hinausfuhren nach Rotterdam, Haag, London und den fernen Kolonien. Ich habe dann gewußt, daß Hille Bobbe eine Matrosenschänke besaß, daß sie den großen Maler Frans Hals gut gekannt hat, der oft in ihre verräucherte Schänke kam, wo die alten Zinnkannen bis in die tiefe Nacht so fröhlich kreisten und der Wein in hohen Römern köstlich gleißte. Und da habe ich gern gelauscht auf all das, was mir Hille Bobbe zu erzählen hatte:
Der Maler Frans Hals sei etwa im Jahre 1580 in Antwerpen geboren, wohin seine Eltern geflüchtet waren, als Haarlem von Kriegsnöten bedrängt wurde. Aber bald kam Frans Hals nach der Stadt seiner Vorfahren. Zwei Jahrhunderte hindurch hatte die Familie in gutbürgerlicher Behaglichkeit in Haarlem gelebt. Der Vater des Malers, Meister Pieter Claszoon Hals, saß als Schöffe im Rate der Stadt. Obgleich in Antwerpen, der Stätte hoher Kultur geboren, war Frans Hals doch ein echter Holländer, kraft- und saftvoll, blühend, voll derben Schalks und Humors. In der Werkstätte des Karel van Mander übte sich der junge Frans im Handwerklichen seiner Kunst. Noch ganz im Geiste der Renaissancemeister erzogen, befreite er sich bald von jedem Zwange, jedem fremden Einfluß und ging mutig neue Wege. Das war nicht leicht. Die Holländer liebten ihre Altmeister, mit deren Kunst sie wohlvertraut waren, und hatten für das Neue wenig Verständnis. Und Frans Hals, dieses junge, ungestüme Talent, war ihnen zunächst fremd, fast feindlich. Wer war er, daß er so frei und sorglos lachend neue Wege ging? Er stand als neuer Mann in einer neuen Zeit, und was ihm alt und überlebt erschien, warf er von sich in der rücksichtslosen Art der Kraftnatur. Wir wissen heute, welch ungeheuren Umschwung die Porträtkunst des Frans Hals für Holland bedeutet. 1616 erhielt der Meister den ersten großen Auftrag, die Offiziere der Haarlemer Bürgermiliz zu malen. Dieses Werk gehört neben vielen anderen berühmten Werken noch heute zu seinen kostbarsten Glanzstücken. Unbekümmert um Neid, Ruhm, Verständnis, Liebe und Mißgunst ging Frans Hals die neuen Wege, die ihm sein Genius wies. Nicht immer waren diese Wege von Sonne beleuchtet. Aber in dem Künstler lebte eine so herrliche, starke Lebensbejahung, ein so kraftvoller Glaube an sich und seine Kunst, daß er spielend alles Schwere überwand.
Lebenslust, Schalk, Frohsinn, derbe, fast rohe Kraft und erquickendes Lachen in allen Abstufungen wurden das Eigentum seiner Kunst. Das Lachen auf seinen Bildern ist so ungekünstelt, so sorglos, so überzeugend, es steckt an. Wir schauen hin und lachen zwanglos mit.
Frans Hals wurde neben Rembrandt der größte und gefeiertste Porträtmaler seiner Zeit. Er warf mit wenigen, breiten, aber unendlich sicheren Strichen das Charakteristische seiner Modelle auf die Leinwand, und die Gestalten lebten. Auf seinen Bildern triumphierte das blanke Tageslicht, er liebte die Schatten der Dämmerung nicht. Seine feine Formen- und Farbenempfindung schützten ihn vor zu greller Realistik. Alles in seiner Kunst war ein Hymnus an die gesunde Natur, gleichviel wie er sie sah. Ich nenne euch hier nur einige seiner besten Werke: „Singender Knabe“ und „Bildnis eines jungen Mannes“, beide im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, „Lustiger Flötenspieler“ in der Gemälde-Sammlung zu Schwerin, „Der Schalksnarr“ und „Selbstbildnis des Künstlers mit seiner zweiten Frau Lysbeth Reyniers“, beide im Reichsmuseum zu Amsterdam.
Frans Hals prahlte nie in Farben, selbst in seiner Hauptepoche liebte er eine kühle Tonskala: Grau, Blau und Gelb, in einen sanften bleichen Goldton übergehend. Und dennoch leben und blühen seine Gestalten in üppiger Pracht, selbst die kleinste Geste der Hände ist von warmer Natürlichkeit beseelt. Wohl oft noch erschraken seine Zeitgenossen vor der urwüchsigen Kraft in seinen Bildern, aber sie ließen sich gern von ihm malen. Der junge Reichtum jener Tage liebte es, mit hochmütigen Gesichtern einherzuschreiten. Die Männer kleideten ihre oft derben Gestalten in überreich verzierte Gewänder, die Frauen behingen sich mit schwerem Brokat, Samt und Seide, Gold, Juwelen, Brabanter und Brüsseler Spitzen und kostbaren Federn. Selbst diese hochmütigen, selbstbewußten Männer und unnahbaren, oft unschönen Frauen auf des Meisters Bildern lachen alle oder lächeln wenigstens.
Unser großer Künstler ist fast neunzig Jahre alt geworden. Er war zweimal vermählt; seine zweite Frau, Lysbeth Reyniers, überlebte ihn. Er hatte zehn Kinder: drei Töchter, sieben Söhne, die wie er selbst Musik und Gesang geliebt haben. Fünf seiner Söhne hatten das Talent des Vaters geerbt. Wenngleich sie Anerkennung und Ruhm fanden, so hat doch keiner annähernd die Kunst des Vaters erreicht. Frans Hals starb im Jahre 1666. Sein Leben, voll Schatten und Sonne, voll Freude und Wein, voll Musik und Gesang war bereits müde geworden, ehe der Tod kam. Er starb arm. Durch seine sorglosen Hände war das schimmernde Gold zu rasch geglitten, seine sangesfrohe Kehle hatte den goldnen und blutroten Wein zu sehr geliebt; da war für müde Tage nichts geblieben. Haarlem ließ seinen großen Bürger auf eigene Kosten bestatten. Das Begräbnis kostete vier Gulden. Frans Hals ruht im Chor der Hauptkirche zu Haarlem.
Das alles hat mir teils Hille Bobbe erzählt, teils stammt es aus alten Kunstchroniken. Nur über sich selbst schwieg Hille Bobbes lachender Mund.