Nicht als ob er mit der Not des Lebens gekämpft hätte! Er war Professor an der Kunstakademie in Dresden, befand sich also wohl in auskömmlichen Daseinsverhältnissen, es hat ihm in einer solchen Stellung selbstverständlich auch nicht an der Anerkennung der Zeitgenossen gefehlt; es scheint aber nicht, daß man seiner Kunst mehr Achtung gezollt hat, als man sie einem tüchtigen Künstler zu widmen pflegt, den man nicht zu den allerbedeutendsten zählt. Der Vergleich trifft bei Caspar David Friedrich jedoch insofern zu, als seine Werke, von denen einige in der Dresdner und in anderen Galerien verstreut sind, keine besondere Aufmerksamkeit in kunstbegeisterten Kreisen erregt haben.
Erst seit etwa einem Jahrzehnt hat man angefangen zu erkennen, daß Friedrich sich weit über die Malweise seiner Zeit erhoben hatte, die man im allgemeinen als akademische bezeichnen kann. „Akademisch“ nennt man aber eine Kunst, die in althergebrachten Regeln und Anschauungen wurzelt, die einer zwischen den Blättern eines Buches gepreßten Blume zu vergleichen ist: trocken, ohne Duft und Leben. So etwa stand es um die Malerei zu Anfang des vorigen Jahrhunderts. Wer Bilder aus dieser Zeit betrachtet, wird, insbesondere bei den Landschaften, eine gewisse herkömmliche Manier erblicken, sogenannte schöne, geschwungene Linien und eine ziemlich kalte Farbengebung. Der Maler gab nicht den Eindruck wieder, den die Natur auf ihn machte, sondern er „komponierte“, d. h. ordnete das Bild nach bestimmten Regeln, er suchte die Natur seiner Meinung nach zu verschönern. In den Aufzeichnungen des seinerzeit berühmten Malers Philipp Hackert, † 1807, findet sich unter anderen auch eine Beschreibung, wie ein „schöner Gärtnerbaum“ beschaffen sein müsse, und er warnt den Kunstjünger ausdrücklich davor, „eine verstümmelte Natur nachzuahmen“. Sogar wenn er kranke und sterbende Natur nachahmt, schreibt Hackert, muß er auch hier das Schöne zu finden wissen, und sowohl bei nachgeahmten (d. h. nach der Natur gezeichneten) als bei komponierten Bäumen muß alles lachend, freundlich und lieblich sein.
Mit diesem „muß“, das durch nichts zu beweisen ist, brach Caspar David Friedrich und wurde so einer der Vorgänger der modernen Landschaftsmalerei, die in der Natur an sich schon Schönheit genug erblickt, die nicht erst durch „Komposition“ gehoben zu werden braucht. Damit ist nun nicht gesagt, daß der Maler, wie ein photographischer Apparat, alles sklavisch genau so nachbilden soll, wie er es sieht; die neuere Malerei hat aber Freude daran, den Eindruck, den ein Gegenstand auf Auge und Seele eines Künstlers hervorbringt, im Gemälde wiederzugeben, so daß der Beschauer ihn klar zu erkennen und voll nachzuempfinden imstande ist. Man nennt diese Art der Kunstanschauung Impressionismus. Dieser Impressionismus trat zum erstenmal in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts bei den Franzosen auf. Das Hauptgesetz der Impressionisten lautete damals: unbedingte Rückkehr zur Natur, d. h. sie waren bestrebt, den Eindruck (impression) wiederzugeben, den das Auge des Beschauers gewann, und dabei auch allen Lichtverschiebungen je nach der Beleuchtung Rechnung zu tragen. Sie verwarfen deshalb die Malerei, die lediglich im Atelier entstanden war, weil sie die Ansicht vertraten, daß dort das Ziel, das sie erstrebten, nie erreicht werden könne. Der Impressionismus hat im Laufe der letzten Jahrzehnte allerlei Wandlungen erfahren, und die allerneueste Zeit hat auch hier mancherlei andere Gesichtspunkte für das künstlerische Schaffen in Betracht gezogen. Im großen und ganzen geht aber die Absicht der Impressionisten dahin, der Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen.
Ein Beispiel für diese impressionistische Auffassung gibt „Der Regenbogen“ von Caspar David Friedrich. Der Künstler stellt uns in eine flache Landschaft, wie wir sie etwa in der weiteren Umgebung von Berlin finden mögen. Friedrich hat ja auch längere Zeit in der preußischen Hauptstadt gelebt, und es ist nicht ausgeschlossen, daß er die Anregung zu seinem Gemälde hier gewonnen hat.
Der berühmte englische Maler Hogarth sah die edelste Linie in der Wellenlinie. Zweifellos gibt sie der Landschaft Anmut und Abwechselung, aber Hogarths Forderungen sind nicht überall zu erfüllen. Warum sollten nicht auch in einem flachen Gelände große Reize liegen?
Die geraden, langgezogenen Linien dieser Flachlandschaft entsprechen dem Hogarthschen Schönheitsideal keineswegs, und der einsame Baum, der aus der Ebene hervorragt, dürfte nicht einmal ein „schöner Gärtnerbaum“ im Sinne Hackerts sein, und doch, oder vielmehr gerade deswegen spricht aus dieser Schilderei etwas zu uns, was uns selten in den Bildern der Zeitgenossen des Malers entgegentritt: Stimmung. Und darauf kam es Caspar David Friedrich ja vor allem an. Seine Landschaften zeichnen sich fast durchweg durch einen ernsten, melancholischen Charakter aus; sie wollen die Natur zur Darstellung bringen in den Augenblicken, in denen sie im Menschen ganz besondere Empfindungen hervorruft. So fühlen wir, daß der Anblick dieser Gegend in der Seele des Künstlers ein Gefühl des Friedens, vermischt mit einer leisen, fast wohltuenden Wehmut hervorgerufen hat. In stiller Sehnsucht schweift sein Auge hinaus in die weite Ferne; doch diese Empfindungen werden nicht schmerzlich wach, denn das Zeichen der Versöhnung, der Regenbogen, spannt sich über den Wolken, und schon leuchtet nach dem Gewitterschauer die abendliche Sonne wieder freundlich über den Gefilden.
Das alles spricht aus dieser so bescheidenen Gegend zu unserem Auge und Herzen, obwohl der Abbildung das Hauptsächlichste fehlt: die Farbe; aber das Bild redet dennoch so eindringlich, daß unsere Phantasie sich die Farben fast selber hervorzuzaubern vermag.
Daß der Maler sich aber eine so schwierige Aufgabe, wie die des leuchtenden Regenbogens zumuten konnte und durfte, lehrt uns schon, wie weit er seiner Zeit vorausgeeilt war, die sich an ein so kühnes Unternehmen kaum je vorher herangewagt hat.
Wenngleich Caspar David Friedrich nicht zu den bedeutendsten Künstlern gezählt werden kann, so bleibt er doch beachtenswert als Vorläufer einer ganzen Kunstepoche. Caspar David Friedrich ist am 5. September 1774 in Greifswald geboren. Er studierte auf der Kunstakademie in Kopenhagen und kam als Einundzwanzigjähriger 1795 nach Dresden, wo er dann auch bis zu seinem Tode geblieben ist. Von hier aus führten ihn seine Studienreisen häufig in das Riesengebirge, den Harz, nach Rügen und Oesterreich. Im Jahre 1817 wurde er Mitglied und Professor der Akademie der Künste in Dresden. Auch die Berliner Nationalgalerie hat zwei Landschaften, „eine Harzlandschaft“ und „Mondaufgang am Meer“ von ihm erworben. Am 7. Mai 1840 ist der Künstler in seiner zweiten Heimat Dresden gestorben.