Max Grube.
Frühlingsmorgen
Von Camille-Jean-Baptiste Corot
Geboren 29. Juli 1796 in Paris, gestorben 22. Februar 1875 in Paris. — Museum in Avignon
Gerade will ich von einem schwermütigen Frühlingstraum in den schönen Wäldern Frankreichs erzählen, da schaut mir ein zwölfjähriges Mädel fürwitzig über die Schulter. „Ach, das ist ja ein wunderschönes Bild! Und Corot heißt der Maler? Aber nein, das ist ja ein Franzose! Von den Franzosen will ich nichts wissen. Weißt du denn nicht...?“ — „Jawohl, mein Kind, ich weiß, wir leben in schlimmen Zeiten. Aber wenn das Bild hier vom Frühlingsmorgen ebenso herrlich ist wie der Frühling selber, warum sollen wir das schönste aller Frühlingsbilder, bloß weil es von einem Franzosen gemalt ist, verächtlich in den Winkel stellen?“ — „Aber unsere Lehrerin sagte uns doch, daß die Franzosen gar nichts von uns wissen wollen.“ — „Ich sage dir, gerade die Franzosen können ohne unsere Musik zum Beispiel gar nicht leben. Als wir kürzlich den 150. Geburtstag von Beethoven feierten, feierten ihn die gebildeten Franzosen andächtig mit. Und als sie gar wieder in ihrer großen Oper ein Musikdrama von Richard Wagner, „Die Walküre“, hören durften, waren sie förmlich begeistert. An diesem Abend waren sie unsere Feinde nicht. Ähnlich geht es uns mit den schönen alten Wald- und Weiherbildern der Franzosen, die in ihrer Art ebenso herrlich sind wie die Musik der Deutschen. Aber mit dem „guten Vater Corot“, wie er hieß in Paris, in den Dörfern und Wäldern ringsum, möchte ich dich doch recht nahe bekannt machen, intim befreundet, wie er selber in seiner Sprache sagte. Nun ist ja Vater Corot schon an die fünfzig Jahre tot. Aber wärest du ihm einmal begegnet auf stillen Waldwegen und hättest ihm gesagt, daß du seinen Frühlingsmorgen wunderschön findest, dann würde dich der kleine silberlockige Herr aus seinen kindlich-schönen Blauaugen gerührt angeschaut haben. Er würde dir die gottgesegnete Malerhand auf den Scheitel legen und halb wie im Traum zu dir sprechen: „Alle meine schönen Bilder, worin ich Gottesdienst im Walde und am spiegelnden Wasser gefeiert, habe ich nicht bloß für Franzosen gemalt, sondern gerade für dich, mein Kind, und für die feinen und zarten Seelen aller Völker und Länder, die selber von Frühlingssonne durchleuchtet sind, so wie ich.“ Dann führte Vater Corot dich an der Hand zu seinem Landhäuschen an den Teichen und zeigte dir seine vielen Bilder an den Wänden und in großen Stapeln auf dem Fußboden, daß man kaum einen Weg zwischen den dichtgestellten Reihen findet. Es machte ihm immer Freude, jungen Menschen seine Bilder zu zeigen, die lichtklaren und funkelnden aus Italien und die andern mit einem lustigen Menschengewimmel, mit alten Griechen, Heiligen, mit Rittern, Kavalieren, Damen, Soldaten aus alten Zeiten, was man so Geschichtsbilder nennt, obgleich ja die schöne Malerei darauf kostbarer ist, als die Taten aus der Geschichte, von denen man doch nichts Genaues wissen kann. Aber die schönsten sind gewiß die Bilder aus seiner „silbernen Zeit“, als er nämlich in den Wäldern die Nebel und Lichter noch viel zarter als Silberfiligran, rein wie Feenmärchen zu malen verstand. So wie wir’s sehen auf unserm berühmten Bilde des Frühlingsmorgens, das sozusagen die Krone seiner Schöpfungen ist. Und dann nach einer geschlagenen Stunde der Bilderschau, was denkst du wohl, was Vater Corot schließlich getan hätte? Er hätte dir eine von seinen schönsten silberhauchzarten Landschaften mit einem schönen Gruß an deine deutsche Mutter zum Andenken mitgegeben, ein Bild, das heute nach unserm Gelde mehr als eine Million wert ist. Ja, so war Vater Corot. Heute allerdings sind die Künstler nicht mehr wie die reinen Kinder. Mach’ nicht so ein ungläubiges Gesicht, Mädel! Camille Corot war wirklich so geartet. Noch ganz andere Dinge hat mir Albert Hertel, unser herrlicher deutscher Landschaftsmaler, der nicht nur mit dem zarten Corot, sondern auch mit dem strengen Gustave Courbet als Maler und Mensch befreundet war, aus alten französischen Ruhmestagen der Kunst erzählt. Als Corot noch in dem Malerdörfchen Barbizon am großen Märchenwalde saß, kam eines Tages ein feiner Herr und wollte ihm ein Bild abkaufen. Der gute Corot zitterte vor Aufregung, und so schlecht es ihm und seinem heute hochberühmten Genossen damals ging, er wagte keinen Preis zu nennen, aus Furcht, er möchte zuviel fordern. Da gab ihm der feine Herr 300 Francs. Corot war erschüttert über das Geld wie über die freundlichen Worte des klugen Kunstkenners, und in seines Herzens Freude drängte er dem Fremden noch ein zweites Bild als Gratiszugabe förmlich auf. Und wie kam’s? Nachdem seine feine Kunst jahrzehntelang mißachtet war, erlebte es Corot noch, daß jenes Zugabebildchen mit 20000 Francs bezahlt wurde, Albert Hertel erlebte noch die Preissteigerung auf 230000 Francs, lange vor dem Kriege, und du, mein Kind, wirst es für mehr als eine halbe Million in Gold in eine neue Hand gehen sehen. Und was die Hauptsache ist, die Bilder Corots sind auch wirklich so viel und noch mehr wert. Und warum? Das ist schwer zu sagen, oder du verstündest es noch nicht. Man könnte sagen, ein Bild wie unser Frühlingsmorgen ist eines so ungeheuren Preises wert, weil die Gnade Gottes darauf ruht, weil es unsterblich ist und noch in späteren Jahrhunderten jedes Auge und Herz entzücken wird, wie uns heute nach 400 Jahren die wunderschönen Muttergottesbilder von Raffael und nach 700 Jahren die zarten Lieder unseres Herrn Walter von der Vogelweide ebenso zu Herzen gehen wie den Zeitgenossen der unsterblichen Meister. Und das merke dir, Kind, in der Kunst von Gottes Gnaden (du ahnst wohl, was ich damit meine) fragt man nicht erst, ob der Maler oder Dichter ein Deutscher, Italiener oder Franzose gewesen ist. Sie waren Weltbürger, weil ihre Werke in der ganzen Welt heimatlich eingebürgert sind und von allen Menschen verstanden werden. Drum gräme dich nicht weiter um die bösen und sterblichen Franzosen, die doch nur Spreu vor dem Winde sind; aber die unsterblichen und guten Franzosen wünschen deine Freundschaft und Liebe, und da schlage mit deiner deutschen Hand getrost in ihre Wunderhand ein!“
Leise nahm das deutsche Mädel das Bildchen des Frühlingsmorgens vom Schreibtisch mit sich fort, um es mit Reißpinnen an die Wand ihres Stübchens festzuheften. Später wird sie’s in ein Rähmchen tun. Das Bildchen ist für sie zum Erlebnis geworden, das merke ich schon.
Nun wollte ich aber eingehend berichten, wann Corot geboren, gestorben, und was er alles nach und nach gemalt hat. Siehe, da steckt das blonde Mädel schon wieder den Kopf durch die Türspalte, diesmal jedoch mit glühenden Wangen und bittenden Blauaugen. Ob ich ihr nicht mehr erzählen wolle über den Camille, den guten Vater Corot, und ob er noch mehr deutsche Freunde gehabt habe? Natürlich, mein Kind, jeder Deutsche war sein Freund, der artig an seine bescheidene Tür klopfte. Sehr vielen jungen deutschen Künstlern hat Corot geholfen auf dem schweren Wege der Kunst, und nicht Corot bloß. Die Franzosen fühlten sich geehrt, wenn man sie um Rat ansprach. Sie sind ja sehr unruhige Nachbarn und Plagegeister, aber es hat doch auch schöne Zeiten gegeben, in denen deutsche und französische Maler ein Herz und eine Seele gewesen sind. Den Maler Ludwig Knaus, der so fein und sauber, gemütvoll und witzig das Bauern- und Bürgerleben geschildert, hat der Kaiser der Franzosen, der bei Sedan den Thron verlor, auf der Pariser Weltausstellung wie einen Fürsten gefeiert. Und unsern Adolf Menzel haben die Franzosen förmlich wie Füchslein den Löwen angestaunt. Und je deutschtümlicher einer war, um so mehr haben ihn die Pariser geehrt. Das magst du dir auch merken. Über vier Jahrzehnte gingen die jungen deutschen Künstler, nachdem sie in München, Berlin und Düsseldorf ihre Sache gelernt hatten, nach Paris, um sich hier sozusagen den letzten Schliff zu holen bei diesen geschickten, gewitzten und handwerkstüchtigen Parisern. Ein Fest war es, wenn sie in den großen Wald pilgerten, wo Corot malte und mit ihm große Künstler wie Rousseau, Millet, Courbet, Dupré, Diaz, Daubigny. Corot hat erst spät seinen Weg gefunden in das Paradies oder Feenreich, wo er die leuchtenden Wunder der Gottesschöpfung entdeckte. Im großen Walde von Fontainebleau glaubte er das verlorene Paradies wiedererschlossen zu haben, und wir glauben’s ihm gern. Er war am 29. Juli 1796 in Paris geboren. Aber sein geschäftsstrenger Vater hielt nicht viel von der Kunst und versagte dem Sohn die Mittel zu dem heilig ernsten Streben. Schließlich hat es Camille doch durchgesetzt, doch schon war er 26 Jahre alt. Und dann verlor er noch manches Jahr bei den Schulfuchsern und Modemalern, die gar nicht nach seinem Herzen waren. Nicht was in Büchern stand, wollte er malen, sondern was er in der Einsamkeit selber schaute, nicht eine aufgeputzte und frisierte Natur, sondern den Wunderglanz des Morgens und Abends und die Sonnenherrlichkeit des Mittags ohne menschliche Zutaten. So ganz fein und geheim wollte er die in der Sonne tanzenden Blätter, den silbersüß wallenden Frühnebel belauschen, und das nannte er, wie seine Freunde, die intime Landschaft, und sie alle zusammen bildeten die sogenannte „Schule von Fontainebleau“, um ihrer Kunst einen schönen Namen zu geben. Ich sage dir, es ist da, zwei Bahnstunden südlich von Paris, ein herrlicher Wald, auf Meilenweite mit Buchenhochwald, mit Hügeln, Schluchten, Sümpfen, Weihern, einsamen Heiden, seitwärts von der uralten Burg des blauen Brunnens, des gewaltigen und prächtigen Schlosses Fontainebleau, das vor vier Jahrhunderten erbaut und später vergrößert wurde, worin sehr viele heitere und böse Dinge sich begaben, was aber den guten Corot nicht weiter anfocht. Er saß weitab, am Waldrand im Dörfchen Barbizon, und jeden Morgen zog er in den grünen Walddom, auf die Höhen, schaute in die Schluchten und träumte und malte an murmelnden Quellen. Nun höre, wie er selber von seiner Malerarbeit und Waldandacht erzählt, und zwar in einem Briefe an seinen Freund, den Maler Dupré! „Am frühsten Morgen steht man auf, um drei Uhr, vor der Sonne. Man setzt sich an den Fuß eines Baumes, man schaut sich um und wartet. Zuerst sieht man nicht viel. Die Natur gleicht einem grauen Leintuche, worauf sich kaum die Umrisse einiger Massen abzeichnen. Alles duftet, alles bebt im erfrischenden Luftzug des kommenden Tages. Bing! Die Sonne wird hell. Sie hat noch nicht die Schleier zerrissen, wohinter sich die Wiese, das Tal, die Hügel des Horizonts verbergen. Die nächtlichen Dünste schweben noch wie Silberflocken über dem matten grünen Grase. Bing! bing! Im Gebüsch zwitschern unsichtbare Vögel. Ein erster Sonnenstrahl — ein zweiter Sonnenstrahl! Die kleinen Blümchen scheinen freudig aufzuwachen. Ein jedes von ihnen hat seinen glitzernden Tautropfen. Die zarten Blätter zittern in der Morgenluft. Es scheint, als ob die Blumen ihr Morgengebet sprächen. Die Liebesgötter schweben auf Schmetterlingsflügeln über die Wiesen und lassen das hohe Gras in sanften Wellen schwingen. Man sieht nichts. — Alles ist da. Die ganze Landschaft liegt hinter dem durchsichtigen Nebelschleier, der steigt und steigt, aufgesogen von der Sonne, und der schließlich alles enthüllt, die Silberzunge des Baches, die Wiesen, die Bäume, die Hütten, die fliehende Ferne. Endlich unterscheidet man alles, was man anfänglich vermutete...“ So geht’s noch viele Seiten weiter in dem Briefe. Nun sage, mein Kind, ist das nicht wundervoll? Da hast du mit einem Wort die intime Kunst, wie sie noch niemand intimer belauscht und gemalt hat, als Camille Corot. Aber das Bild des Frühlingsmorgens hat der Meister nicht in Fontainebleau, sondern in seinem späteren Wohnsitz Ville d’Avray gemalt. Dort, wo er auch bis zu seinem Tode am 22. Februar 1875 gewohnt, gearbeitet und seinen langsam aufsteigenden Ruhm genossen hat. Es ist auch ein schöner Fleck Erde am Rande des herrlichen Parks des berühmten Schlosses St. Cloud und unfern der großartigen Porzellanfabrik von Sèvres, auf dem Wege nach Versailles. Vor seinem Häuschen hatte Corot die drei Weiher im Zuge eines alten Mühlbaches. Diese Teiche mit ihrem sanften Spiegelglanz und den leisnebelnden Silberschleiern hat Vater Corot unsterblich gemacht, denn man schaut sie immer wieder auf den feinen, zarten, traumseligen Meisterwerken. Hat Friedrich der Große in der Galerie von Sanssouci den ersten Höhepunkt französischer Kunst mit den köstlichen Watteaus, Lancrets, Paters erfaßt, die volle Höhe erstieg diese Kunst an den Teichen von Ville d’Avray, nach deutschem Gefühl. Nun schaue einmal auf dem Bildchen diesen unendlich glückseligen Zauberhauch des Frühlingsmorgens auf dem perlschimmernden Spiegel des Teiches, dessen Ufer weichnebelndes Traumglück atmen! Die alte Erle greift mit hundert Armen dem göttlichen Licht entgegen, die Blätter zerflimmern, verhauchen im Morgenglanz, ganz so wie die arme Menschenseele in pfingstlicher Feierstunde vor dem Herrgott, der die schöne Welt erschaffen und immer wieder, immer schöner verjüngt, in Andacht sich demütigt und ewige Seligkeit vorempfindet. Corot war eine fromme, eine glückselig-fromme Seele. Halte das Bildchen in Ehren, mein Kind, und halte heilig fest an der Kunst der großen Meister, und du wirst ein guter und glücklicher Mensch werden!
Maximilian Rapsilber.