Die Hochzeitsreise
Von Moritz v. Schwind
Geboren 21. Januar 1804 in Wien, gestorben 8. Februar 1871 in München. — Schackgalerie in München
Wenn ich den Namen Schwind höre, dann fällt mir immer ein liebes altes Bilderbuch ein, das in unserer Kinderstube einen Ehrenplatz hatte. Sein äußeres Gewand war freilich nicht sehr schön, das Buch war schmal und hoch, hatte einen wirr und bunt bedruckten Pappdeckel und nannte sich mit großen krausen Buchstaben: „Münchener Bilderbogen.“ Aber innen — ja, da war es voll schwarzer und farbenfröhlicher Herrlichkeiten, an denen der gute Geschichten- und Märchenonkel Schwind reichlich mitgeschaffen hatte. Auf alle die vielen Bilder kann ich mich nicht mehr besinnen, bloß ein paar von ihnen stehen mir noch deutlich im Gedächtnis: das Bildermärchen vom „Gestiefelten Kater“, dessen anmutige und schalkhafte Einzelheiten wir nicht müde wurden, mit leuchtenden, deutenden und lachenden Augen zu betrachten; und dann „Die Geschichte vom Herrn Winter“, in der uns besonders ein Bildchen ans Kinderherz gewachsen war, das, auf dem der alte brummige Wintersmann, dick bereift und behaglich eingemummelt in Mantel und Kapuze, ein Tannenbäumchen im Arm, durch die schmalen, stillen Gassen des Städtchens stopft, hinter deren kleinen Fenstern die hellen Weihnachtslichter blitzen — wohin mochte der Alte gehen?
Ja, Meister Schwind ist immer ein Märchen- und Geschichtenerzähler gewesen! Das hing wohl mit seiner Herkunft zusammen, stammte er doch aus dem heitern, beweglichen Österreich, in dem man das warme Beisammensitzen mit Freunden und Gevattern in der Stube und in Gottes sonniger Natur mit all den guten Dingen der Gemeinsamkeit, wie Essen, Trinken, Musizieren, Plaudern und Geschichtenerzählen so recht von Herzen lieb hat. So steckte schon durch Blutserbe viel Behagen und Lebenslust in ihm, eine frische, frohe Sinnenfreude, die allem daseinsfremden Grübeln und blassen Deuteln abhold war und am farbigen, mit Herz und Sinn spürbaren Abglanz des Lebens ihr Genügen fand. Dazu aber kam noch ein besonderer Zug im Wesen unsres Malerdichters: sein leidenschaftlicher Hang zur Natur und ihrem Frieden, der so stark war, daß er schon als junger Mensch wirklich ernsthaft einmal daran gedacht hatte, als Einsiedler — natürlich mit einigen guten Freunden! — in der Stille des Waldes zu leben. Zum Glück ist daraus nichts geworden, das lachende Leben hat seinen Lieblingssohn festgehalten, aber der Hang zur Einsiedelei kam immer wieder einmal über ihn, so daß er ab und zu ein paar köstliche Bildergeschichten von einsamen Heiligen, Klausnern und Waldbrüdern erzählen mußte. Das alles machte ihn so recht zum Fabulieren fähig und bereit: er sah mit hellen, männlich tapfern, alle Erdenschönheit suchenden und bestaunenden Augen in die Welt, hauste fröhlich und behaglich mit den Seinen und den Freunden, schlug sich wacker mit den Feinden und lebte doch dabei tief innen in sich und ließ die Eindrücke und Erlebnisse sich in seiner Seele weiterspinnen, bis er sie, von ihnen gedrängt, wieder aus sich herauslassen mußte... und dann quollen all die bunten, krausen Geschichten, Märlein, Einfälle, die immer mit einem goldnen Fädchen des Humors mit dem wirklichen Leben seiner Umwelt zusammenhingen, aus seinen Händen aufs Papier oder auf die Leinwand. Ja, auch das müßt ihr wissen, wenn ihr seine Bilderpoesien betrachtet: es steckte ihm auch die richtige verschmitzte österreichische Necklust im Blute, die im Grunde Liebe ist, und die auch den sinnig-ernsten Gedanken seiner Lebensanschauung unversehens ein Schellenmützchen aufsetzte und sie und sein ganzes Leben und Tun mit dem hellen Zauberton des Humors umklingt.
Da haben wir den ganzen Meister Schwind gleich auf unserm wunderschönen Bild „Die Hochzeitsreise“! Guckt es euch genau an, wir werden es gleich herausfinden! Kann man sich überhaupt satt daran sehen? Ich habe es nun schon an die hundertmal betrachtet, und immer wieder umspinnt mich die lichte, behagliche Lebenslust, der reine Friede seiner Bildseele. Und das Ganze, ja, ist wieder eine lächelnde Dichtergeschichte, welcher die liebevoll zusammengestimmte Farbe und die sauber und bedächtig schnörkelnden Linien recht eigentlich ein Rahmen sind, wie die zierhafte Goldfassung einem Edelstein. Seht, über dem alten giebeligen süddeutschen Städtchen steht ein blauer Sommermorgen, und vor dem Gasthaus zum Goldnen Stern wartet die prächtige, mit rotem Plüsch gepolsterte gelbe „Postchaise“; der stattliche Herr mit der Reisetasche hat wohl eben dem dicken Herrn Wirt die Rechnung für den Aufenthalt bezahlt und ihm seine Anerkennung für die sorgliche Unterkunft ausgesprochen, dann noch ein Wörtlein über das Wetter mit ihm geschwatzt und danach die guten Reisewünsche des Gastwirts entgegengenommen — denn damals, in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, hatte man noch viel Zeit, da gab es noch wenig Hast und kaum schon Eisenbahnen, da konnte man noch viele gute und umständliche Worte machen! Aber nun wurde es doch endlich Zeit mit der Abfahrt, denn die junge schöne Frau sitzt schon ein wenig ungeduldig und sehnsüchtig in dem offnen Chaischen, dafür bekommt sie nun auch noch ein paar artige Komplimente von dem Sternwirt und der Sternwirtin zu hören. Der Postschwager, von dem man bloß den hohen Tressenhut sieht, strängt umständlich das Handpferd wieder an, dem Gasthausspitz, der das sieht, fährt ein kleines Reisefieber in die Glieder, denn er will den Wagen bis vors Tor begleiten, und der würdige Kaufmann mit der sommerlichen Schirmmütze in dem Lädchen gegenüber steht schon lange in seiner Ladentür auf der Lauer, um der Abfahrt zuzuschauen und dann mit dem Sternwirt noch eine kleine wohlwollende Nachschwatz zu halten; auch die Mädchen am Brunnen stehen gaffend, wartend und schwatzend und lassen die Eimer überlaufen — o man weiß Bescheid, das waren vornehme Fremde, Herr und Frau v. Schwind aus der Hauptstadt, ein berühmter Kunstmaler, und seine junge Frau war eine Majorstochter, die Herrschaften waren auf der Hochzeitsreise, ei, ei, da lacht das Glück aus allen Winkeln, und da ist man galant und zärtlich und schmückt selbst den Postwagen mit frischen Blumen... der junge Ehemann hat gestern abend noch drüben in dem Kaufmannslädchen eine Tüte Honigzucker und ein Fläschchen Rosenwasser und für sich selbst ein Büchschen feinster Pomade gekauft — das weiß die ganze Stadt!... Und das, ihr könnt es glauben, stimmt alles aufs Haar! Meister Schwind hat sich selbst und seine geliebte junge Frau auf der Hochzeitsreise gemalt; und seht einmal ganz scharf hin —: der behäbige Wirt in der roten Sammetweste, der so ehrerbietig das grüne Käppchen schwingt, trägt die Züge von Schwinds liebem Jugendgenossen Lachner, des weitbekannten Kapellmeisters und Komponisten, der in Wien neben dem jungen Dichter Grillparzer, dem Musiker Franz Schubert und andern zu seinem Freundeskreis gehörte. Da haben wir den Schalk, der mit den Augen zwinkert und mit den Lippen schmunzelt, der lachend seine gute Freundesliebe und sein ganzes großes, helles Jungehemannsglück in das Bild hineingemalt hat. An solchem Spaß konnte er selbst seine herzlichste Freude haben, und solche launigen Anspielungen findet ihr auf vielen seiner Bilder, sie hingen immer irgendwie mit der ihm vertrauten Wirklichkeit und dem warmen Leben zusammen...
Und nun hört, was Meister Schwind selber einmal über seine Kunst zu einem guten Freunde, der auch ein Malersmann war, gesagt hat, als sie miteinander im Walde spazierengingen. „Sixt, schau, ist das nit herrlich! Wann einer an ein schön’s Bäumle sein Lieb und Freud hat, so zeichnet er all sein Lieb und Freud mit, und’s schaut ganz anders aus, als wenn’s ein Esel schön abschmiert.“ In dem frisch herausgesprudelten, fröhlich-weisen Satz steckt der ganze Schwind! Immer hat er „sein Lieb und Freud“ mitgemalt, die galten ihm mehr als alles bloß Handwerkliche oder Technische, wie es in der Künstlersprache heißt, und sie geben allen seinen Schöpfungen die zu Herzen dringende Augenlust. Aber ihr dürft deshalb nicht glauben, daß Meister Schwind seine Werke und Werklein in leichter oder gar leichtfertiger Arbeit geschaffen habe; man kann es in seinen lebendigen, in jedem Wort unverstellten Briefen nachlesen, wie ernst und schwer er mit Stoff und Form gerungen, gewiß in unverdrossener Lust, aber auch oft bis zur bittern Ermüdung, eh’ ihm selbst alles gelungen schien, daß es nun wie eitel Spiel und Lust wirkte. Hinter jeder Meisterkunst, auch hinter der anmutigsten, heitersten, steht ernste, tapfre und mühselige Arbeit, tagtäglicher Kampf und eine unablässige Aufopferung des ganzen Mannes durch lange Wochen und Monate — vergeßt das nicht im freudigen Schauen, denkt immer einmal mit Ehrfurcht daran, um so größer und staunenswerter wird dann die Meisterschaft auf euch wirken, und etwas von dem Hauch ihrer sittlichen Kraft wird euch in die Seele wehen. —
Ihr wißt es nun schon, Schwind ist in allen Werken ein Dichtermaler oder -zeichner gewesen. Oft gab ihm das eigene Erleben, Erinnern und Träumen, bot ihm die nächste vertraute Umwelt die Anregung und den Stoff zu holden Bilderfabeleien, an deren Ausgestaltung und Ausschmückung er sich nicht genugtun konnte. Aber noch eine andre Schatzkammer stand seinem Künstlersinn offen, angefüllt bis zur Decke mit edelstem, lieblichem Geistesgut, dessen reiner Glanz die Augen größer und den Geist heimatselig und andächtig machte, die Schatzkammer unsrer deutschen Märchen und Sagen. Auch hier trat Meister Schwind ein, um zu suchen und zu finden, tat es immer wieder, mit fast noch willigeren Händen als in den gabenreichen Kreis der nahen Erlebniswelt, ehrfürchtigen Sinnes und beglückten Herzens; hier fand er ja alles, was seinem Wesen teuer war, in andrer Form schon fein gebildet, so daß er nur zuzugreifen und es in sein eignes Schaffensreich zu ziehen brauchte, um es darin mit Lust und Freud’ auf seine besondre Art umzuschmelzen, und neu zu schaffen, sich und den Menschen zum Wohlgefallen... Vom Gestiefelten Kater habe ich euch schon erzählt, aber da gibt es noch viel, viel mehr und fast noch Schöneres! Habt ihr vielleicht dies und das schon gesehen? Da hat er das liebe brave Aschenbrödel noch einmal zum Staunen schön in Farbe gedichtet, und das Märchen von den Sieben Raben und die Geschichte von der Schönen Melusine und mehr und mehr, lauter Gestalten und Begebenheiten, bei deren Namen das Herz aufhorcht und freudig klopft wie beim Klang von Mutterworten oder Weihnachtsglocken; da hat er in der herrlichsten deutschen Burg, der Wartburg im Thüringerwald, das wunderreiche Leben der heiligen Elisabeth an die Wand gemalt, die trotz Strafe und Verbot ihres Gemahls der Barmherzigkeit diente, und in deren Schoß das Brot zu Rosen ward, als der Zorn des Gatten sie treffen wollte... Ihr müßt das alles und noch viel andres, was er geschaffen hat, selbst einmal anschauen, jetzt oder später, wie sich euch die Gelegenheit bietet, und wie ihr sie euch nehmt, und ihr werdet den Meister Schwind, der so erdenfroh und lebensselig und ein ganzer Poet war, mit jedem Bild und Blatt lieber gewinnen und in jedem ein Labsal fürs Leben gefunden haben, zu dem ihr euch in guten und schlimmen Stunden immer willig und dankbar zurückfinden werdet.
Gertrud Triepel.