Das Ständchen
Von Carl Spitzweg

Geboren 5. Februar 1808 in München, gestorben 23. September 1885 ebendort. — Schackgalerie in München

[Bild 25]

Nun, liebe Jugend, horche auf und siehe! Jemand tritt in eure Mitte, seine Augen grüßen euch voll Güte, Schalk und Humor: Carl Spitzweg!

Aus der Fülle der Bilder, die dieser Künstler geschaffen hat, greife ich eins heraus, um es euch zu zeigen, nämlich das „Ständchen“. Lacht ihr wohl? Ja, ihr lacht! Schaut nur mit recht hellen Augen auf dieses köstliche Bild. Die große Kunst Carl Spitzwegs, kleine Dinge getreu und unendlich liebevoll wiederzugeben, kommt hier zu ihrem vollen Recht, und deshalb ist er auch wohl treffend der „Maler des Idylls“ genannt worden.

Seid ihr wohl einmal in einer schimmernden Mondnacht ans Fenster getreten und habt hinausgeblickt? Habt ihr da gesehen, wie das Mondlicht auf den simplen Steinfließen glitzert und gleißt? Habt ihr die Zärtlichkeit des glasklaren Nachthimmels beobachtet, der sich hoch über die Erde spannt, wie eine sternbesäte Kuppel über einen großen Dom? Das alles seht ihr hier auf unserm Bilde. Im Hintergrunde ragen Tore und Türme einer alten südspanischen Stadt, einer Stadt, in deren Winkeln und blaudämmernden Höfen reine Romantik blüht. Vor uns steht das stolze Patrizierhaus, vom Mondschein umflossen. Die Nacht träumt... Bis dann ganz plötzlich die nächtliche Stille durch Musik zerrissen wird...

Die schöne Frau, die da auf dem Balkone steht und vorsichtig hinunterspäht, hatte in ihrem Schlafgemach das Kerzenlicht noch brennen. Ihre Gedanken waren in Glück versponnen; denn sie ist Braut. Sie hatte die Musikanten nicht kommen hören und war nun bei den Klängen der Musik aufgeschreckt. Das aus dem Zimmer dringende Licht legt um ihre Gestalt einen goldigen Schein; seltsam flimmern die bleichen Strahlen des Mondlichts in ihrem Haar. Ob sie wohl den Bräutigam erkennt, der vornehm lässig am Sockel der hohen Steintreppe lehnt und sinnend dem Spiele der Freunde lauscht?!...

Hier ist Carl Spitzweg wieder einmal der kluge, humorvolle Lebenskünstler, der schalkhaft all die Personen vor uns hinstellt, wie auf der Bühne. Sie stehen gespreizt, etwa wie Schauspieler, ihre Bewegungen haben etwas Geziertes. Sie wollen der Braut des Freundes ihre beste Kunst zeigen und spielen begeistert. Diese acht jungen Männer sind die echten Vertreter der guten, alten Zeit, jener Zeit, da die Menschen noch nicht das rasende, nervenzerrüttende Tempo der Eil- und D-Züge, Autos und Flugzeuge kannten, als vielmehr die dicken, schweren Gäule die behaglich gemütliche Postkutschen zogen.

Die Geigen jauchzen, das Cello schluchzt, die Flöte tönt silbern leis, dazwischen klingen die lustigen Akkorde der Zither und Klarinette, das sentimentale Klagen der Ziehharmonika und das jubelnde Rufen des Waldhorns. Wie behutsam und doch so sicher leuchten die Farben dieses Bildes! Das warme kräftige Blau triumphiert, das sanfte abgestufte Grau der Steine, das tiefe Samtdunkel der Kleidung, das ruhende Grün des Efeus; alle Farben stimmen glücklich zueinander. Die Lichtwirkung ist meisterhaft. Auch das Helldunkel des Hintergrundes hat Carl Spitzweg so treffend gemalt, daß der Bräutigam, obgleich im Schatten des Hauses, doch scharf umrissen vor uns steht. Wir sehen seine Gestalt, die lässig über der Brust verschlungenen Arme, selbst die kühn aufstrebende Feder des Baretts ist deutlich sichtbar. Er scheint zu lauschen, und doch fühlen wir, daß sein Blick die Braut sucht, die von Licht umflossen an der Balkonbrüstung lehnt.