Ihr werdet die fröhliche Kunst Carl Spitzwegs noch näher kennenlernen, wenn ihr erst weiter ins Leben hineinschreitet. Sicher begegnet euch hier und da wieder einmal eines seiner lieblichen Bilder in ihrer klaren Wahrheit. Es sind deren ja so viele; denn das Leben dieses Malers war lang und reich an Schaffen. Und wer das Leben so geliebt hat wie Carl Spitzweg, dem mußte der Tod sachte und gütig den Pinsel aus den Händen nehmen, ehe sie ganz müde wurden.
Alles war gut, behaglich und schön im Leben dieses heiteren Künstlers. Er wurde am 5. Februar 1808 geboren. Im Hause seines Vaters verlebte er eine stille, aber frohe Jugend in der alten, berühmten Kunststadt München. Sein Vater war Kaufmann und wollte seine Kinder fürs praktische Leben erziehen. So sollte Carl Apotheker werden. Er wurde Lehrling und dann Provisor, wenngleich ihm treibende Wandersehnsucht im Blute lag. Seinen Freunden war er ein guter Kamerad, hatte für harmlose Freuden ein warmes, empfindsames Herz und hätte wohl bis an sein Ende das Leben eines zufriedenen Bürgers geführt, wenn nicht eines Tages sein Talent entdeckt worden wäre. Auf Anraten des Landschaftsmalers Christian Heinrich Hansonn gab er seinen Beruf auf und sattelte um. Nun durfte er reisen, konnte die vielfältigen Reize fremder Länder sehen, und seine feine intime Kunst blühte auf.
Carl Spitzweg hatte bereits das achtundzwanzigste Lebensjahr erreicht, als er sich der Malerei zuwandte. Schon als Lehrling in der Dr. Pettenkoferschen Apotheke zeigte er kluge Beobachtungsgabe und reges Interesse für seine Umwelt. Er studierte die Menschen, mit denen er in Berührung kam, achtete auf ihre Gebärden, ihr Mienenspiel und ihr Lächeln. Und selbst komische Schwächen und irgendwie törichte Angewohnheiten bei ihnen erfaßte er schnell. Diese Gabe ist ihm dann in seinem neuen Beruf von hohem Nutzen gewesen. Wo immer er durch etwas gefesselt wurde, er hielt es gleich im Bilde fest; wie oft mußte ein Zigarrenkistendeckel oder sonst etwas zu diesen Skizzen herhalten. So lebt in seinen Bildern vornehmlich das kleinbürgerliche Treiben der guten, alten Zeit. Mit feinem Humor hat Carl Spitzweg die kleinbürgerlichen Gestalten und ihre Eigenheiten in unzähligen Abarten verewigt: die dicken, gutmütigen Bürger, die behäbige, gestrenge Hausfrau, heitere Jugend in hellen, steifgestärkten Kleidern, selbstbewußte und darum drollig wirkende Soldaten und den Postkutscher mit seinem schönen Horn.
Wie sein großer Freund, Moritz v. Schwind, liebte auch Carl Spitzweg die deutsche Märchenwelt. So wuchsen unter seinen frohen Händen Nymphen, Eremiten, Waldbrüder und allerlei lustige Fabelwesen. Und er baute um diese Märchenfiguren tiefe, schweigende Wälder, durch deren Dämmergrün muntere Wasser plätscherten.
Obgleich unseren Künstler die Pracht und Schönheit ferner Länder entzückte und bewegte, so war er für seine Heimat doch von kindlicher Liebe erfüllt. Alle seine Landschaftsbilder sind in stillem Jubel geschaffen; er zeigt uns sein bayrisches Mutterland: goldene Felder in reifer Fruchtbarkeit, von Sonnenglanz überflammt, von Bergen umschlossen. Der Erfolg blieb nicht aus. Schon vordem war Carl Spitzweg kein Unbekannter mehr; denn er hatte bereits oft für die „Fliegenden Blätter“ kleine Bildchen voll feiner Schelmerei gezeichnet.
Aber Spitzweg blieb auch in den Tagen äußerer Anerkennung der bescheidene Mensch, der in seiner Güte nicht zu wissen schien, wie reiche Gaben aus seinen Händen flossen. Wohl hatte auch er zu kämpfen gegen Neid und Mißgunst, aber er stritt nicht! Er zog sich still zurück. Nach seinen Wander- und Reisejahren kehrte er nach München heim, und dann gingen alljährlich aus seinem Atelier, das sich in einem hohen Hause am Heumarkt befand, viele seiner Bilder in die Welt hinaus. Hier verbrachte er die letzten dreiundzwanzig Jahre seines Lebens, umgeben von seinen geliebten Bergen, hier konnte er in stillen Stunden träumen, ohne daß seine beschauliche Einsamkeit gestört wurde. Nur die Kinderherzen wandten sich ihm in schwärmerischer Liebe zu. Schmunzelnd ließ er die Taschen seines langschößigen Rockes auf Näschereien und Spielzeug untersuchen. Der Jubel der kleinen Besucher machte sein Herz froh. Er ging mit der Jugend, mit ihren neuen, wilden Freiheitsplänen, ihrer ungebrochenen Kraft und ihren reinen Idealen. Obgleich seine Gestalt durch die Last der Jahre mehr und mehr gebeugt, seine Haut welk wurde, blieb er innerlich jung, weil er von Sehnsucht nach Schönheit durchglüht war und diese Schönheit, die in der bescheidensten Blüte und dem kleinsten Grashalm zu ihm sprach, mit liebendem Blick zu umfassen suchte. Dort oben in seinem Künstlerheim, das viel Urväterhausrat barg, lebte er sorglos und glücklich. Hier war der stille Hafen, der ihm Frieden gab. Wohl drang noch manch lockender Ruf aus der bunten, lebenslustigen Welt in seine Einsamkeit. Seine Wandersehnsucht war gestillt, denn seine Augen hatten auf der langen Lebensfahrt viel leuchtende Schönheit schauen dürfen. Die Erinnerung daran schuf ihm keine Bitterkeit. Dankbar gedachte er früherer, froher Zeiten; nun war er wunschlos geworden! Carl Spitzweg hatte ein kluges Lächeln voll stillen Humors, eines Humors, der nie wehe tat. Nur seine guten Augen, hinter dicken Brillengläsern versteckt, konnten fremde Besucher zornig anblitzen, wenn sie ihn unerwartet überraschten. Er blieb am liebsten allein. Seine Lebensregel war einfach und klar:
„Wenn’s dirs vergönnt je, dann richt’ es so ein,
Daß dir ein Spaziergang das Leben soll sein!
Stets schaue und sammle, knapp nippe vom Wein,