Christinas Leiden hatten den Höhepunkt erreicht. Nach der Wut des Kampfes trat endlich Friede ein im Lande. Nach der Zeit der Versuchungen und Prüfungen kamen nun auch Jahre friedevollen Trostes für die heldenmütige Dulderin Christi. Die von einem Ungenannten verfaßte Lebensbeschreibung Christinas schließt mit den Worten: „Nach der Schlacht bei Worringen hörte jegliche Verfolgung seitens des Teufels gänzlich auf. Zu dieser Zeit hat Christi Braut durch die Gnade ihres Bräutigams den Luzifer samt allen Teufeln, die in und außer der Hölle sind, durch standhaften Kampf und heldenmütigen Sieg überwunden, so daß sie über alle Feinde: Fleisch, Welt und Teufel, glorreich triumphiert.“

Christina war, um mich der Redeweise der h. Teresia zu bedienen, eingetreten in die siebente Wohnung der Seelenburg, in der es fast nie Geistestrockenheit noch innere Beunruhigung mehr gibt. Hier sprudelt dem verwundeten Hirsche labendes Quellwasser in Fülle. Hier findet die Taube, nach dem Verlaufen der Flut, den Oelzweig zum Zeichen, daß sie festen Boden gewonnen inmitten der Strömungen dieser Welt. Die Seele ergötzt sich im Zelte Gottes in fast ungetrübter Ruhe und ist frei von jeglicher Furcht, der böse Feind könne sie umgarnen. Sie ist nämlich vergewissert, daß Gott selbst es ist, der hier wirkt. Und wenn auch in diesem Seelenfrieden mitunter aus irgend einem äußeren Anlasse eine Beunruhigung eintritt, so ist sie von ganz kurzer Dauer und vermag nicht, die Seele in ihrer Entschlossenheit, in keinem Stücke vom Wege der Gottwohlgefälligkeit abzuweichen, wankend zu machen.

Der Born, an dem die Seele sich labt, ist die Seitenwunde Christi, aus der geflossen jenes Geheimnis der Liebe, das da ist unsere Stärkung auf der Wanderschaft zum himmlischen Vaterlande. Häufig und mit innigster Sehnsucht nahte Christina dem Tische des Herrn. Wie würde sie aufgejubelt haben, wäre es ihr vergönnt gewesen, täglich das Sakrament des Leibes und Blutes Jesu Christi zu genießen. Damals war es nicht Sitte, außerhalb der Hochgezeiten des Jahres zum Tische des Herrn zu gehen und Christina war zu bescheiden, um durch öftere Kommunion Aufsehen zu erregen. Jedoch benutzte sie jeden sich darbietenden festlichen Anlaß, um sich im Sakramente mit Christus zu vereinen, so daß sie durchschnittlich monatlich zum Tische des Herrn hinzutrat. So läßt sich aus den zufälligen Angaben des Petrus von Dazien feststellen, daß sie z. B. im Jahre 1279 zu Allerheiligen die Kommunion empfing, dann am Katharinentage, dann wieder zu Weihnachten, Mariä Lichtmeß, zweimal in der h. Fastenzeit, am Gründonnerstage, zu Ostern, am dritten Sonntage nach Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten. Später, zumal nachdem Magister Johannes Priester geworden und ihr die h. Kommunion reichen konnte, ging sie häufiger, nämlich durchgehends alle vierzehn Tage, zu den hh. Sakramenten. Mit welch heiligem Ernste, mit welch auferbaulicher Sammlung sie sich auf den Empfang des allerheiligsten Sakramentes vorbereitete, sahen wir im Verlaufe der Lebensbeschreibung des öftern. Den ganzen vorhergehenden Tag zog sie sich gänzlich von der Welt zurück und die Nacht durchwachte sie im Gebete, einzig und ausschließlich damit beschäftigt, sich vorzubereiten auf den Empfang ihres himmlischen Bräutigams, und in seliger Vereinigung mit ihm verbrachte sie den Kommuniontag gewöhnlich im Zustande der Verzückung an ihrem liebgewonnenen Plätzchen hinter dem Hochaltar der Pfarrkirche. Wenn es für Christina nicht tunlich war, Christum den Herrn so oft, als sie es gerne gewünscht hätte, im Sakramente zu empfangen, so vereinigte sie sich desto öfter im Geiste, nämlich der Sehnsucht nach, mit ihm. Eine wundersame Art dieser geistigen Kommunion ist aus der Fastenzeit des Jahres 1281 zu berichten. In der zweiten Fastenwoche jenes Jahres war Christina drei Nächte nacheinander in der widerwärtigsten Weise von den bösen Geistern gequält worden. In den beiden ersten dieser Nächte sandte der Herr einen Engel, um Christina zu trösten und zu heilen. In der dritten Nacht aber kam der Hohepriester und oberste Hirt Jesus Christus selbst zu ihr, nicht sichtbar, sondern nur dem Herzen Christinas innerlich wahrnehmbar, und trug einen Kelch von lauterm Gold, die h. Hostie darauf, in seiner Hand, machte das Kreuzzeichen über Christina, und siehe, alle Verwundung und Belästigung war verschwunden, und dann reichte er ihr die h. Hostie, indem er sprach: „Nimm hin, meine Braut und Freundin; das ist mein Leib.“ Dann reichte er ihr auch den Kelch und sprach: „Das ist mein Blut, das für dich vergossen wurde; durch dieses wirst du mit Sicherheit über alle Feinde siegen. Fürchte dich also nicht, sondern streite tapfer; denn ich werde dein sicherer Sieg und dein ewiger Lohn sein.“ Nach diesen Worten verschwand die wundersame innere Kundgebung, ließ aber in Christinas Seele Stärkung und Tröstung zurück.

Mit der Andacht und dem frommen Empfange des allerheiligsten Sakramentes verband Christina auch eine Andachtsübung, die erst in unsern Tagen Gemeingut der Christenheit geworden ist, nämlich die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu, aus dem der Welt das Heil geflossen.

In ihren Briefen erwähnt sie des öftern das Herz unseres Erlösers und dem Bruder Petrus beteuert sie, daß sie ihn im Herzen Jesu liebe (S. [128]), sie wünscht ihm Tröstung im Herzen Jesu (S. [123]) und bittet ihn im geliebtesten Herzen Jesu, sich ihres Bruders Sigwin anzunehmen (S. [129]).

In der Nacht vor Christabend des Jahres 1280 betete sie, als die Geister der Bosheit sie unmenschlich marterten und sie mit dem Tode bedrohten, folgendermaßen:

„O Herr Jesus Christus, Du Leben der Menschen und Heil aller, die auf Dich vertrauen, ich bitte Dich durch Dein glorreiches Leiden und Sterben und durch Dein süßestes Herz, das aus Liebe gebrochen ist: sollte es Dein Wille sein, daß ich von diesen bösen Geistern getötet werde, so nimm mein angstvolles Herz in Gnaden auf und verbirg es in Deinem süßesten Herzen.“

In der Nacht des Donnerstags vor Petri Stuhlfeier 1281 rief sie inmitten der Folter also:

„O mein Herr Jesus, meine einzige Hoffnung von Jugend auf, der Du in meinen Leiden allezeit mein treuer Helfer und liebevollster Tröster gewesen bist, keine Wut der Verfolger, keine Heftigkeit der Peinen soll mich jemals, so lange ich lebe, von Dir trennen. Wenn ich jetzt sterben muß, so nimm mich nach Deiner Liebe in Gnaden auf und verbirg mich in Dein süßestes Herz.“

In der Fastenzeit des Jahres 1282, als sie, wohl im Geiste, hinausgeschleppt auf den Galgenberg bei Stommeln, mit dem Tode bedroht wurde, sprach sie wehmutsvoll: