„O Herr Jesus Christus, Du süßeste Liebe, in Deine Hände befehle ich meine Seele. Nimm sie in Frieden auf und bewahre sie in Deinem süßesten Herzen auf ewig. Meinen Leib aber lasse, wenn es Dein gütigster Wille ist, von den Dämonen zerrissen werden und eines Todes sterben, wie es Dir wohlgefällig ist.“
In der Nacht vor Weihnachtsabend 1283, als sie mit Durchbohrung des Herzens bedroht wurde, erhob sie die Augen gen Himmel und flehte also:
„Herr Jesus Christus, geliebtester Bräutigam, Du weißt es, daß ich allezeit gewünscht habe, mein Herz möchte brechen aus Liebe zu Dir; wenn Du Dich nun jetzt würdigest, diesen meinen Wunsch zu erfüllen, so sage ich Dir von ganzem Herzen Dank und empfehle meine Seele in Dein süßestes Herz.“
Die sicheren Kennzeichen der Vereinigung mit Gott sind nach der h. Teresia das Verlangen, Gott zu preisen, für ihn zu leiden, Buße zu üben, verbunden mit dem inbrünstigen Verlangen, daß alle Menschen Gott erkennen und lieben möchten, woraus dann bittere Pein entsteht bei der Wahrnehmung, daß er beleidigt wird. Mit diesem Verlangen ist nach der h. Teresia naturgemäß verbunden das Verlangen nach Einsamkeit.
Alle diese Kennzeichen treten im Leben Christinas klar zutage. Die Liebe zur Einsamkeit war es jedenfalls, die sie in ihrem stillen Heimatdorfe zurückhielt und sie bestimmte, den wiederholten und dringenden Einladungen, nach Schweden zu kommen, nicht Folge zu geben. Die Liebe zur Einsamkeit war es, die sie bewog, nach dem Weggang ihres Bruders Sigwin ein kleines Heim, dort gelegen, wo das alte Holzkreuz, rückwärts der dem großen Kreuzhof gegenüberliegenden jetzigen Christinakapelle, in Stommeln steht, zu beziehen, von wo sie hinter dem Dorfe her über den jetzigen Berlich unbeachtet und ungestört zur Kirche gehen konnte. Dort konnte sie in der Verborgenheit ihren frommen Uebungen und Bußwerken obliegen, dort konnte sie die außergewöhnlichen Gnadenerweise, mit denen die Huld des Herrn sie zu beglücken pflegte, verborgen halten. Wie sehr sie darauf bedacht war, diese besonderen Gnadenerweisungen, namentlich die hh. Wundmale, zu verbergen, erhellt aus dem Umstande, daß die Lederhandschuhe, mit denen sie am Ostertage, wenn sie zur Kommunion ging, die Hände verhüllte, damit die noch nicht ganz vernarbten Wundmale neugierigen Blicken entzogen würden, erhalten geblieben sind. Sie wurden als verehrungswürdige Gewandstücke nach Christinas Tode sorgfältig aufbewahrt, schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts mit gestickten Seidenhüllen, auf deren einer Christina vor dem Heilande, auf der anderen Christina vor dem Bilde der Gottesmutter dargestellt ist, umgeben. Mit ihrem Gebetstäfelchen und dem gewirkten Täschchen, in dem sie ihr Psalmenbuch aufzubewahren pflegte, sind sie noch heute als teuere Andenken in ihrem Grabmale bei den heiligen Gebeinen hinterlegt (Abb. [5]). Sie müssen ihr also auch wohl bis zum Lebensende gedient haben. Es liegt somit der Schluß nahe, daß auch die Wundmale wie früher in der Leidenszeit, so auch später in der Friedenszeit sich alljährlich am Karfreitage an Christina erneuert haben. Nachdem Petrus von Dazien, ihr vom Herrn selbst bestellter Seelenführer, in die ewige Heimat hinübergegangen war, hat Christina allem Anscheine nach niemandem mehr, abgesehen von der Beichte, über ihre inneren Erlebnisse und Zustände Mitteilungen gemacht. In ihrer Einsiedelei lebte sie in inniger Gottvereinigung, äußerster Genügsamkeit, am Spinnrocken sitzend und stets dem Gebete obliegend, bis sie im Alter von siebenzig Jahren abberufen wurde zur beseligenden Vereinigung mit ihrem himmlischen Bräutigam im Hochzeitssaale des ewigen Lebens. In der Nachschrift des ersten Buches der Jülicher Handschrift, die nach dem Urteil der Sachverständigen aus der Zeit von 1342-1400 herrührt, heißt es wie folgt: „Die von Gott und den Menschen geliebte Braut Christi Christina legte im zehnten Jahre ihres Alters das Gelübde der Keuschheit ihrem Bräutigam Jesus Christus ab, dem sie unter mannigfachen und andauernden Versuchungen ... Nachstellungen und Martern der bösen Geister durch ein frommes Leben und unbesiegte Standhaftigkeit diente bis zum Jahre 1312 den 6. November, welcher der Tag des h. Leonhard war und auf den Montag fiel, an dem sie zur Zeit der Morgendämmerung beim ersten Hahnenschrei aus diesem irdischen Lichte in glücklichem Tausche hinüberschied ins ewige Licht.“
Achtzehntes Kapitel.
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Christinas Verehrung nach dem Tode und deren Bestätigung durch Papst Pius X.
Die Heiligen leben nach ihrem Hinscheiden aus dieser Welt nicht bloß weiter bei Gott in ewiger Seligkeit, sondern sie herrschen auch mit ihm, wie die Schrift bezeugt. Der Herr liebt es, durch Vermittlung derer, die seine getreuen Diener und auserlesenen Freunde auf dieser Erde waren, den Erdenpilgern mannigfache Erweise seiner Huld und Erbarmung an Leib und Seele zukommen zu lassen. Für solche, die zeitlebens, vom Geiste Gottes getrieben, ihr Glück darin fanden, andere glücklich zu machen; die von Gottes Liebe entzündet, sich erschöpften in Werken christlicher Nächstenliebe, muß es ja auch im seligen Leben dort oben Möglichkeit und Gelegenheit geben, Erbarmen und Liebe zu üben, da ja die Himmelsherrlichkeit die Natur nicht zerstört, sondern nur erhebt und veredelt und das mit Hülfe der Gnade hienieden Begonnene zur Vollendung bringt. Auf die Anrufung der Heiligen erfolgen denn auch erfahrungsgemäß ganz auffallende Gebetserhörungen und der Herr verherrlicht die Grabstätte seiner Auserwählten nicht selten mit Wunderwerken. Auch Christinas Grab sollte glorreich werden. Sie wurde bestattet auf dem Kirchhofe zu Stommeln an der Nordseite des noch jetzt stehenden Turmes der alten Pfarrkirche, die anmutig auf der Höhe gelegen, Dorf und Umgegend beherrscht. Laut der bereits vorhin erwähnten, aus dem 14. Jahrhundert stammenden Nachschrift des ersten Buches der Jülicher Handschrift geschahen nach dem Tode Christinas viele auffällige Heilungen an ihrem Grabe. Auch Werner von Titz schreibt in seinen um 1586 verfaßten Annalen von Neuß zum Jahre 1330, um jene Zeit habe angefangen berühmt zu werden die selige Christina, eine heilige Jungfrau, die aus Stommeln gebürtig sei. Umständlich aufgezeichnet von diesen Heilungen ist jedoch nur die des Grafen Dietrich IX. von Cleve, die Veranlassung zur Errichtung eines Kollegiatkapitels in Stommeln werden sollte.
Graf Dietrich litt derartig an der Gicht, daß er weder gehen noch stehen, noch Speise zum Munde führen konnte. An seiner Schloßkapelle zu Monterberg bei Calcar versah damals Kaplansdienste ein Johannes von Stommeln, der wahrscheinlich dieselbe Persönlichkeit ist mit dem ehemaligen Magister Johannes von Stommeln und nachmaligem Kaplane Christinas. Durch diesen wohl erhielt Graf Dietrich Kunde von den Heilungen, die sich am Grabe Christinas zu Stommeln zutrugen, und auch er beschloß, sich dorthin fahren zu lassen. Am 2. August 1339 kam er nach Stommeln und ließ sich in einer Sänfte hinauf zum Kirchhofe tragen. Das Grab wurde geöffnet und die Gebeine herausgenommen, um in die Kirche übertragen zu werden. Dietrich verrichtete am Grabe Christinas ein Gebet, man gab ihm eines der Gebeine (ein Fingergelenk) in die Hand, und alsbald knisterte es in seinen Gliedern, wie wenn man dürres Reis zerbricht. Urplötzlich fühlte er sich geheilt, sprang auf, stieg zu Pferde und ritt von dannen, voller freudiger Dankbarkeit gegen Gott, der auf die Anrufung seiner Dienerin Christina ihm den Gebrauch seiner Glieder wiedergegeben hatte.