In der Stiftskirche zu Nideggen wurde gegen das Jahr 1500 für die Gebeine der seligen Christina ein recht geschmackvolles, aus Schmiedeeisen gearbeitetes, erhabenes Grabmal errichtet, dessen Abbild aus dem Werk der Bollandisten wir (Abbildung [11]) beifügen.

Der auf der Höhe des Denkmals thronende hölzerne Reliquienschrein zeigte an den beiden Schmalseiten das in flacher Schnitzerei aus Eichenholz gearbeitete Bild Christinas mit dem Drachen unter den Füßen und dem Buche in der Hand. Am Giebel der rechten Langseite befand sich das Bild des h. Apostels und Evangelisten Johannes, ihm gegenüber an der linken Langseite das Bild des h. Bischofs Martinus. Bei einem Gewölbeeinsturz wurde im Jahr 1783 das zierliche Denkmal zerstört. Eines der beiden Bilder Christinas ist jedoch erhalten geblieben und ist gegenwärtig an der Seitenwand der Christinakapelle der Jülicher Pfarrkirche angebracht (Abbildung [12]).

Der im Renaissancestil gehaltene, aus schwarzem Marmor gearbeitete Sarkophag, für den der gotische Eisenaufbau nur die Umrahmung und Bekrönung bildete, ist jünger als dieser, hat jedoch schon in Nideggen Christinas Gebeine umschlossen, wie er es annoch zu Jülich tut. Denn der Marmor, aus dem er angefertigt ist, stammt aus der Umgegend von Nideggen. In der Jülicher Fehde, auch Geldrischer Erbfolgekrieg genannt, wurde Schloß und Stadt Nideggen von den Truppen Kaiser Karls V. im Jahre 1542 fast gänzlich zerstört. Auch die Stiftskirche wurde stark beschädigt. Die herzogliche Residenz wurde nach Jülich verlegt und in dessen Nähe das Waldschloß Hambach prächtig wiederaufgebaut. Nideggen verfiel und die Stiftskirche begann zu veröden. Nach dem Willen des Herzogs sollte das Stift dem Hofe nach Jülich folgen, und deshalb beantragte Herzog Wilhelm beim päpstlichen Nuntius Sebastian Pighino dessen Verlegung in die Pfarrkirche zu Jülich. Dem Ersuchen wurde durch Urkunde vom 15. November 1550 entsprochen. Die Stadt Nideggen aber sträubte sich gegen die Verlegung des Stiftes. Auch lag in Jülich, in Folge des großen Brandes vom Jahre 1547, noch alles im Argen, und so blieb das Stift noch achtzehn Jahre lang in Nideggen. Erst am 1. Oktober 1569 siedelte es hinüber nach Jülich in die dortige der allerseligsten Jungfrau geweihte Pfarrkirche und führte von nun an den Titel „Liebfrauenstift“. Christinas Gebeine konnten aber von den Stiftsherren nicht nach Jülich mitgenommen werden. Der Widerstand der Bewohner Nideggens war zu groß. Sie blieben vielmehr, wie der Notar Christian Hammechers von Nideggen in einer vom 6. März 1578 datierten Nachschrift zum ersten Buch der Jülicher Handschrift mit Dank gegen Gott bezeugt, noch eine Reihe von Jahren in der Kirche zu Nideggen. In dieser mußte auch noch an allen Sonn- und Feiertagen von seiten des nunmehrigen Jülicher Stiftes eine h. Messe gehalten werden. Jedoch verfiel die Kirche immer mehr. Durch List wußten die Jülicher Stiftsherren schließlich Christinas Gebeine von Nideggen nach Jülich zu schaffen.

Es war am 22. Juni 1586, als an einem Nachmittage nach der Vesper ein Mann, der auf alle an ihn gestellten Fragen keine Antwort gab, mit einem Wagen vor der Pfarrkirche zu Jülich anlangte, dort den Schrein mit den Gebeinen der seligen Christina absetzte und dann spurlos verschwand. Der Mann wird von den Jülicher Stiftsherren gedungen gewesen sein. Zur Nachtzeit wird er den Reliquienschrein in Nideggen aufgeladen haben und konnte so um die Zeit, als die Stiftsherren aus der Vesper nach Hause gingen, in Jülich ankommen. Natürlich mußte er spurlos verschwinden, um Weiterungen vonseiten Nideggens zu verhüten.

Von der Anwesenheit der Gebeine Christinas in Nideggen geben noch heute zwei Ortsbenennungen Kunde, das Christinentälchen am obern Abhange des Jungholzes und das ebendaselbst befindliche „Christinenpützchen“. Hier sollen nach Aschenbroich Christinas Gebeine in Kriegszeiten versteckt gewesen sein, um sie vor Verunglimpfungen seitens der Krieger zu schützen.

Die Stiftskirche in Nideggen wurde im dreißigjährigen Kriege vollends zur Ruine. Später bauten dort die Minoriten ein kleines Kirchlein mit Kloster, das bis zur Franzosenzeit bestand. Im Hofraum des Privatgebäudes, das an die Stelle des Klosters getreten ist, sind die Grundmauern des Langhauses der ehemaligen Stiftskirche noch zu erkennen. Auch sind im Garten die Untermauern des Chores in der Höhe von 2-3 Meter noch vorhanden.

Die Marianische Kongregation für Jungfrauen zu Nideggen erwählte die selige Christina letzthin zu ihrer besonderen Schutzpatronin, und eine Reliquie aus den Gebeinen der Seligen wurde von Jülich bei Gelegenheit der Seligsprechungsfeier nach Nideggen übertragen.

Das Stiftskapitel in Jülich bestand bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, wo es gleich den übrigen Stiften von der französischen Fremdherrschaft aufgelöst und die Stiftskirche wieder einfache Pfarrkirche wurde.

Der 22. Juni wurde alljährlich in der Stiftskirche zu Jülich als Tag der Uebertragung der Gebeine der seligen Christina mit erhöhter Festfeier begangen. Das Hauptfest der seligen Christina wird jedoch von jeher und heute noch am 6. November, ihrem Sterbetage, unter großem Zulaufe des Volkes gefeiert, das zu ihr in leiblichen und geistigen Anliegen, besonders bei Lähmungen, Gichtleiden und in Fieberkrankheiten, seine Zuflucht nimmt und erfahrungsmäßig gnädige Erhörung findet. Ihr Grab war mit Weihegeschenken aller Art umhangen. Eine ununterbrochene Reihe von Gebetserhörungen und Heilungen, die auf Christinas Anrufung an ihrem Grabe erwirkt wurden, findet sich aufgezeichnet. Das Stiftskapitel traf sogar die Anordnung, daß ein apostolischer Notar die fast täglich zum Grabe Christinas kommenden hülfesuchenden Pilger beobachten und die Heilungen protokollieren solle. Wilhelm Hermann Gabriels hat denn auch in den Jahren 1704-1706 eine ganze Reihe solcher Heilungen in ordnungsmäßigem Verhör vor Zeugen festgestellt und aufgezeichnet. Auch sonstige, selbst von weltlichen Behörden aufgenommene Protokolle über solche Heilungen sind in erheblicher Anzahl vorhanden.

Auch bei den Kartäusern, die bei Jülich am Vogelsang ein Kloster hatten, und auch im Kloster zu Cöln blühte Christinas Verehrung. Zeugnis dafür legt ab ein auf Seide noch vor dem Jahre 1639 in der Cölner Kartause gedrucktes Bild der Seligen, dessen photographische Nachbildung im verkleinerten Maßstabe wir (Abbildung [4]) wiedergeben.