Die Grafen von Jülich waren kühne Haudegen, die, wiewohl sie in ihrem Lande die Frömmigkeit pflegten, doch vor keiner Gewalttat zurückschreckten, wenn es galt, ihren Machtbereich auf Unkosten des Reiches und besonders der Cölner Kirche zu erweitern. Wilhelm II., der Große genannt, war ein höchst lasterhafter Mensch, der im Kriege der Gegenkönige Philipp von Schwaben und Otto von Braunschweig aus Wut darüber, daß sein Land mit dem Interdikt belegt worden war, die dem h. Stuhl ergebene Geistlichkeit plünderte, mißhandelte und wegjagte und dafür seine Kreaturen eindrängte. Er war verrufen weit und breit wegen seiner Gewalttätigkeit, Grausamkeit und Wollust. Sein Ende entsprach seinem gottlosen Leben. Nicht weit von Stommeln führte die alte Heerstraße, die von Jülich nach Cöln geht, vorbei. Sie ging damals über Brauweiler. Auf dieser wohl ritt i. J. 1207 der Große Wilhelm gen Cöln. Plötzlich wurde er von einer Herzschwäche befallen und sank zu Boden mit den Worten: „Cöln werde ich nicht wiedersehen.“ Sein Kaplan eilte herzu und sprach zu ihm: „Herr und Gebieter, entlaß die Buhlerin und nimm Dein Weib zu Dir.“ Er hatte nämlich seine rechtmäßige Gemahlin verstoßen. „Nimmermehr,“ erwiderte der Sterbende. Zur Buhlerin aber, die gleichfalls herbeigeeilt war und unter Tränen ihn fragte, was aus ihr werden solle, wenn er tot sei, sprach er: „Heirate einen jungen Soldaten.“ Und so starb der trotzige Sünder. Sein Nachfolger Wilhelm III. nahm das Kreuz und starb 1219 auf dem Kreuzzuge in Aegypten. Wilhelm IV. war gleich seinen Vorgängern ein rauflustiger Held, der in seiner langen Regierungszeit namentlich mit den Cölner Erzbischöfen scharfe Fehde führte. Im Geburtsjahre Christinas fand zwischen Lechenich und Brühl ein Treffen statt, bei dem Erzbischof Konrad von Hochstaden in die Hände des Jülicher Grafen fiel, der ihn neun Monate lang auf Schloß Nideggen in Haft hielt. Im Gefechte bei Marienholz zwischen Zülpich und Lechenich, das im Jahre 1267 stattfand, nahm er Erzbischof Engelbert von Falkenburg gefangen und hielt ihn bis 1271 zu Nideggen in Gewahrsam. Ein tragisches Ende jedoch ereilte ihn in der Gertrudisnacht (16. März) des Jahres 1278 beim Ueberfall der Stadt Aachen. Im Handgemenge wurde er nebst seinem Erstgeborenen, der gleichfalls Wilhelm hieß, von einem Grobschmiede erschlagen.
Zur selben Zeit lagen die Cölner Erzbischöfe in schwerem Streite mit der Stadt Cöln. Bei Frechen kämpften im Jahre 1257 die beiden Heere mit großer Erbitterung gegeneinander. Erzbischof Konrad von Hochstaden behauptete zwar das Schlachtfeld, erlitt jedoch große Verluste. Konrads Nachfolger, Erzbischof Engelbert von Falkenburg, wurde, als er inmitten seiner Würdenträger und Dienstmannen im Bischofssaale saß, am 28. November 1263 von den Cölnern verräterischer Weise überfallen und im Hause „zum Roß“ in der Rheingasse eingekerkert, woraufhin die Stadt vom Papste mit dem Interdikt belegt wurde. Immer größer wurde der Hader, immer höher stieg die Erbitterung auch unter Engelberts Nachfolger, dem Erzbischofe Sigfrid von Westerburg, bis schließlich auf dem Schlachtfelde bei Worringen, wo die Heeresmächte des ganzen Niederrheins aufeinanderstießen, die Jahrzehnte hindurch aufgespeicherte Wut am 5. Juni 1288 zur Entladung kam und die Entscheidung fiel. Sigfrid wurde gefangen und Cöln wurde freie Reichsstadt.
In dieser gährenden, wildbewegten Zeit lebte Christina. Ihr Heimatsort Stommeln lag mitten auf dem Gebiete des Kampfes, wiewohl er nie unmittelbar in denselben hineingezogen wurde. Gegenwärtig zählt der Ort, der schon im 10. Jahrhundert ein ansehnliches Pfarrdorf war, rund 2500 Einwohner, die fast ausschließlich sich zur katholischen Religion bekennen und Ackerbau treiben. In den ältesten Urkunden wurde der Ort Stumbelo, in der Jülicher Handschrift jedoch Stumbele genannt. Der Name, der soviel besagt als „Wald der Baumstümpfe“ (Stumbe = Stumpf und lô = Wald) weist darauf hin, daß der Ort eine fränkische Siedelung ist und auf abgeholztem Waldgebiete angelegt wurde. Die trotzige und treue Art der salischen Franken, der alles Gezierte und Unechte widerstrebt, die in ihrer Natürlichkeit und Geradheit selbst vor Derbheit und Rücksichtslosigkeit nicht zurückschreckt, ist auch heute noch in der Einwohnerschaft Stommelns unverwischt erhalten. Der gute Kriegsmann St. Martin, der Lieblingsheilige der Franken, ist denn auch von jeher dort Kirchenpatron. Der Bruder Kaiser Otto des Großen, Erzbischof Bruno, der Heilige, von Cöln, der als Herzog von Lothringen zugleich Landesfürst war, hat sich um Stommeln besonders verdient gemacht. Er schenkte der Gemeinde einen ansehnlichen Wald, der jetzt teils Ackerland, teils Weidengelände ist und der eingesessenen Bewohnerschaft, der Realgemeinde Stommeln, zugehört. Die Pfarrkirche samt dem neben ihr gelegenen Fronhofe wurde von demselben Erzbischofe im Jahre 961 dem hochadeligen Damenstifte zur h. Cäcilia in Cöln einverleibt. Da der Ackerboden der Stommeler Flur zu den gesegnetsten Gefilden Deutschlands zählt, so herrschte von jeher Wohlstand unter den Bewohnern, aber auch das kirchliche Leben stand dort im 13. Jahrhundert in schönster Blüte. Ganz besonders aber wurde die Andacht zum bittern Leiden unseres Heilandes in der Pfarrgemeinde gepflegt und an den Freitagen wurde der Gottesdienst wie an den Sonn- und Feiertagen besucht. Eifrige und angesehene Seelsorger standen an der Spitze der Pfarre und die Dominikaner von Cöln leisteten häufig Aushülfe in der Seelsorge.
Ze Choln und ze Parîs
da sint die pfaffen harte wîs
di besten vor allen rîchen
so singt ein Dichter des 13. Jahrhunderts. Der selige Albert der Große, der hervorragendste Gelehrte seines Zeitalters, stand damals an der Spitze des Hauptstudiums der Dominikaner zu Cöln, wo Thomas von Aquin sein Schüler war. Nicht bloß aus Deutschland, sondern auch von auswärts strömten die wißbegierigen jungen Leute, vor allem aber die von ihren Provinzialen als die talentvollsten befundenen Dominikaner nach Cöln, das als Sitz der Gelehrsamkeit mit Paris wetteiferte. Stommeln war der Erholungsort, wo an den schulfreien Tagen die Cölner Dominikaner gerne verweilten. Sie fanden dort gastliche Aufnahme nicht bloß auf dem Hofe des St. Cäcilienstiftes, sondern auch im Pfarrhause und bei Gutsbesitzern. Bruder Mauritius sehnte sich, als er in Paris studierte, nach Cöln zurück und seinem „Stommeler Aegypten“, wie er sich in einem Briefe an Christina vom 15. Juni 1271 scherzhaft ausdrückt.[1] Dort hätten sie frische Eier bekommen und schmackhaftes Gemüse zum Fleische. In Paris jedoch seien die Eier verderbt und kleiner als die Eifler Eier, die sie zu Cöln gegessen. Christina solle jedoch den Brief niemanden zeigen, damit er nicht etwa eine üble Note erhalte, der Frau Beatrix aber sagen, daß sie für die vom Kapitel heimkehrenden Brüder frische Eier und Zulage frischen Käses bereite. Auch Bruder Folkwin in Gotland erinnerte sich später noch mit Dankbarkeit der in Stommeln zugebrachten Tage und schickte zur Bekundung dieser Dankbarkeit der Christina einen größeren schwarzen Löffel aus Horn, Christinas Schwester Hilla einen kleinen schwarzen Löffel, der Hilla vom Berge einen weißen mit schwarzem Griffe und der Tochter des Vogtes ebenfalls einen schwarzen Löffel aus Horn.[2]
Auch für den Schulunterricht der Knaben sowohl wie der Mädchen war in Stommeln gesorgt. Die Knaben unterrichtete der Magister Johannes, der entfernt mit Christina verwandt war und später Priester wurde.
Die Gerichtsbarkeit wurde ausgeübt durch einen im Orte ansäßigen Vogt, der in der Nachbarschaft Christinas wohnte und mit ihrer Familie befreundet war. In dieser wohlgeordneten, frommen und wohlhabenden Pfarrgemeinde erblickte Christina das Licht der Welt im Jahre 1242. Der Tag ihrer Geburt ist nicht näher bekannt. Daß sie am 24. Juli, dem Feste der h. Jungfrau und Martyrin Christina, geboren sein soll, ist nur eine Vermutung. Ihr Vater war ein vermögender Ackerwirt. Er hieß Heinrich Bruso und seine Frau Hilla. Vom Geburtshause Christinas sind noch Mauerreste erhalten geblieben. Es lag inmitten des Ortes an der Hauptstraße, dort, wo gegenüber die Eschgasse zu der auf einer ziemlichen Anhöhe gelegenen alten Pfarrkirche abbiegt. Es war ein Gehöfte mit einem Doppelhause, einem ältern großen Hause und einem kleinern Anbau. Noch immer führen die dort befindlichen Baulichkeiten den Namen Brusohaus, und früher, als Stommeln noch zum Herzogtum Jülich gehörte, war dort auch der Wohnsitz des Amtsverwalters.
Christina war nicht das einzige Kind ihrer Eltern. Sie hatte einen ältern Bruder namens Heinrich, der etwas weltlich gesinnt war, wohl den Versuch gemacht hatte, ins Kloster Kamp einzutreten, es aber wieder verlassen hatte und nach Cöln übergesiedelt war. Außerdem hatte sie einen jüngern Bruder, Sigwin genannt, für den sie in mütterlicher Liebe besorgt war. Dieser trat als Laienbruder in den Dominikanerorden ein und zwar in der Provinz Dazien, erhielt den Namen Gerhard, weil der Name Sigwin in Schweden nicht gebräuchlich war, und führte zur größten Zufriedenheit die Geschäfte eines Prokurators, da alle Einnahmen und Ausgaben des Klosters durch seine Hand gingen. Wie Christina zwei Brüder hatte, so hatte sie auch zwei Schwestern. Eine hieß Hilla und die andere Gertrud. Beide scheinen älter gewesen zu sein als Christina. Eine von ihnen wohnte später in Cöln; die andere heiratete und blieb anfänglich in Stommeln. In Poulheim wohnten nahe Blutsverwandte Christinas, zwei Schwestern nämlich und deren Brüder.
Schon in der Kindheit stand Christina, die ein gewecktes Mädchen war, unter besonderer Einwirkung der göttlichen Gnade. In dem freilich erst nach ihrem Tode von einem Ungenannten verfaßten Bericht über ihr Leben lesen wir, daß der Jesusknabe dem fünfjährigen Kinde öfters erschien, es im Glauben unterrichtete, es beten lehrte und ihm zum frommen Leben Anleitung erteilte. Christina zeigte denn auch viel früher als andere Kinder Verständnis für göttliche Dinge, ging gerne in die Kirche und wohnte dort täglich mit kindlich frommer Andacht dem h. Meßopfer bei. Als sie sechs Jahre alt war, schaute sie bei der Wandlung das Jesukind in den Händen des Priesters, das zu ihr sprach: „Siehe, ich bin hier zugegen, stets bereit, Barmherzigkeit zu erweisen. Wer also um Barmherzigkeit fleht, wird Barmherzigkeit erlangen.“ Als sie sieben Jahre zählte, wurde sie von einem Engel im Geiste ins Paradies geführt, wo sie himmlische Geheimnisse schaute und mit unaussprechlicher Wonne erfüllt wurde. Ein Seraph kam dort zu ihr, begrüßte sie als die Auserlesene Jesu Christi und machte ihr kund, daß durch sie viele Sünder bekehrt, viele Gerechte gestärkt und getröstet und viele Seelen aus dem Fegfeuer würden befreit werden. Als der Engel sie dann wieder zur Erde zurückgeführt und sie zu sich gekommen war, hub sie an zu singen ein Lied, das so anfing:
Rosen und Lilien auf grünenden Auen
Ueberall prächtig und lieblich zu schauen,
Wie mein Brüderlein Jesu Christ,
Wenn man seiner Liebe genießt.