„Doch, es giebt noch eines! Der Staat muß die Production vorläufig in die Hand nehmen. Höre, was ich Dir sagen will und weshalb ich Dich rufen ließ. Du mußt mit dem Frühzug nach Hamburg fahren. An Bord seines Privatdampfers findest Du dort den ‚Herrn‘. Biete alle Deine Beredsamkeit auf, um von ihm zum mindesten acht Tage Aufschub zu erlangen. In der Zwischenzeit unterhandle ich hier mit der Regierung. Die Production darf nicht einen Moment stillstehen. Unser aller Existenz hängt davon ab.“ Er unterbrach sich einen Moment und fuhr dann, tief aufseufzend, fort: „Oh, wenn wir jetzt Arbeiter hätten, wie sie unsere Vorfahren im neunzehnten Jahrhundert hatten! Dann wäre ja Alles gut. Dann hätten wir diese schwerfällige, eingerostete Staatsmaschine gar nicht nöthig, um uns über Wasser zu halten. Die Sünden der letzten hundert Jahre aber haben alles verdorben.“ — — — Die wenigen Stunden der Nacht vergingen mir schlaflos. Die Morgennebel zogen noch über die unabsehbare Ebene, als ich schon wieder im Zuge saß und gen Norden dampfte.
In den ersten Vormittagsstunden war ich in Hamburg, und mein Erstes war natürlich, zum Hafen zu fahren, wo der Lustdampfer des „Herrn“ vor Anker lag. Es gelang mir indessen nicht, sogleich bei dem Mächtigen vorgelassen zu werden. Von entsetzlicher Unruhe gepeinigt, schritt ich auf dem Quai auf und ab. Ich beobachtete mit Angst, wie der Zeiger meiner Uhr langsam vorwärts schlich und jede Minute, die er zurücklegte, steigerte meine Aufregung. Entsetzliche Bilder von Aufruhr und Zerstörung erfüllten meine Phantasie. Tausende zogen an mir vorüber, ihren alltäglichen Geschäften oder Vergnügungen nach, aber Keiner unter ihnen hatte eine Ahnung von dem drohenden Unheil, das mit jedem Augenblicke näher kam. Nur ich allein sah es, und sah auch die dampfenden Schutthaufen an Stelle der glänzenden Paläste, die verstümmelten Leichen auf dem blutüberströmten Pflaster. Entsetzliches Geheimnis, das auf mir lastete!
Die zehnte Stunde war schon längst vorüber, als ich endlich an Bord des Dampfers Einlaß fand. Es war ein kleines, lauschiges Cabinet, in das man mich führte. Die Wände waren bis zur Brusthöhe mit hellfarbigem Holze getäfelt und oberhalb desselben mit violettem Sammt ausgeschlagen. Ein kostbarer Teppich bedeckte den ganzen Boden, schwere Seidengardinen verhüllten die Eingänge. Auf einem Divan, vor sich ein elegantes Rauchtischchen, lag ein Herr in schwarzem Salonanzug, einen Fez auf dem spärlich behaarten Scheitel. Er mochte etwa Mitte der vierziger Jahre stehen, hatte aber einen eigenthümlichen, milden, abgespannten Zug im Gesicht, der ihn weit älter erscheinen ließ.
Es war der „Herr“, vor dem ich stand. In diesem Moment fiel mein Blick auf einen Chronometer, der zu Häupten des Divans hing; er zeigte auf zehn Minuten vor elf Uhr. Ein Schauer flog über meinen Körper, als ich diese Wahrnehmung machte. Wenn es mir im Laufe der nächsten halben Stunde nicht gelang, den Mächtigen umzustimmen, so war Alles verloren. Alle Kraft zusammennehmend, begann ich meinen Vortrag.
Der „Herr“ hörte mich schweigend, den Dampf einer Cigarette von sich blasend, an; nur von Zeit zu Zeit flog ein nervöses Zucken über sein Antlitz. Ich hatte meine ganze Beredsamkeit aufgeboten und Worte gefunden, so eindringlich, so herzerschütternd, daß sie einen Stein hätten bewegen müssen. Als ich geendet, blieb es einige Augenblicke ganz still im Gemach; ich glaubte, mein eigenes Herz schlagen zu hören.
Der „Herr“ erhob sich aus seiner liegenden Stellung und stand dicht vor mir, die eine Hand in der Tasche seines Beinkleides, in der anderen die Cigarette haltend, von der die schmalen, weißen Finger die Asche nachlässig abstreiften.
„Ich bedaure, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können; es ist Alles wohl überlegt und vorbereitet. Den Befehl jetzt rückgängig machen, hieße unseren ganzen Plan vernichten.“
Seine Stimme war trocken, klanglos, ohne jede Bewegung.
„Kann es in Ihrem Plane liegen, unabsehbares Unheil über das Vaterland heraufzubeschwören?“ frug ich erregt.
„Vaterland? Wer Geld hat, braucht kein Vaterland!“ erwiderte er mit leichtem Achselzucken.