»Sie trugen es zur Post?« staunte sie tief bestürzt. Und dann kam ihr die Anwandlung laut und erbarmungslos zu lachen. Sie unterdrückte sie.

»Ja. Zu einer andern Post als das erste Mal. Ja, ich genierte mich, wissen Sie.« Er nickte mehrere Male, ohne den Kopf aus der Hand zu heben oder die Augen vom Tisch zu entfernen, lächelte traurig und sagte noch einmal: »Ja.«

Claudias Augen sprachen von dem Schrecken, der langsam in sie hinabsank wie ein Eimer in einen dunklen Brunnen, und um ihren Mund schrieben Spott und erschrockenes Verachten eine gekrümmte Linie. Sie zürnte ihm; sie warf ihm eine stumme Frage zu: Wozu erzählen Sie mir solche läppischen Streiche? und sah ihn hart und schweigend an. Die große Uhr pochte unablässig; Doktor Walter Rohme besah reglos den Schimmer der rötlichen Lampe auf der Tischdecke, mit gebeugtem Nacken. Da sitzt er nun auf seiner Heldentat, dachte sie zornig. Warum verteidigt er sich nicht? Wo verbarg sich seine Klugheit, wo sein sonst so rührendes Zartgefühl; warum zeigte er, der bisher Grund gegeben hatte zu glauben, er werde ihren Weg vor allem Häßlichen behüten, damit nichts sie kränke und verstöre – warum zeigte er sich ihr heute so hilflos, so ausdrücklich schwach? Da saß er nun gebeugten Nackens wie ein Verurteilter und rührte sich nicht … Und sie begriff. Ein Blitz schoß auf und erleuchtete ihr alles: sie sah ihn klar wie Kristall und ganz lauter. Eine Wonne stieg aus ihr empor wie ein Eimer aus durchsonntem Brunnen, von goldenem Wasser schwer und triefend. Sie lächelte immer verstehender, immer seliger, sie fühlte eine Wärme und einen süßen Druck in ihrem Herzen und nannte es Glück. Sie hob langsam die Hand und streckte sie ihm entgegen, reichte sie ihm über den Tisch, bis die feinen Fingerspitzen seinen Handrücken berührten. Er fuhr aus toter Verzweiflung auf, blickte unbegreifend in ihre glücklichen Augen – erriet sie in einem erstickten Atemholen und küßte die Hand mit einem brennenden langen erlösten Kusse.

»Sie müssen jetzt gehen,« sagte sie und erhob sich. »Ich danke Ihnen für diese Erzählung, ja, ich danke Ihnen.« Ihre Augen leuchteten noch immer, und noch immer hielt er ihre Hand, gerettet. »Morgen kommen Sie zum Tee, dann reden wir von Weislingen und musizieren ein wenig, wie?« Ihre Stimme klang tief und schwingend, wie er sie noch nie gehört hatte, und er drückte die geliebte Hand. »Ja,« sagte er glücklich.


Das dreizehnte Blatt

»Glaube nur, kleine Claudia, daß man dich nicht hinauswerfen wird, mit deinem hübschen Kissen,« sagte mein »Verlobter« und lächelte über meine zögernd hervorgebrachten Besorgnisse. »Wir sind Klaus Manth angenehm, wir beiden.« »Hast du mit ihm telefoniert?« fragte ich aber mißtrauend, und stieg nicht eher in unser blaues Automobil, diesen beräderten Briefkasten, bis Walter mir eine feierlich ernste Versicherung darüber abgegeben hatte.