Ich war recht gut gelaunt, offenbar, aber unterhalb meiner Heiterkeit zitterte ganz leise und erregend diese Unsicherheit: war es nicht doch allzu bürgerlich, dem Künstler, der mich gemalt hatte, etwas Selbstgefertigtes zum Geburtstag zu schenken, mit ausdrücklichem Besuche? Nun geschah das, es war nicht naiv, sondern wohlüberlegt, und war darum wieder möglich, außerdem pflege ich sehr die Sitte, die einen anständig entfernten Umgang mit angenehmen Menschen gestattet, und schließlich scheint es mir nötig, meinen allzu männlichen Intellekt durch eine gewisse unvernünftige Mädchenhaftigkeit wieder gut zu machen; aber ging das nicht allzu weit? Ich hatte Bedenken.
Nun, dann saß ich trotzdem ziemlich ruhig neben Walter und fand den Weg wundervoll: eine breite und ebene Straße führte uns eilig zu dem kleinen See, an dem der Maler inmitten schöner Villen sein einsiedlerisches Häuschen gemietet hatte. Über den bepelzten Rücken des Chauffeurs hinweg und durch eine dicke Glaswand fand mein Blick den Wald, diese hohen Buchen, deren Stämme grünlich wie alte Bronze und in einem klaren Rhythmus emporstiegen zu ihrem Dach aus kupferfarbenen und goldenen Blattmassen. Die Sonne ließ es leuchten, die überströmende Sonne unserer Herbstnachmittage, und die Lücken der Wipfel faßten überall Stücke des Himmels ein wie zersplitterte Teile eines Edelsteins von unaussprechlich tiefem und feurigem Blau. Erstaunlich, wie glücklich die Gegenwart solcher Natur machen kann, wenn man sich nicht mehr zu sehnen braucht, wenn man einen Menschen gefunden hat, mit dem man versuchen will, auf lange auszuhalten, wenn dieser Mensch neben einem sitzt. Und dabei kann man eine ganz gefaßte Miene bewahren. Ich atmete mit Übermut die Luft dieses Tages, diese Waldluft mit den strengen Gerüchen und wilden Düften verwesender Blätter; über die niedergelassenen Scheiben hinweg drang sie im Fluge zu mir. Zu beiden Seiten des Fahrzeuges aber teilte sich der Wald und wich in strömender Schnelle wie ein Fluß zurück, dem ein scharfer Bug entgegenstrebt. Dann und wann gab unsere Hupe ein tiefes und singendes Signal aus ihrem metallenen Munde, und das zarte Schwirren des Wagens dauerte wie die Stille selbst, ununterbrochen und gegenwärtig … Man ist doch sehr undankbar: kaum genießt man, so ist man glücklich, und kaum lebt man in diesem Glück, so wird das Genossene sanft in den Hintergrund gedrängt und über anderen Seelendingen vergessen, bis es sich durch nachdrückliche Veränderung wieder meldet. Gegen solche innere Willkür bin ich machtlos, schäme mich ihrer nicht einmal. Und so stand plötzlich vor meinem inneren Gesicht die schlanke Göttin, Aphrodite mit segnend geweiteten Armen über einem Kranze von Menschen schwebend, die sich nackt lieben.
Da war es, das dreizehnte Blatt aus Klaus Manths unvergänglich radiertem Zyklus »der Künstler und das Leben,« das letzte, das schönste jener Folge von Blättern, die den Namen des bisher Unbekannten mit einem Schlage zu denen reihte, die das Höchste versprechen; und zu der Alexander Sirmisch dreizehn Sonette geschrieben hatte, vollkommene Gedichte, und das Reifste, was diesem empfindlichen und kunstvollen Lyriker bis dahin gelungen war. Als ich neunzehn Jahre alt wurde, hatte mir meine Mutter jene Mappe gebracht: eine Aufrüttelung – und von diesem Geburtstage an war Klaus Manth jemand, der mir immer blieb, wenn mich auch Augenblicke und Abenteuer oft weithin entführen mochten; und als man ihn eines Tages in unser Haus brachte, spannte mich die Erregung Stunden vorher bis zu jenem Druck auf dem Herzen, der immer da ist, wenn ich ein Ereignis bestehen soll. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihn mir damals vorstellte, denn sein vertrautes Aussehen hat die Erinnerung längst aufgesogen – streng und ungeheuerlich irgendwie … Und dann lachte es in mir enttäuscht, erlösend und spöttisch, schärfer als jetzt im Darandenken, da ein kleiner blonder und mit Sommersprossen bedeckter Mann sich vor uns verbeugte und sehen ließ, daß nicht nur seine Stirn vor Kahlheit hoch war, sondern daß er auch auf dem Scheitel wenig Haar hatte. Trotzdem blieb sein Werk, was es mir bedeutet hatte, und ich sah so oft ich wollte und ebenso jetzt die leidenschaftlichen Umrisse seiner nackten Menschen und den tiefbraunen und lichtgoldenen Sammet der Radierungen; und hörte auf zu lächeln.
Walter hatte mich wohl an seinen Gläsern vorbei mit einem seitlichen Blick beobachtet, erheiterte sich über mich und forderte eine Beichte. Ich erzählte, – denn ich bin glücklich, daß ihm auch das geringste an mir nicht entgeht, – und wir sprachen bald von der anderen frühen Leistung Klaus Manths, dem vortrefflichen Bildnis seines großen Lehrers, des Professors von Nottebohm, jenem strengen und zärtlichen Greisenbild in silbernem Grau, lichtem Grün und Schwarz, das in Zeichnung und Haltung einem alten Meister glich, ohne im mindesten zu altertümeln, und das sogleich verkauft wurde. Von den Bildern kamen wir alsbald zu den Menschen, und nichts war daran wunderlich; war doch der alte Mann vor wenigen Monaten gestorben, und wußten wir doch, daß er nie erfahren oder erraten konnte, warum sein Schüler Manth, auf offenbar unhöfliche Art, ihn nach der Vollendung des Bildes nicht mehr aufgesucht, niemals ihn auch nur gesprochen hatte, ja ihm ganz augenscheinlich aus dem Wege gegangen war, wo immer die beiden sich hatten treffen können. Auch wir wußten nichts darüber, kein Mensch, ja nicht einmal eine Zeitung. Und wir plauderten noch an diesen Dingen – denn dafür bin ich eine Frau, das Menschliche ist mir nun einmal von einer gewissen Entfernung aus lieb zu erörtern, wenn ich auch zugeben muß, daß diese Neigung, minder vergeistigt, einfach Klatsch heißt – als sich plötzlich vorn im Walde ein heller Riß zeigte, sich erweiterte, aufklaffte und den unendlichen Himmel, den purpurnen und schwarzgrünen Kranz der Wälder und den See darbot, tiefblau, langgestreckt und von einem leichten Winde wellig erregt. Der Wagen schlüpfte, während mir das Herz vor Lust schlug, entlang den See, ein wenig abwärts, glitt in eine Straße hinein und hielt vor einem hellen Hause mit vielgestaltigem, herabgezogenem Dach, das scharlachen leuchtete und mit seinem roten Feuer unvergeßlich vor dem blauen Glanz beider, des Himmels und des Sees, sich erhob. Es war im Oktober, gegen halb fünf, als wir die gelben Steinstufen emporstiegen; man hatte uns erwartet, die Tür öffnete sich ohne Laut, und oben, auf dem Absatz der kurzen dunklen Treppe stand Klaus Manth.
Er hielt uns die winzigen Hände entgegen, mit der lockeren Haltung der dünnen und kurzen Finger, die ihm eignet, und lächelte sanft aus freundlichen Gefühlen, oder weil ich unter dem Arm eifrig mein großes Paket hielt, das Kissen, das mir Walter nicht hatte nehmen dürfen. Er war sorgfältig gekleidet, und ich hatte ihn gern darum; ich werde nie aufhören, auch an Herren die Kleidung auf Kultur hin spottsüchtig abzuschätzen. Sieh sieh, dachte ich im Hinaufsteigen, man putzt sich auch hier, wenn man zufällig Geburtstag hat, und stiehlt seiner Arbeit einen ganzen Tag! das ist ein wenig lächerlich und sehr angenehm; denn sein Anzug gab sich leicht feierlich: die kleine und magere Gestalt war in ein weitgeschweiftes und langes schwarzes Jackett gehüllt, aus der gleichfalls schwarzen Weste erhob sich ein taubenblauer Schlips, von einer Perle gehalten, und über den halbhohen doppelten Kragen hin blickte mit ernsten grauen Augen sein gerötetes Gesicht, gelb betupft von Sommersprossen. Er begrüßte uns mit der leisen tiefen Stimme, die seine kleinen Lippen wenig bewegt, wir hängten unsere Überkleider ab, und nachdem ich mich am Spiegel davon überzeugt hatte, daß mein helles, lilafarbenes Kleid, dessen Sammet grau schimmerte, nicht übel zu meinem leider gelblichen Halse und ganz schwarzen Haaren passe – um wieviel reine Freude bringt sich, wer nicht eitel! – ließen wir uns, Walter und ich, in den braunen Sesseln eines ernsthaften Zimmers nieder, das ganz von einem weiten bräunlichen Teppich gefärbt wurde. Man hatte geheizt, Walters Glas lief an, bedeckte sich mit einem undurchsichtigen feuchten Hauch und machte ihn blind und seine Bewegung unsicher – und den innigen Übermut, mit dem ich ihm beim Abwischen zusah, diesen Augenblick eines kurzen heißen Glücks, würde er ihn verstehen? Wußte er, daß wir Mädchen, die wir unsere Gatten unbedingt überlegen wollen, geistig und seelisch überlegen und verläßlich, solche kleine Schwächen und Unvollkommenheiten zärtlich an ihnen lieben, weil wir sie daran ein bißchen beugen können und unsere schwatzhaften Zungen daran neckend wetzen? Unterdessen packte Manth, vor Geniertheit fast ungeschickt, doch gewisserweise auch mit froher Neugierde mein Kissen aus, das ich für diesen Raum gedacht und entworfen hatte: auf leuchtend brauner Rohseide rundete sich, gebildet aus fantastisch reichem Ornamentwerk zarter Kurven ein stahlblauer Kranz, rhythmisch gegliedert, auf ein Zentrum bezogen und in Kurbelstickerei ausgeführt. Es war ein ziemlich gelungener Entwurf, gewissenhaft durchgearbeitet, unverworren und logisch bei allem Reichtum und von einer sorgfältigen Stickerin ausgeführt. Gefiel es ihm? Ja, schien es; er dankte lebhaft und sah fast gerührt aus; aber er hielt das Kissen auf den flachen Händen, wie Männer kleine Kinder halten oder sonst etwas, womit sie durchaus nichts anzufangen wissen, und ich fühlte augenblicklich Mitleid mit dem hübschen Ding, als könnte es merken, wie unangebracht es sich hier befand. Die schön gebundenen Bände von Taines Origines de la France contemporaine, die Walter – was kann ein Gelehrter besseres geben als Wissen in Anmut? – ihm reichte, entsprachen ihm weit mehr; der Beschenkte gestand, sich wie ein Kind vorzukommen, das man gern hat.
Darauf fragte er mich, sehr unsicher und sehr niedlich, ob ich wohl die Teebereitung übernähme. Ich tat es natürlich. Von einer Frau, die mit Leidenschaft Plato liest, verlangen die Männer häusliche Tugend und Grazie, und mit Recht; dafür verzeihen sie einem alle Klugheit; aber eine Studentin, die nicht Eier sieden kann – ich habe solche Bekanntschaften – ist ganz umsonst gescheit. Während ich mit der Teebüchse und dem elektrischen Kocher hantierte, meinte ich belustigt zu mir: wenn du nicht so faul wärest, Mensch! Du müßtest lebhaft, teilnehmend, heiter sein, das kleine Mädchen machen, dich hierhin und dorthin drehen, miauen, kokett sein, Blicke, Mienen, Launen haben. Das kitzelt die Männer und wärmt ihnen das Herz, das wollen sie, dann sind sie glücklich, und du giltst, vorausgesetzt, daß du nicht in Albernheit verfällst. Redest du sachlich, so messen sie dich mit männlichen Maßen und achten dich bestenfalls einem halbwegs gescheiten Jungen gleich … Hier merkte ich mir plötzlich den Fehler meiner Unaufmerksamkeit an und beeilte mich, zuzuhören. Ich staunte – aber staunen ist schwach gesagt –. Die beiden sprachen vom Kunstgewerbe, welches uns in neuerer Zeit mit schönen Dingen überschüttet. War es eigentlich verwunderlich, daß ein Pfleger so strenger und abweisender Kunst wie Klaus Manth mit gelassenen und ironischen Worten von diesen »Künstlern« der Töpfe und Oberflächen sprach, die die ernsthaften Flächen des Lebens mit ihren Schnörkeln verkleinerten? Daß er sie allen Geistes bar fand und das Wort »Kunst« auf sie nur ironisch anwandte? Offenbar nicht; und doch hatte ich das gerade jetzt nicht für möglich gehalten. Es war kindisch, zugegeben, und ich wußte, er sprach von den berufsmäßigen Verfertigern, aber es tat mir weh, es erbitterte mich, es schien mir unhöflich zu sein und taktlos, da ich doch nun einmal mein bißchen Geschmack und Formfreude daran wendete … Ich hielt natürlich an mich; auch fand ich, er müsse irgendwie gereizt sein – und plötzlich sagte ihm Walter, daß seine Reden schärfer und unruhiger klängen als sonst, und worüber er erregt sei?
Ich stimmte vorsichtig zu.
Er, der mit kleinen Schritten auf und ab gegangen war, blieb brüsk stehen und rief: »Erregt! Aber ich habe heute fünfunddreißig Jahre, und überdachte mein Leben, das nun halb vergangen ist! Ja, ich bin erregt, denn die Jahre, die hinter mir liegen, sind die Zeit, in der die andern leben, unvernünftig sind, glücklich sind! Und was hatte ich von ihnen?«
Ich beugte mich über das kochende Wasser, entzog dem blanken Topf den elektrischen Strom und goß einen dampfenden Strahl auf die schwärzlichen Teeblätter, scheinbar vertieft ins Zuschaun, wie sie sich sogleich erweichend aufrollten, zur Essenz. Ich hüllte mich in diese Abwesenheit wie in ein verborgenes Tuch, zog mich zurück in mich und lehnte es ab, ihm zu folgen. Habe ich eine seelische Witterung? Ich fühlte mit Verwirrung, hier verbirgt sich etwas Verbotenes, bricht gar schon hervor … Indessen sagte Walter mit warmem Ton, der mir zu Herzen ging: »Und die Jahre, die kommen? Lieber Manth, welch ein Leben wartet Ihrer noch!«
Liebling! dachte ich … Und erschrak, wie der andere fast zornig entgegnete: »Leben? Kunst, Doktor. Kunst, und darüber wollen wir nicht reden. Arbeit und neunzig verschiedene Qualen und Quälereien und wieder Arbeit. Davon wollen wir lieber schweigen. Dergleichen vorbringen und aus solchen Dingen Sätze machen dürfen nur Literaten, ich meine Dichter. Unser Freund Sirmisch hat es ja für uns getan. Die Zukunft, Lieber, wollen wir aus der Rede lassen – zumal mich, Sie sehen ja, das Vergangene nicht freigibt« … Er sprach nicht viel lauter als gewöhnlich, aber jedes Wort schien mit Kraft zum Hervorbrechen gesättigt zu sein und sie zu gebrauchen. Auf die Gefahr hin, albern zu erscheinen, mischte ich mich ein. Man mußte ohne Pause ins Leichte überlenken, ihn mißverstehen – dann wird er dich für eine Pute halten und schweigen. Ich benutzte natürlich das Gespräch im Auto; und in bewunderndem Ton: »Ach ja, Ihre Vergangenheit! Ich glaube wohl, daß die bei Ihnen bleibt! Haben wir nicht vorhin erst an Ihre Anfänge gedacht – wie, Walter? an Nottebohms Bild und an Ihre, sagen wir, nicht unbeträchtlichen Radierungen vom Leben? Wenn ich von Musik absehe – Gemaltes oder Gezeichnetes gab mir noch nie so viel Genuß.« Walter stimmte eifrig bei. Half es? – Wenn ich das Folgende hätte ahnen können, ich hätte um keinen Preis oder Schatz von diesen Blättern gesprochen. Manth tat drei, vier hastige Schritte auf mich zu und sprach so dicht an mir, daß ich mich ein wenig rückbeugte – ich mochte ihn nicht so nahe haben –