»Also noch nicht vergessen. Acht Jahre Arbeit liegen zwischen damals und heut, acht fleißige Jahre. Und noch ist nichts vergessen, nicht das Bild und nicht die Mappe.« Walters Augen begegneten meinen; es erklang in uns beiden die gleiche staunende Frage. Die Hand unseres Wirtes glitt über die Stirne bis zur Schläfe, als verjage sie ein Insekt. »Ich habe nichts getan als gearbeitet. Ich habe ein Leben geführt, das nur die Kunst wollte, streng, keusch, ausschließlich, und bin vorwärts gekommen. Habe meine Form in die Welt hineingesehen und gebildet nur in ihr. Sagen sie nicht, daß die Schönheit meiner Werke stets unzugänglicher wird, ihre düstere Herbheit den Bequemen immer fremdartiger, ihr strenger Umriß erdrückend? Aber sie beschimpfen mich ja darum. Und nichts ist stark und groß genug, um das Erinnern meiner Schmach, die Denkmale meiner Schande zu vertilgen: jene Mappe, dieses Bild.« – Ich riet mir: jetzt stehst du auf und fährst heim. Aber das ging ja nicht. Ich hatte nun sitzen zu bleiben und diese Stunde über mich kommen zu lassen – eine dieser beschämenden Stunden voller Pein und Widrigkeit, die allzutief und schonungslos in einen Menschen hineinleiten. Das Menschliche ehrfürchtig lieben und vor Offenbarungen schaudern – kann man denn das? Was würde der Mann aufhüllen, der dort so leise und leidenschaftlich redete? Ich hatte Angst. Von Walter kam mir keine Hilfe; er rührte Zucker in seinen Tee und sah nicht auf, ich wußte nicht, was in ihm geschah, ob er erschüttert war oder verlegen. Aber Manth wandte sich gegen mich: »Und diese Mappe, Claudia Eggeling, die Sie so sehr lieben: kennen Sie sie denn?« Distanz! gebot es in mir: »Ich denke wohl, Herr Manth, daß ich sie kenne.« Schweigen war geboten, es ziemte sich, ich wollte es – aber was geschah? Wider meinen Willen redete ich weiter! Ich errötete vor Beschämung, die meinen Stolz ätzend zerfraß – aber ich sagte trotzdem jene Bilder bei ihren Inhalten her wie ein Schulmädel: das Kind, umgeben von den wunderbaren Geschöpfen seiner spielenden Fantasie, den erschreckenden Blumen, Menschen aus einem Holze und Äpfel, die die Gesichter von Widdern hatten; den Knaben, der die formerfüllte Welt durch das quadratische Gitter seiner Schulung begreifen soll; den Knaben, der Jüngling wird, vom Sturm seiner Sehnsucht zu den Wurzeln uralter Bäume hingeschleudert, die er mit Tränen netzt. Und dann die ungeheure Verwunderung dessen, der zu sehen beginnt und auf den die Landschaft einstürmt als wären seine Augen Strudel, alles in sich zu reißen; und dann die Berührung des Mädchens … Hier unterbrach er mich und sagte hastig, geschäftlich und scharf: »Und dann das Nachbilden, und die Versuchung durch die ehemaligen Formen in Gestalt von Frauen, die heilige Embleme, Tiere und Geräte darbieten, und die Empörung der Leidenschaft, und die Qual des Erlebens, und das unzugängliche Dasein: Menschen, die ihre Gesichter an einer Glaswand flachdrücken, hinter der die Welt beginnt, Menschen, die einander durch Tücher zu küssen suchen; und die Entblößung des Innersten, dargestellt durch das Symbol der Gebärerin umgeben von Männern, und die Grausamkeit gegen den eigenen Leib, und …« Aber das letzte Bild, das dreizehnte Blatt, vermochte ich nicht von dieser gehässigen Stimme aussprechen zu lassen, sondern rief sehr warm: »Und am Ende dennoch Aphrodite, die Erhabene, mit segnend geweiteten Händen und mit den Augen lächelnd über einem Kranze von Menschen schwebend, die sich nackt lieben!« – »Ja,« sagte er, »ja; Aphrodite. Kommen Sie mit, kommen Sie, ich zeige sie Ihnen …« und indem er Walter bei der Hand nahm, der über meine Lage vorhin still gelacht hatte – »vor Verlegenheit wurdest du rot,« scherzte er später einmal – zog er ihn zur Schwelle, und so unwiderstehlich waren Wort und Geste, daß wir ihm folgten, der eilig voranfuhr, durch viele Türen und mehrere Zimmer, eine schraubenförmige Eisentreppe hinauf – was wird denn? er ist doch nicht etwa toll? – und einen kurzen geweißten Gang entlang. Da standen wir, in einem hohen, langen und kahlen Raume, mit hellen Wänden und einem ungeheuren Fenster nach dem See, an der Arbeitsstätte, im Atelier. »Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie,« und schob ein schräges Pult ans Fenster, lief, indessen wir, fassungslos verwirrt und zerquält von Spannung, um uns irgendwie abzulenken, ohne Freude auf den unbeschreiblich zerfließenden Himmel und den farbentaumelnden See blickten, deren Bläue, Röte von goldenen und errötenden Wolken und ihrem Widerschein verklärt wurden, kam mit der Mappe zurück und legte sie aufgeschlagen auf die schwarz gebeizte Fläche. Noch vom Fenster her erfaßte ich die Verschlingung der heroischen und strengen Gestalten, deren herbe Linien und düstere Gewalt die Sinnlichkeit des Werkes heiligen, und darüber, als Herz der Ordnung und Betrachtung, den selig schwebenden Leib der Göttin. Es ist herrlich, aber warum zeigt er uns das jetzt und so … außer sich? Das dachte ich, beugte mich näher und erkannte: das war Christus. Nicht Aphrodite, Christus. Nicht der lächelnde Segen einer Göttin, sondern die den Augen dargebotenen Wundmale der Hände, in der Art des Kreuzes ausgebreitet; die Stirn ohne die furchtbare Krone, aber bedeckt mit den Löchern und Gruben, die die Dornen hinterlassen. In seinen Augen las ich einen entsetzlichen Ernst. Sein Leib leuchtete von heiligem Lichte. Er war noch jung; er war Gottes Sohn.
»Es ist der Gekreuzigte,« sagte Klaus Manth mit einer Stimme, die uns beide aufschauen ließ: aus ihr und aus seinen Augen drohte ein ähnlich erzenes Urteil wie aus den Augen des Gottes. Dann wandte er sich ab, trat an die Scheiben und schlug zwei prasselnde Wirbel mit den Fingerspitzen. Darauf schwieg alles eine geraume Weile, wie die Stille nach einem äußersten Tumult, der um uns losgebrochen und jäh verstummt sei und nur noch in mir weiter tobe: durcheinander taumelten wie nach rasender Drehung Erschütterung und Schreck, die Überraschung und die Gewalt des vertauschten Werks, und das nachträgliche Wahrnehmen vermummter Tragik, als höre einer, das beschneite Feld, das er eben überschritten, sei der gefrorene See. Walter und ich sahen starr auf das Blatt; er flüsterte endlich: »Das gibt dem Werk einen neuen Sinn.« »Einen schweren, ganz anderen Sinn,« sagte ich, heftig atmend. Was war unterhalb des Tausches vorgegangen: Bekehrung? Unmöglich. Lüge? Hohn? Wir schwiegen wieder; da sagte der am Fenster: »Ich erzähle.« Ich wußte noch nicht, ob die Begierde in mir stärker war oder eine erbebende Furcht, da begann er schon, stehend, während ich auf einem Schemel hockte, das Gesicht dem rosigen Himmel zugekehrt, und Walter hinter mir an das Pult gelehnt empfand:
»Ich wuchs in bequemen Verhältnissen auf, gleichgültig wo, am Harze, in einer alten Bischofsstadt. In meinem vierzehnten Jahre legte man in einem Berliner Vorort eine Straße anders, als vorher wahrscheinlich gewesen; das hatte zur Folge, daß wir in eine andere Stadt ziehen mußten, nach Schlesien, denn mein Vater hatte alles Geld verloren. Dafür haßte ich ihn von Herzen, und dabei blieb's zwischen uns, denn er liebte niemand außer sich selbst. Mein Talent fiel in der Schule auf; man ließ mich das »Einjährige« machen und schickte mich auf die Kunstschule nach Breslau. Provinz, Sie verstehen. Nach drei Jahren war ich ein fanatisches Kunstwesen und weigerte mich, Zeichenlehrer zu werden. Man entzog mir allen Zuschuß, strich mich sozusagen aus und ließ mich auf meinen Weg. Ich begann zu arbeiten, zu lernen und, in Berlin, Paris und wieder in Berlin, zu hungern. Man versteht das in den Mansarden von Friedenau oder Charlottenburg ebensogut wie auf Montmartre; man stiehlt hier wie dort Früchte, borgt Heringe und Tabak, übernachtet wohl auch in Wäldern und öffentlichen Gärten, macht alle Arbeit, die man bekommt und legt auf alles das keinerlei Akzente. Man hat Kameraden und teilt mit ihnen das wenige Geld und den großen Enthusiasmus. All das ist nichts; schlimm hat mans nur als Maler, wenn man weder Farbe noch Leinwand kaufen kann, und das war oft, denn das Handwerk ist teuer. Der Musiker findet überall ein Klavier, nicht wahr. Der Literat bekommt Tinte in seinem Kaffeehaus – unsereiner aber ist übel dran. Nun, in solchen Tagen entdeckt man den Tonwert grauen Packpapiers und den Reichtum der Nuancen von Schreibtinte. Gleichviel, ich arbeitete. Und wenn ich von der billigen Graphik für einen Verlag oder von Malstunden bei Bürgerfrauen kam, entwarf und bekämpfte ich die Erscheinungen, die sich zu Kompositionen und einer bedeutungsvollen Blätterfolge fügen sollten: ich heftete die ersten Zeichnungen, die den Künstler gegen das Leben stellten, an meine kahlen Wände.«
Der Erzähler schwieg, und ich hob die Augen zu ihm auf: er stand vor dem hellgrünen Nordhimmel des Fensterbogens als ein schwarz gefüllter Umriß, nichts war von seinem Gesicht zu sehen; schon fiel herbstliche Dämmerung. Nun, meine Miene war geübt ein still horchendes Mädchen darzustellen – und wenn das halbhelle Licht auch mein Gesicht herausholte aus dem Dunkel, er würde dennoch nicht gespiegelt finden, was ich bei dieser Erzählung fühlte: Langeweile und Widerwillen, viel Widerwillen … und ich atmete spöttisch aus. Entblößen Sie sich nur, mein Herr, dachte ich, mich für meine Person entdecken Sie nicht … Vielleicht legen Sie uns auch noch dar, wie Sie sich mit Frauen verhielten? – Er sprach weiter:
»Klagte ich? Ich hatte anderes zu erledigen. Die Leiden des Hungers und der Entbehrungen, die schlechte Kleidung und aller Mangel an den Erleichterungen, die man heute für den arbeitenden Geist geschaffen hat, damit sein Körper in Verfeinerung und Behagen ruhen und sich stärken könne, all das und selbst die häßlichen und niedrigen Gefühle, die mir der Anblick des Reichtums und Überflusses manchmal eingab, und für die ich mich mit Reue und Qual strafte – alles das war nichts Allzuschweres. Ich hatte noch die Kunst, der ich diente, den Weg, an den ich glaubte, und das stachelnde Wissen um meine Unfertigkeit. Aber ich – und nicht wahr, man ist so, manchmal bedauert man das? – ich war nie nur Träger einer Leitung gewesen, die vom Ding zum Auge und durch die Hand zum Pinsel führte; ich dachte, ich fühlte, ich stritt und litt. Unsereinem ist nicht gegeben, die Auswahl dessen, was von den Dingen in Umrissen und Farben auf die weiße Fläche kommen darf, dem Unbewußten zu lassen. Es scheint da drei Stufen zu geben, soviel ich sehe; oben die Inspirierten, denen alles ohne Intellekt gelingt, wie man von Raffael sagt – ich habe Bedenken dagegen, ich glaube nicht daran, in Klammern – in der Mitte quält sich unsereins und unten pinselt das fröhliche Handwerk. Nun, meine Stelle war mir gegeben: ich wählte, und nach den Gesetzen meines Geistes formte ich um, wog ab, ordnete an. Solche Gesetze bleiben unverändert, wo auch immer man anbeten mag; mich führten sie auf einem Passionswege vorwärts, auf einer Straße der Leiden, und dies sind ihre Stationen: mit zweiundzwanzig Cézanne und Van Gogh, mit vierundzwanzig Gauguin, mit achtundzwanzig: Signorelli, Puvis, Feuerbach, Marées – natürlich nur dem Standpunkt nach, nicht etwa kopierend – wo man anlangt, gestoßen von der Sehnsucht nach dem großen und adligen Ausdruck eigener Gefühle, eigener Welt: in einem Reich, in dem jede Absicht zum weiten Rhythmus wird, zur herben und starken Schönheit, zur sachlichsten Form. Ich fand meinen Ausdruck und meinen Stil, und sah, auch das Streben der Zeit hieß Sammlung, Formung, Festigung. Von diesem ganzen Wege aber, von der steten Qual dieser sechs Jahre gaben die Zeichnungen zu meinem Zyklus Zeugnis, die immer und immer wieder umgeschmolzen wurden, wenn ich so sagen darf. Von manchem Blatt habe ich fünf, sechs fertige Entwürfe« – wie eitel seine Stimme klang, eitel auf Fleiß und Mühe! – »Da starb plötzlich und zu rechter Zeit mein Vater, ohne Vorbereitung und ohne daß er mich hatte ›enterben‹ können, und meine Mutter gab mir von dem wenigen, was ihr blieb, eine kleine monatliche Unterstützung. Einiges verdiente ich mit Arbeit, die ich nicht signierte, und so richtete ich mich auf ein sicheres und einfaches Leben ein; zuerst aber kaufte ich Kupferplatten, Firnis, Säure und Nadeln, und begann, meine Zeichnungen in der letzten, sinnvollen, ganz durchdachten Form zu radieren; denn daß es Radierungen sein würden, war mir von Anfang an Gewißheit gewesen. Als ich die dreizehnte Platte aus der Säure hob, erkannte ich, daß die beiden ersten mißlungen waren. Ich wiederholte sie, nahm dann eines Tages das Ganze und trug es zu Nottebohm, meinem ehemaligen Lehrer, der mich gern zu sehen schien und den ich seiner noblen Seele wegen sehr verehrte. Er freute sich meines Erscheinens, besah die Platten, wurde ernst, betrachtete mich und erbot sich, mir zum Druck zu verhelfen – denn die Presse und dergleichen konnte ich mir nicht kaufen. Damit erfüllte er die Absicht meines Besuches. Ich war sehr glücklich; ich druckte in seinem Atelier und hielt eines Tages die ersten Bilder in den zitternden Fingern. Ich sah: da hatte ich etwas gemacht.«
Gemacht, sagte er, und ein ungenierter Stolz verbarg sich in dem gesucht schlichten Worte. Es wirkte auf mich so überaus peinlich, daß ich völlig vergaß, wovon er es sagte, von meinen liebsten Blättern. Ich richtete mich ein wenig empor und sandte durch die dunkelnde Luft einen dringlichen Blick empor zu Walters Gesicht. Aber er nahm meine Hand, drückte sie sanft und ich verstand, was er sagen wollte: Ruhig, Liebling, es vergeht schon. Der Maler verschwand vom Fenster, wich mit unhörbaren Schritten seitwärts ins Dunkle der Wand, ließ sich in irgendeinen Stuhl nieder und begann unsichtbar, mit seiner leisen Stimme:
»Eines Tages auch, bald nachher, erhielt ich einen Brief des großen Kunstverlegers Dr. Venediger: er habe von autoritativer Seite reiches Lob über eine Reihe meiner Radierungen gehört und er werde sich freuen, sie einmal zu sehen. Er erwarte mich, und so fort. Ich lege sie ihm vor, er ist entzückt. Aus seinen Worten ging hervor, daß er wirklich verstand, was er lobte; auf ahs und ohs wäre ich nicht hineingefallen; druntendurch kann man immer denken: hol den Kerl der Deubel. Rhythmus und Bändigung der Gestalten, Verteilung und Abstufung des Dunkels und jeder Helligkeit, die gegliederte Fläche und die strenge Anordnung – es gab keinen ästhetischen Wert, den er nicht gespürt hätte, und jedes Blatt vertiefte sein Erstaunen. Er machte förmlich in Begeisterung. Nun, nicht wahr, man ist jung und unverwöhnt – ich genoß diese Augenblicke; sie waren süß für manches bittere Jahr. Wenn er alle gesehen hat, wird er auch den Sinn verstehen, dachte ich und reichte ihm das dreizehnte Blatt. Er betrachtete es, lange, schweigend, dann fragte er, ob ich das zwölf oder zwanzig Menschen sehen lassen wolle oder jedermann? Ich wunderte mich und meinte, jedermann, der mich fühle, und sogleich entgegnete er, dann sei dieses Bild unmöglich, »es ist herrlich, es ist vielleicht das schönste; aber es ist Blasphemie.« Und während in mir ein ungeheures Staunen erstarrte, fuhr er fort, mir einen ganz großen Erfolg zu versprechen, wenn ich mich entschließen könnte, es umzuarbeiten; wenn ich den Heiland durch irgendeine Figur ersetzte. Dann begann ich zu sprechen« – er lachte kurz und scharf – »empört und begeistert. Aber das ist ja fromm! schrie ich. Ich legte ihm den Inhalt des Blattes dar, das Sinnbild alles Leidens als das Zeichen des wissenden Künstlers über denen, die da blind geben und nehmen, die den Trieben folgen, über dem Leben; ich sprach von dem Gedanken des ganzen Werks, der in diesem Bilde zusammengefaßt und verstärkt brannte – er verstand nichts davon. Er sah nur Radierungen eines neuen und strengen Stils, und bot mir für das ganze Werk von vornherein dreitausend Mark; doch sei ein Entschluß auf der Stelle keineswegs vonnöten.
Als ich die Treppe hinabging, war ich ganz in Aufruhr und Hitze; als ich in meiner Werkstatt saß, konnte ich schon ruhig sagen: der Mann meint es ganz gut und hat für sich ganz Recht – nur nicht für mich; und ich hielt die Angelegenheit für erledigt, begraben, abgelehnt. Aber sehen Sie, in der Schlaflosigkeit einer ganzen langen und heißen Sommernacht, während die Sterne an meinem offenen Fenster vorüberzogen, erlitt ich die erste und vollkommenste Niederlage meines Lebens. Gegen wen? gegen das Geld. Freilich gut verkleidet, aber schließlich doch erkennbar kam es, in allen Formen, mit allen Waffen: bessere Daseinsarten zeigten sich, Ruhm für mich und höhere Ehre der Kunst dieser Zeit, eine Bereicherung des Lebens, eine Vermehrung des Erhobenseins vieler Seelen und die Möglichkeit zukünftiger Werke, stärker, fruchtbarer, inbrünstiger, weil ohne Ablenkung und Darben hervorgebracht; denn nicht wahr, es ist ein infamer Unsinn, erfunden um die Teilnahmslosigkeit der Bürger zu beschönigen, daß Entbehrung dem Künstler beim Schaffen helfe. Was war dafür zu opfern? Eine Gestalt, nicht einmal eine Komposition; denn irgendeine andere konnte dort die Hände ausbreiten, mit ebensogroßen Augen und einem gleichleuchtenden Körper, ein Knabe oder ein Weib, Eros oder Aphrodite; nur eine Chimäre war zu opfern, nichts, was man sah, ein Sinn – eine Wahrheit: die Wahrheit von zehn Jahren, die Erkenntnis einer ganzen der Kunst dargebrachtes Jugend. Bis zu diesem Augenblick war mir das Geld nichts gewesen, ein Mittel, das man benutzt um zu leben, etwas, ohne das es ein wenig schwerer, aber schließlich dennoch abgeht. Ich hatte es nicht verachtet, denn ich hatte es nie bemerkt. Nun kam es und warf mich um, meine ganze Existenz; und als ich am Morgen mich anschickte, ein wenig zu schlafen, sagte ich mir mit Bitterkeit, daß der Arme keine Seele haben dürfe, und daß Vornehmheit ohne Geld eine Art verbrecherischer Lächerlichkeit bedeute.
Ich wiederholte unterdessen fortwährend und haßvoll im Hören diese Worte: »Redner, schamloser, geschminkter Redner, der sich ausstellt!« Ich verlor innen meine Manieren, ich sank selbst angesichts dieser Niedrigkeit …
Als ich gegen Mittag erwachte, fühlte ich mich ein wenig ruhiger und eilte zu Nottebohm, um meinen Lehrer, den alten Erfahrenen, der so sehr Künstler war, richten zu machen. Ich hoffte in meinem Herzen, daß er mich strafen werde, und suchte auf dem Wege die Worte vorwegzukosten, mit denen er meinen Verrat züchtigen sollte. Aber er, der vornehme Mensch, der empfindliche und verletzliche Geist, der diskrete Künstler, dessen zarte Landschaften in ihren lichten und verschleierten Farben, ihrem gedämpften Grün, lichtem Himmel und vielem hellem Grau und Blaßgelb mir immer als ein rechtes Abbild seiner Seele wert gewesen waren: auch er hatte den Gottessohn als »ein wenig unangebracht« empfunden, er staunte, daß ich schwanken konnte, lobte sehr den Einfall, Aphrodite über den Liebenden schweben zu lassen – und als ich wieder in meinem Raume stand, vor meinen Skizzen und Fragmenten, da rückte ich den Tisch ans Fenster, stellte die alte geätzte und mit Schwärze beriebene Kupfertafel des dreizehnten Blattes schräg vor mich hin, und begann eine neue glänzende Platte mit Linien zu bedecken, kalt vor Aufmerksamkeit und mit totem Innern. Ich verbesserte zwei vorher verzeichnete Hände, und an dem Platz des Erleidenden in der Mitte des Bildes lächelte Aphrodite mit segnenden Armen, Ihre Aphrodite, Claudia.