Was nun noch? Ich malte Nottebohms Bildnis – ich war ihm doch zu Danke verpflichtet, nicht wahr – zärtlich wie einen Abschied; langsam, eindringlich, verzehrend, schwer scheidend. Es sollte ihm gehören, aber Sie wissen, daß ers schließlich nicht annahm – es sei zu gut geworden und ich sollte es verkaufen – und sich mit den Studien dafür begnügte.

Hätte ich damals eine böse Reihe Karikaturen von ihm niedergeschrieben, verzerrte Blätter, die meine Enttäuschung und Qual, meine Reue und meinen Haß gegen ihn und mich aufgenommen und meiner Seele entrissen hätten, so wäre er mir später vielleicht erhalten geblieben. Aber ich zwang mich zur Verehrung, zur kurzen Täuschung einer erstorbenen Liebe; das Bild ward fertig und ich hörte auf, an ihn zu denken, erst gewaltsam, dann vermöge der Gewöhnung ohne Mühe. Ich setzte die Kunst auch an diesen Ort meiner Seele und diente ihr streng, keusch und ausschließlich. Judas war ich, der am Leben geblieben zehnmal glühender eiferte als Paulus, der den Herrn nur bekämpft, nie verraten hatte.«

Er seufzte und blieb stumm; ich aber stand sofort auf – ein Erlöstsein ohne Grenze zwang mich zu diesem wenig höflichen Ungestüm. Er war endlich, endlich zu Ende! Ich trat ans Fenster und sah den See grau und schlüpfrig wie einen Brei unter mir, umgeben von schwarzen Wänden, die man als Wälder erriet; ein Motorboot durchzog ihn, lautlos und ohne Licht, anzusehen wie ein Sarg. Ich war von vielen Empfindungen quälend erregt, ich fühlte zornig, das alles hätte nicht geschehen dürfen. Was hatte dieser Tag gegeben? Ich war genötigt worden, hassenswert tiefe Blicke in einen Menschen zu tun, den ich verehrt hatte, und ein großes Kunstwerk war mir auf immer zerstört worden. Denn stets würden, das war schon jetzt gewiß, die drohenden Augen des leidenden Gottes Aphrodites lächelndes Antlitz durchlöchern, und seine Wunden würden auf ihren Händen bluten. Ich war um etwas sehr Geliebtes ärmer.

Plötzlich sagte Klaus Manth mit ganz veränderter und beherrschter Stimme: »Gehen wir hinunter? Bleiben Sie bitte für den Abend bei mir, ich muß mich doch ein wenig heiterer zeigen, an meinem Geburtstage. Schließen Sie die Augen, ich mache Licht.« Die Helligkeit schlug um unsere geschlossenen Lider, dann öffneten wir sie und folgten geblendet unserem Wirt. Plötzlich erschrak ich ohne zunächst zu wissen worüber. Es war mir, als tauchte plötzlich ein vertrautes Gesicht vor meinen schmerzenden Augen auf: Oswald Saach. Ich zitterte. Aber er war ja tot! Und dann begriff ich – man brauchte wirklich Zeit, sich an das Licht zu gewöhnen – vor mir hing, rahmenlos an die Wand genagelt, eine Kohleskizze über das bäurisch bedeutende Gesicht des Musikers. Ich hielt Walter zurück, indem ich selbst stehenblieb: der Kopf brannte vor Lebendigkeit und war dennoch ein einfacher Umriß und einige wesentliche Linien. Die trotzig geworfenen Lippen waren nahe am Reden, und die Augen, schwarze unbestimmte Schattenflecke, glühten mich an … Ich stand und schaute. Ein Mensch hat soviel Kunst in sich, dachte ich dann bitter, und bleibt dennoch ein Krüppel und Fragmentarier. Manth drehte sich um, sah wo wir standen und kommentierte mit gleichgültiger Stimme:

»Die erste Studie zu dem Porträt – Sie wissen. Trauriges Ende, ja. – Ich darf also das Abendbrot bestellen, nicht wahr?« Ich machte Einwände, aber Walter sah mich bittend an, und so gab ich nach und ging mit ihm, um meine Mutter zu benachrichtigen. Als wir allein vor dem blanken und schwarzen Apparat standen, sagte er, ehe ich den Hörer nahm:

»Der arme Mensch. Was er gelitten hat –«

»Ja«, antwortete ich, »was mag er gelitten haben« … Aber ich dachte an Oswald dabei, nicht an den kleinen Maler.

»Und all das um Gebilde, die uns ergötzen.«

Ich sah ihn an: Lieber, Liebster, ich sage dir oft die Wahrheit, aber nicht immer, nicht über alles … und ich liebe dich dennoch … Aber schweigen wir von Oswald – es wäre töricht, nicht? Glücklicherweise bereute ich meine Abwesenheit, ehe er sie bemerken konnte. Er war eigentlich sehr durchtränkt von dem Erlebnis dieser Stunde. Ich wußte nicht mehr, was er eben gesagt hatte.