Der Stern

Das Werk ist mir gewidmet. »Dem Jugendgenossen Walter Rohme« steht auf dem Titel zu lesen, und das bin ich. Erregt es mich darum so besonders tief? Vielleicht sagt sie Fremden wenig, diese »Sonate e-moll in tiefer Lage«. Unter Claudias Händen singt der Flügel mit dunklen, langsam aufstehenden Tönen ein finsteres Thema, weit gespannt, ein Stückchen Nacht, das beinah spricht – von Trostlosigkeit spricht, hervorgebracht durch glockenhafte Klänge, einfach, steigend und die zögern, sich wieder zu senken, stocken und sich neigen: vier gedehnte Takte ohne jegliche Nebenstimme. Und das Cello hebt dieselbe Weise an, das Lied vervielfältigt sich mit sehr zarten Harmonien zu einem Zwiegesang der Schwermut, der manchmal in unverhofften Quinten und Oktaven auseinander klafft als öffneten sich plötzlich schreiende Durchblicke ins Leere der kahlen, kalten, unbegrenzten Trauer … Aber alsbald webt Alexander Sirmisch mit beschwichtigendem Bogen und den vier zitternden Saiten einen tiefbraunen Schleier, sie mit einem Gewirk gehaltener Klage und starr gemessener Trauer zu verhüllen – bis an einer Stelle, auf die ich mit immer neuem Zittern warte, der Flügel alle Zahmheit abschüttelt und sehr laut, in Oktaven, ohne Schonung das nackte Thema wie einen Schrei der letzten Verlassenheit ausstöhnt … Hier läuft mir, so oft ich die Sonate auch gehört habe, ein Schauern von den Schultern zu den Lenden, ich strecke mich, lasse den Kopf rückwärts sinken und gebe mich hin. Oswald, klagt es, Kamerad, alter Kämpfer, daß es auch dich hinunter bekam! Mein Freund … ich erinnere mich, daß es Zeiten gab, in der Schule, noch auf der Universität, wo mir das Leben, die Zukunft nicht wert schien erlebt zu werden, wenn du sie nicht mit mir teiltest … Vier waren wir – zwei fielen ab; du aber machtest dich davon, heimlich an einem Abend, als es regnete und in der fremden Stadt nur fremde Gesichter vor dir auftauchten. Da dachtest du noch an mich und schriebst mir. Aber die Grenze war schon überschritten und deine Gestalt schon Bewohner des anderen Reichs … Und es ist mir, als müsse der tote Komponist wieder an jenen Notenschrank gelehnt stehen, als müsse er lautlos über den blauen Teppich gehen, mit vorgeneigtem Kopfe sich selbst an den Flügel setzen, vor die Lichter, die so oft seinen Schatten riesengroß an die Wände gemalt haben, zuckend vor Inbrunst, und die Musik seiner Klage und Verzweiflung noch viel härter lautwerden lassen, viel anklagender, viel erdrückender … Ich schaue erschreckt in die dunkle Ecke: niemand steht am Notenschrank. Ich schließe die Augen.

Ein vergrämtes Lächeln in den Sechzehnteln des staccatierenden Cellos, beginnt das sinistre Scherzo und verändert die Stimmung, die uns alle erfüllt. Die halbe Erlösung gestaltet sich körperlich in unseren Bewegungen, ohne Anteil des Willens, wie ich von mir aus urteile: ich richte mich auf, nehme ein wenig Haltung an und blicke um mich. Klaus Manth, der Maler, erhebt sich leise und tritt an das Fenster, den Vorhang zur Seite raffend; von Frau Eggeling kommt mir aus weiten Augen durch die Dämmerung des Raumes ernst und glänzend ein langer Blick; aber von Claudia sehe ich über dem Nacken nur das schwarze Haarhaupt und ein Stückchen Wange, an der eine Strähne herniederhängt, und Sirmisch, hinter seinem Instrument und dem schwarzen Notenpulte, neigt mir die erhellte Stirn zu und trinkt mit gesenkten Lidern und leicht geöffneten Lippen die Töne, die sein Bogen hervorholt. Sicherlich hatte niemand von uns vorher gewollt, daß dieser erste Abend unseres wieder vollständigen Trios – Sirmisch war lange in Südfrankreich herumgewandert – ein Gedächtnisdienst für Oswald Saach werden sollte; drei Monate sind eine lange Zeit für Menschen, und die Toten sterben so schnell; aber sicher wissen wir alle fünf, daß jener Tote es ist, der uns in der Dämmerung dieses Musikzimmers so schweigsam macht. Hat nicht, von dem Augenblick an, der uns heute »vollständig beisammen« fand, jeder nur an ihn gedacht, der fehlt, und der früher nahe oder entfernter aber zu jedem von uns in bestimmter Ferne stand? Manth hatte ihn gemalt, und bei dieser etwas lockeren Beziehung war es wohl geblieben; doch schon Sirmisch war ihm als sehr musikalisch angenehm, und zu Claudias alter Mutter zog ihn eine verständliche Verehrung, die sie mit Güte und Beruhigung erwiderte. Ich aber blieb für ihn der Klassenkamerad, ein Jugendgenosse, der ihm gern zuhörte, wenn er von seiner Zukunft redete und als Junge auf einem alten Klavier wunderlich wild fantasierte, und ich hatte auch ihn als letzten Lehrer zu Claudia gebracht, zu dem Mädchen, das soeben mit von ihm gelernter Kunst sein Werk, seine Seele tönen läßt, und das die meine ganz besitzt …

Die Sonate dauert nicht lange. Du warst ein Künstler, Oswald Saach, und hast das Maß gefunden, welches eine solche Stimmung angstgespannter Trauer allein fassen und der Seele tragen helfen kann. Jetzt gibt es noch diese fünf Variationen, in denen das Cello die Stimme der Erinnerung ist und stets neu gewendet das stets gleiche Thema vorträgt, am Ende ohne Bogen und gezupft, tönend wie eine umhüllte Glocke. Ja, ein Mensch wühlt hier wie in Vergangenem, hebt mit beiden Händen schmerzvolle Dinge empor ans Licht, prüft die längst abgetanen und verwirft sie ohne Hoffnung: aber über diesem tief gegründeten Wissen frohlockt in mir die Genußfähigkeit vor der Form, die Lust des Erratens kunstvoller Maskerade, das Erblicken des Gleichen im Veränderten und die Bewunderung des immer neuen Ausdrucks für diese eine, tief wehmütige Angelegenheit. Noch einmal erhebt der Flügel seine Stimme für das erste Thema, für die langsamen, schmerzlichen, jetzt ernst harmonisierten vier Teile, läßt sie klingen, klingen und schweigt.

Niemand rührt sich, alle sinnen, wir an dem hellen Tische bestellt mit japanischem Geschirr voller Rot und Gold und mit Astern in hoher Vase, und die beiden anderen; nur die Lichter knistern über den Tasten, Kerzenlicht, das allein ein lebendiges Wesen ist, nur bewegen sich die Schatten an den Mauern, der Atem der Menschen rauscht leise, und in den Schläfen singt mein verstörtes Blut. Claudia verharrt vor dem Flügel, lautlos, sicherlich hat sie die Hände im Schoß gefaltet; der Maler versinkt klein in einem weiten Sessel, und Frau Eggeling stützt die Stirn mit einem noch im Dämmern weißen Arm auf das Seitenpolster des Divans – da legt, und wir alle erschrecken, der Cellist den Bogen hart klappend auf das schwarze Notenpult, (empfindet er unser Schweigen als peinliche Gemachheit?) erhebt sich brüsk und sagt schneidend in die Stille hinein, während er sein edles Instrument behutsam in die Ecke lehnt:

»Einer Bourgeoise wegen, nicht wahr? Hat man mich recht unterrichtet, so ist eine Ehefrau die Ursache davon geworden, eine Hausfrau, ein sittsames Geschöpf, oder?« Ich wundre mich; auch lehne ich diesen Ton ab.

»Lieber Sirmisch,« antwortet eine sanfte Stimme langsam und ganz einfach, »die Mutter zweier Kinder.« Und ich freue mich zunächst über diese Abwehr. Ich habe, was er sagte, noch nicht aufgenommen, plötzlich begreife ich's und es schlägt wie eine Kugel durch meine Brust.

Claudia wendet sich auf ihrem drehbaren Schemel und sieht mich befremdet an, aus der halbdunklen Tiefe des Zimmers her. Ich verstehe jetzt wieder einmal alle diese Menschen, die einander gernhaben und doch eben jetzt kämpfend einander entgegenstreben (und das ist kein Vergnügen, sondern eine Qual, mit Verlaub): die Mutter, die mit diesem Worte ihr letztes gesagt zu haben scheint, und, daß Sirmisch sich damit nicht zufrieden geben kann – er hat ja erst vor Wochen von dem Ende des Freundes Kenntnis erhalten und diesen Schuß gleichsam selbst empfangen, ganz allein in Paris, unverhofft, ohne jede Vorbereitung – aber auch Claudias Blick: Schweigen wir nicht? und selbst den neugierigen Anteil des Malers an Sirmischs erregtem Gesicht; und weiß doch, hier zwingt es einen Mann zu Worten, und keine Ablenkung fruchtet. Ich fühle mich sehr unruhig; ich bin zu Untätigkeit gezwungen und möchte doch, wie er jetzt antwortet, das Tempo seiner Worte dreimal schneller haben um ganz zu wissen, was vorgeht.